Ich spiele mich durchs Sein

und übe in der Nacht das körperlose Fliegen
derweil mein Geist Erkenntnismuster voller Schönheit webt
und mich trotz Gefahren

unversehrt die Wege der Erfahrung gehen lässt

 

 

 

 

                                                                                                   

                                                                                            Bild: Dietmar Simsheuser

 

 

 

Adieu

 

 

Weich gezeichnet deine Knochen

Unterm faltigen Gesicht

So schlaff die Hand, die mir Märchen

Mit so feinen Gesten zu erzählen wusste

 

Weiß dein dünnes Haar

Dem letztes Grau entschwand

Und  sauber festgeknotet

Den gebeugten Nacken ziert

 

Drückt in den letzten Stunden

Dich das Leben, das du nie gelebt

Oder die Sünde, Die du nie begangen

Die Lust, die unverbraucht

Sich in den letzten Augenblicken

Vereinsamt durch die Sinne schleicht

 

Schleppend lang die vielen wachen Nächte

Die den späten Tod willkommen heißen

Derweil in anderen Häusern er die Früchte schnitt

In dieser Nacht hat er dein Körperhaus betreten

 

Bevor wir scheiden:

Sprich ein letztes mal zu mir!

Aus deinem Antlitz  lass die Sonnen

Des Vergangenen aufblitzen

Bemale mir  Erinnerungen

mit den unbenutzten Farben

Deines grau gewordenen Lebens

 

Drück mir sanft

Mit  welk gewordener Hand

Zukunft in die Innenfläche meiner Rechten

 

Berühr mein junges Fleisch noch einmal

Und schick mir mit dem letzten Blick der Augen

Ein Adieu

 

(c) Christa Schyboll

 

 

 

Dein Haar, so weiss

 

 

Dein Haar, so weiss
In langem Zopf geschickt geflochten
Schimmert nächtens wie polierter Reis

 

Dein Aug, grüngrau
Lässt keinen Stern erblitzen
Senkt den Blick ins dunkle Blau

 

Dein Mund, so blass
So voller nicht gesprochener Worte
Die Lippen ungeküsst und Tränen nass

 

Die Arme,
ach so lang und leer
Und ohne einen Liebsten, der zu umfangen wär‘

 

Der Leib, so weich
So wässrig und so fließend
An Metastasen reich

 

Der letzte Gang, so mühevoll
So schleppend durch den Tag
Ein jeder Schritt in dunkles Moll

 

Das Herz, erzitternd
Nach dem nahen Tod
Um Lebenszeit verkürzend bittend

 

Dein Geist:So lichterloh entbrannt
Entflammt für neue Welten
Steht über Schmerz und Tod – zerteilt die letzte Wand

 


(c) by Christa Schyboll

 

 

***

 

 

 

 

Lockern wir doch unser Bewusstsein auf!

 

Fächern wir ihm doch Freude zwischen kleine Seins-Anteile.

 

Entkrampfen wir doch endlich

 

die lastenden Fragen ohne Antwort

 

in seinen geheimen Winkeln

 

und fühlen uns eins

 

 

 

(c) by Christa Schyboll

 

 

 

***

 

 

Hinter der Grenze des Lebens

 

Keinen Boden unter den Füßen

 

Einzig nur Luftwanderer finden Halt

 

Sturz in uns selbst

 

 

 

Dort, in uns angekommen

 

Ein erstaunliches Nichts – zunächst

 

 

Zögernd dämmert es sich in ein: Etwas

 

Blind tastend erkunden wir die neue Welt

 

Die, ach, so alt, so geistestief!

 

 

Von hier aus erst ist das Luftgehen zu erlernen

 

Wahre Festigkeit liegt allein im Haltlosen

 

 

 

 

©  by Christa Schyboll

 

 

***

 

Eine Ballade

 

 

Im Pub

 

Da sitzen sie, gebückt
Und murmeln durch vergilbte Zähne
Hin und wieder - Dies und Das
Vulgäres und Banales halt

 

Vulgäres und Banales
Das sein Territorium an solchen Orten weitet
Dann wieder beharrliches Schweigen
Auf harten Stühlen das feiste Fleisch

 

Ach! All diese Worte!
Wozu denn Worte! - Wenn man doch sieht, was ist!
Wozu miteinander reden!
Es ändert doch nichts.

 

Je ordinärer das Gelächter
Umso größer die Lust … auf die Lust
Je verrufener die Spelunke
Umso stärker der Reiz, sein Eigenwesen mit in den abendlichen Ring zu schmeißen

Je wüster die Gäste


Umso unstillbarer das lauernde Verlangen
Nach Mehr und Mehr
Vom Hässlichen der Welt

Hier wird nicht gefiedelt und fröhlich gesungen!


Dieser Pub hier ist ein Loch!
Ein ganz armseliges Loch.
Einer von denen, wo die Vergessenen abhängen.

Das Unheil der Vergangenheit


Unter den alten Dielen ächzt es unter jedem Schritt
Erregtes sucht hier und da nach Befriedigung
Mit weit geöffneten Sinnen
Die sich schutzlos und grob in den Sumpf der Sünde begeben

 

Man verschone uns doch bitte alle
Mit moralinsaurem Geschwätz!
Das Leben drückt schon schwer genug
Mit all seinen Anforderungen und all den gewalttätigen Pflichten

 

Verderben und Trostlosigkeit
Ist den Leuten in faltige Gesichtszüge gemeißelt
Wachsam beäugen sie jeden Fremden, der ihre Welt betritt
Lauernd darauf, wes Teufels Kind er ist

 

Reinheit ist verdächtig… und selten hier gesehen!
Reinen Lumpen ist zuvorzukommen!
Bevor sie mit ihrem Sosein die Gewohnheit des Gewohnten zerstören

Denn wer weiß: am Ende haben sie noch Recht


Mit was?
Das spielt doch keine Rolle.
Wer kann denn schon wollen, das sie Recht haben?
Niemand!
Na also! Doch alles Lumpen!

 

Tritt jemand in die Spelunke ein
Erwarten ihn lauernde Blicke
Wer nicht hier hinein passt, wird gedanklich entsorgt
Bevor er sich an der Theke niederlässt

 

Ist jemand blickscheu, gar ein Ignorant:
Dann tut es notfalls ein hartes Wort
Oder die harte Faust
Oder ein Tritt in den Allerwertesten

 

Die Sache des Schmutzes
Muss rein bleiben in seinem Wesen:
Also ein Heidendreck sein und eine echte Sudelei bleiben
Die man als solche auch sauber er kennt

 

Oder zu anderen Zeiten
Zum Beispiel in verrauchten, versoffenen Nächten
Voller Whiskey und willigem Fleisch
Das sich in seiner Üppigkeit präsentiert

 

Auch da will der Schmutz seine Reinheit bewahren:
Er versteckt sich nicht in schmierigen Ecken wilder Kaschemmen
Oder unter all den versifften Tischen
Sondern er dient sich offen dem unbarmherzig klaren Blick an.

 

Geradewohl wie es kommt!

 

Gin!, Gin!, ruft der Alte hinten in der Ecke
Der andere grapscht in die Weichheit voller Weiberbrüste
Gin!, Gin!, brüllt ein anderer fröhlich und trunken zurück
Die Welt ist überschaubar klein geworden

 

Ein wild wüchsiger Bart steht in der Tür
Dahinter das Gesicht eines Hünen
Die Wirtin sieht ihn und denkt:
„Ach, all die Wärme in meinem geheimnisvollen Garten der Lüste"

 

Der Kerl ist böse. Man sieht es ihm an. Hier ist er richtig!
Hier im versammelten Unheil heran brechender Nacht
Hier darf er toben oder sich hemmungslos besaufen
Wenn‘s für eine heftige Keilerei nicht mehr reicht

 

Der Fremde stapft auf die Wirtin zu
Sie schenkt ihm ein - Ohne dass er darum bittet
Drei bartlose Kerle machen ihm Platz
Erwartungsfroh
Auf dass endlich das Böse lebendig ersprießt

 

Wie? Ist egal. Irgendwie eben!
Den ganzen Abend schon Schwärt die offene Wunde des Unheils
Sie stinkt vor sich hin.
Wenn kein Jod für die Wunde, dann wenigstens Whisky oder Gin für die Kehle

Mehr aber noch fürs Herz

 

Hinten links! - Das Aufblitzen eines gezückten Messers
Da, schaut!

 

Sam lacht.
Aber Sam lacht immer und über alles
Mit seinem zahnlosen Grinsen
Das bald ins Kichern übergehen wird

 

DAS ist die Pub-Musik, die hier spielt
Abend für Abend. - Sams lächerliches Kichern!

Zu sagen weiß er nichts
Worüber sollte er auch reden!


Unnützes Zeugs all diese Worte
Dann doch besser lachen.
Oder grinsen, wenn das Maul zu faul ist, sich zu öffnen.

 

Der Flechtenbart kippt den Zweiten.

Der Wirt beobachtet seine Frau
HA! Sie reckt sich wieder!
Er kennt das, wenn sie sich reckt


Wenn sie sich größer macht als sie ist

Er beobachtet das schon seit Jahren.
Immer wenn bestimmte Kerle kommen.
Dann reckt sie sich. Solche Hünen, wie der Flechtenbart.


Nicht solche wie er selbst.

Dann strafft sie sich, …. zeigt, was sie hat
Heute Nacht! Heute Nacht aber wird er es ihr zeigen.
Na warte, du Alte!

 

Der Bart spricht: „Saukalt draußen!“

Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten
Das Messer verschwindet unbemerkt in der Scheide
Hinten, links.

 

„Noch einen!“

Der Wirt tritt heran
Er schubst seine Frau beiseite
„Geh in die Küche! Mach ein paar Stullen Brot!“

 

Der Wirt schenkt nach.
Die Wirtin wird wieder kleiner
Schrumpft auf Normalgröße
Trollt sich maulend von dannen!

 

Es sind solche Orte des Lebens
Wo sich das nicht ausgelebte Übel trifft
Mit der Not
Und mit der Sehnsucht ohne Vision

 

Bereit, sich zu geben
Bereit, auf sich zu verzichten
Selbst bereit fürs Absurde
Wenn doch dieser dumpfe Herzschmerz davon nur verging

 

 

by (c) Christa Schyboll

 

 

***

 

 

 

 

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(c) Christa Schyboll, 2017