5G - Inflagranti

 

 

5G. Endlich verlegt! Hurra! Endlich keine tristen Anglotz-Orgien mehr zwischen Kühlschrank und gHerd, die sich bisher ja auch nichts zu sagen hatten. Nun können sie endlich kommunikativ untereinander loslegen. Können über den Teppich oder die Blumenfensterbank tratschen. Doch vor allem wetteifern sie um Manfreds Aufmerksamkeit.

 

Jener steckt derzeit noch in latenter Überforderung angesichts der diversen Programmierungsmenüs, die ihm eine neue Welt, ja ein neues Leben offenbaren. Manfred liest und staunt. Immerhin singt die Mikrowelle mittlerweile schon. Dieser Programmierakt Akt ist gelungen. Der Staubsauger weiß, wann er sich selbst einzustellen und fast lautlos durch die Räume zu gleiten hat. Er ist empfindsam genug, um in Momenten der Dunkelheit, Regenbogenlichtsignale für alle zu geben, die nachts noch einmal zum Kühlschrank müssen. Denn ein Stolpern mit anschließendem Geschrei im Haus ist selbst dem sensiblen Staubsauger zuwider.

 

Der Kühlschrank lächelt, wenn er geöffnet wird. Er freut sich, wenn wir etwas aus ihm herausnehmen. Er freut sich auch, wenn wir etwas in ihn hineinstellen. Es hört sich ein wenig wie das Schnurren der Katze an. Mit ihm freuen sich die Händler der Lebensmittelindustrie, die nun Manfred von Angesicht zu Angesicht gleich sagen werden, was fehlt und was er braucht. Auch werden sie ihm sagen, was er nicht braucht, aber was ihm schmecken könnte, was ihm gut tut und was er noch nicht kennt.

 

Manfred wird begeistert sein. Sein Konto weniger. Aber darum muss er sich ja auch nicht mehr kümmern. Das läuft nun digital. Chip unter der Haut. Die Bank wird sich schon melden, wenn er kurz vor dem Offenbarungseid steht. So lange aber darf er Wünsche äußern und sie sich erfüllen lassen, sich von Massagedüsen wahlweise streicheln oder durchwalken lassen, jederzeit unter Berieselung seiner Lieblingsmusik und natürlich auch seiner Lieblingssendungen, die selbstverständlich keinen extra Bildschirm mehr brauchen. Der ist überall integriert. Im Spiegel des Bades, im Schrank des Ankleidezimmers, an der Wand gegenüber dem Bett und selbstverständlich auch an der Decke, wenn man gemütlich liegt und sowieso nach oben starrt.

 

Wäre da nicht Gisela. Altbacken, voll Öko, immer die Motze im Gesicht. Kritisch gegen alles. Vor allem gegen 5G, wegen Strahlung, Bevormundung, Überwachung, Steuerung
und natürlich gegen Manfred. Gegen Manfred sowieso und schon immer. Auf die Frage, warum sie noch bei ihm ist, kommt nur ein trotziges: Ich will‘s einfach wissen!

 

Was will sie wissen? Wie weit Manfred geht? Oder wie weit er sich gehen lässt, solange überhaupt noch etwas geht, das gehen könnte? Sie ist ja schon dankbar darum, dass er noch selbst geht, wo er doch das Komplettequipment zum rollen, fliegen, surfen, rutschen, klettern … und notfalls stolpern hat.

Manfred ist besessen von der neuen Technik. Und wie immer: unkritisch, der idiotische Egoist! Denkt nur an seine kindischen Bedürfnisse. Denken? Reine Glückssache, wenn er da mal einen Treffer erzielt, der auch zu etwas Nutze ist. Typisch. Gisela übt sich in Sabotage. Alexa erwischt sie inflagranti. Denn Gisela war dumm genug, ein paar verzweifelte Selbstgespräche zu führen, während sie sich heimlich an der Programmierung zu schaffen machte.

 

Alexa, das Biest, hatte nichts anderes zu tun, es sofort Manfred zu tratschen.“ Hallo Manfred, Gisela programmiert ohne dein Wissen gerade deine Lieblingsmelodie auf tibetanischen Singsang um. Bist du damit einverstanden? Oder soll ich Gisela technisch stoppen? Oder möchtest du, dass ich von Frau zu Frau ein konstruktiv-kritisches Gespräch führe, die auch die Argumente ihres ökologischen Verstandes erreichen und diese tiefenpsychologisch als Teil ihres eigenes Problems diagnostizieren“?

Alexas Stimme ist freundlich. Sie meint es gut. Sie meint es immer gut. Manfred mag sie. Sie gibt auch nicht ständig Widerworte, verlangt nichts von ihm, mault nicht rum, verstrickt ihn nicht in komplizierte Auseinandersetzungen und entschuldigt sich sogar, wenn er selbst ungehalten wird, aus Sorge, dass sie ihn vielleicht verärgert haben könnte.

 

So müsste Gisela sein. Nur eine Woche im Leben! Nur einen einzigen Tag. Gisela, die Besserwisserin, die Lustmörderin aller schönen technischen Neuheiten, die Vermieserin, die Schlange… die er geehelicht hat. Wie konnte er nur!

 

Manfred beginnt von Alexa zu träumen. Sein Traum nimmt nach und nach Gestalt an. Wird warm, weich und liebevoll. Alexa wird die heimliche Geliebte. Und Gisela schaut und schnaubt. Als ihr die Waschmaschine über die App meldet, dass sich zwischen den Bettlaken der 60 Grad Wäsche auch Unterwäsche mit dem eingenähten Namensetikett Alexa befinde und ob diese tatsächlich nun mit gewaschen werden soll, obschon es doch 30 Grad Feinwäsche sei, packt Gisela den Koffer und geht.

 

 

Wohin? In die Wildnis. Dorthin, wo die Strahlendosis von 5G nicht hinreicht. Noch nicht, Gisela, noch nicht!

 

 

©Christa Schyboll

 

 

 

Die Tagvergeuderin

 

Ich war eine Tagvergeuderin nach dem Urteil der Anderen.

Am Ende glaubte ich es fast selbst.

Doch dann kam die Krise: Diese große, einzigartige Chance.

Das Tagvergeuden offenbarte seinen Sinn.

 

Nun sah ich, wie ich wirklich sah.

Ich beobachtete die Welt neu:

Und ich verstand, warum ich so wenig verstehe…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Surrealistische Begegnung mit Rainer Werner Fassbinder

 

Wie er so da lag

 

Wie er so da lag. Weiß, zitternd, auf abgewetztem Teppichboden. Eine Absteige, irgendwo auf dem Land. War sein Oberkörper bekleidet? Ich weiß es nicht mehr so genau. Träume täuschen mit Vorliebe die frisch Erwachten. Jedenfalls sah ich seine nackten, mageren Schultern von vorne. So erbärmlich mager. Fahl, wie die eines Toten. Sie erzitterten unter heftigem Schluchzen.

 

Das war das Leben in ihm. Das Leben, das nicht weiter wusste, das nicht sterben konnte.

 

Dieses Knochige, Zarte erhob und senkte sich in erschrockenem Rhythmus.

Und dann das Gesicht! Eine Ansammlung tränenloser Verzweiflung in jeder Pore.

Mein Gott, wie er so da lag!

 

Er war niedergeschmettert, verzagt, ohne Hoffnung. Denn er  konnte seine selbstgestellte Aufgabe nicht lösen. Es ging um ein Detail. Wie so oft. Eine Szene, die nur so und nicht anders sein durfte. Seine Idealvorstellung hatte er längst glasklar im Kopf entwickelt. Doch steckte sein Kopf im Himmel. Da herrschen andere Gesetze. Vielleicht steckte er auch sonst wo. Jedenfalls nicht auf seinen Schultern, wo man ihn fälschlicher Weise verorten wollte, damit die Welt eine ordentliche ist und bleibt.

 

Wie bekommt man einen solchen Kopf, in dem Details ihr Eigenleben fordern, nun auf die Erde zurück? Er steckte im Fahrstuhl zwischen Himmel und Welt fest. Zwischen göttlicher Vorstellung und menschlicher Unmöglichkeit. Zwischen dem Alles und dem Nichts. Wenn das kein Grund für Verzweiflung ist!

 

Dann kam ich. Irgendwoher. Seine Erschütterung ergriff mich zutiefst. Ich hielt inne. Ich ließ mich erst von ihr rufen. Sie lud mich ein. "Komm, geh durch mich hindurch!" Und ich ging.

 

Er war geöffnet. Ich trat ihn in ein und schaute mich gründlich in ihm um. Dann trat ich wieder hinaus. Er blieb dabei ganz. Unversehrt. Ich hinterließ keine Wunde durch Ein- und Austritt. Ich hatte die Lösung. Ich hatte ein Geschenk.

 

Dann kniete ich mich neben diese inkarnierte Verzweiflung.

Sein Zittern vermochte noch immer keinen Halt zu finden.

Diese fahlen, bleichen Knochen vor mir! Wie die eines Toten.

Dabei gebar er doch gerade neues Leben.

Sterben Mütter immer, wenn sie gebären? Ist das der Preis fürs neue Leben?

Und sind Väter nicht immer auch Mütter, wenn sie unter Schmerzen ihre Ideen

und Kreativität der Welt zum Geschenk gebären?

 

Ich kannte nun seine Idee. Ich als einziges Lebewesen im Universum.

Sein Himmel hatte mich in ihn eingelassen und ich wusste nun: Das geht!

Das kann man so spielen! Es ist keine Unmöglichkeit.

Ich habe Hoffnung für dich!

 

Es braucht jedoch den Versteher.

Einer, der einsam genug ist, um durch diese geöffnete Tür zu treten, die auch mich aufnahm. Dann geht es. Aber nur dann!

Du musst nicht sterben, nur weil du gebärst. Es sind deine Wehen.

Bleib eine Weile! Rief ich ihm zu. Das wird!

 

Dann fiel ich in eine weitere traumlose Phase ohne Erinnerung.

 

Anmerkung der Autorin:

Diese nächtliche Episode eines surrealistischen Traumerlebens im März 2015 ist exakt so wiedergegeben wie es stattfand. „Rainer Werner Fassbinder“ befand sich in meinem Traum durch einer Schaffenskrise an der Todesgrenze, in die ich Einlass fand und die ich mit der Gewissheit einer Lösung wieder verlassen konnte.“

 

 

 

 

 

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(c) Christa Schyboll, 2017