Vorwort zur Serie von Melanie Mertens 

Diplom-Heilpädagogin (Univers.)

 

 

Im Alltag mit Kindern ist es für Bezugspersonen nichts Ungewöhnliches: Ein Kind ist ohne ersichtlichen Grund verändert im Verhalten, verschlossen oder wirkt bedrückt. Oft reicht schon ein Nachfragen, ein kleiner Trost, Nähe und vertraute Situationen, dass sich die Schleusen öffnen, das Kind von seinem Kummer oder  schwierigen Erlebnissen erzählen kann und ins emotionale Gleichgewicht zurückfindet.

 

Was aber tun, wenn die erlebte Irritation tiefergehend zu sein scheint oder das Kind sich mit seinen Erlebnissen verschließt? Was tun, wenn sich ein Negativkreislauf entwickelt und ein Kind aus einer Verhaltensweise, durch die es selbst belastet wird, nicht hinausfindet?

 

Die Verarbeitung von Gefühlen, sich Verstehen mit Spiel - und  Klassenkameraden, das Überwinden von Ängsten und altersgemäße Übernahme von Verantwortung ist für Kinder sehr bedeutsam in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit.

Für ein Kind ist das Gefühl, mit einer schwierigen oder für es alleine unlösbaren Situation nicht alleine dazustehen, das Gefühl, dass auch traurige, wütende und verzweifelte Gefühle geteilt, verstanden und verarbeitet werden können, elementar, um eine gesunde emotionale Entwicklung durchlaufen zu können.

 

Besonders in Situationen, in denen Kinder das Gefühl haben, immer wieder etwas "falsch" zu machen, an etwas "schuld zu sein" oder ein "Unrecht" begangen zu haben, brauchen sie Verständnis und Aufmerksamkeit, um ihre Situation zu bewältigen und veränderte Verhaltensweisen aufbauen zu können.

 

Reglementierungen und Grenzsetzungen durch Erwachsene regeln in solchen Situationen für Kinder möglicherweise zwar den Alltagsablauf, gelangen jedoch nicht an die Gefühle und die tieferliegende emotionale Ebene, den Kern der Persönlichkeit des Kindes.

 

Die Entwicklung von Kreativität und Fantasie - ist eine wichtige Brücke, um an diese tieferliegende emotionale und persönliche Ebene zu gelangen und in schwierigen Situationen Lösungen zu finden.

 

Durch Fantasie und Kreativität wird Freiraum angeboten, einen eigenen Standpunkt zu finden, eine eigene Erkenntnis zu treffen oder zu einer Einsicht zu gelangen, die helfen kann, aus eigener Kraft einen Weg aus einer schwierigen Situation zu finden und die Persönlichkeit zu formen.

 

Geschichten und Erzählungen öffnen für Kinder eben diese Brücke in die Fantasie und Kreativität. Dadurch bieten sie die nötige Portion Spielraum, gerade auch  in schwierigen Situationen, neue Impulse und neue Ideen zur Lösung von Situationen anzunehmen und selbst für sich weiterzuentwickeln.

 

Christa Schyboll bietet mit ihrer Geschichtensammlung vom Stinkemichel und seinen Freunden vielschichtige, fantasievolle und spannende Erzählungen zum Einstieg in einen Austausch mit Kindern über selbst erlebte und beobachtete Problemsituationen. 

 

Die Geschichtensammlung hat typische Alltagsprobleme von Kindern zum Inhalt, wie sie im täglichen Miteinander in Schule, Familie und im Freundeskreis oder in der Bewältigung von Altagsanforderungen immer wieder auftreten: Ausgrenzung, Versagen, Neid, Übertretung von Regeln, aber auch Ängste und Umgang mit Gefahr.

 

Die Besonderheit dieser Geschichtensammlung, liegt darin, dass sie die Perspektive des Kindes auf die Ereignisse und seine Empfindungen in den Mittelpunkt des jeweiligen Geschehens stellen. Die Stärken von Kindern, ihre eigenen Ängste zu überwinden, kreative Lösungen zu finden, zu helfen, das "Richtige" zu tun, aus Fehlern zu lernen, stehen im Mittelpunkt.

 

In jeder einzelnen Geschichte wird ein Spannungsbogen aufgebaut, der keine rasche, vorschnelle und "überlegene" Vorwegnahme der Lösung der geschilderten Probleme erlaubt.

 

Auf diese Weise kann sich das zuhörende oder lesende Kind, besonders, wenn es durch eigene Probleme belastet ist, mit der Szenerie der Geschichte identifizieren und einfühlen. Es macht die entlastende Erfahrung, dass auch die Protagonisten der Geschichte nicht überlegen sind, Fehler machen, manchmal an Grenzen stoßen, die gefahrvoll sind und doch durch Suchen nach Lösungen ihre eigene Kraft entwickeln und sich behaupten.

 

Lösungsmomente der Geschichte können so besonders gut verinnerlicht werde und Anregung geben, zur Bewältigung der eigenen Schwierigkeiten neue Wege auszuprobieren.

 

Für die Einbindung der Geschichten in den erzieherischen und pädagogischen Alltag sind viele Varianten möglich: Gemeinsames Lesen über mehrere Abschnitte, Vorlesen, miteinander Nachdenken über das, was die Protagonisten der Geschichten erleben, Umsetzung der Geschichte in ein Bild oder eine Bildergeschichte, Erzählen über ähnliche selbst erlebte Vorfälle, u.s.w.

 

Wird gezielt eine Geschichte zum Vorlesen ausgewählt, die ein Problem des Kindes berührt und dessen Verarbeitung unterstützen soll, z.B. das Einnässen des Kindes in der Schule, ist es hilfreich, dafür zu sorgen, dass nach dem Lesen der Geschichte genügend Zeit für ein gemeinsames Gespräch oder eine gemeinsame Aktivität verbleibt, die dem Kind hilft, das Gehörte oder Gelesene positiv in seine eigene Erfahrung zu integrieren.

 

 

Dipl. Heilpädagogin (Univ.) Melanie Mertens

 

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(c) Christa Schyboll, 2017