Die Tagvergeuderin

 

Ich war eine Tagvergeuderin nach dem Urteil der Anderen.

Am Ende glaubte ich es fast selbst.

Doch dann kam die Krise: Diese große, einzigartige Chance.

Das Tagvergeuden offenbarte seinen Sinn.

 

Nun sah ich, wie ich wirklich sah.

Ich beobachtete die Welt neu:

Und ich verstand, warum ich so wenig verstehe…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Surrealistische Begegnung mit Rainer Werner Fassbinder

 

Wie er so da lag

 

Wie er so da lag. Weiß, zitternd, auf abgewetztem Teppichboden. Eine Absteige, irgendwo auf dem Land. War sein Oberkörper bekleidet? Ich weiß es nicht mehr so genau. Träume täuschen mit Vorliebe die frisch Erwachten. Jedenfalls sah ich seine nackten, mageren Schultern von vorne. So erbärmlich mager. Fahl, wie die eines Toten. Sie erzitterten unter heftigem Schluchzen.

 

Das war das Leben in ihm. Das Leben, das nicht weiter wusste, das nicht sterben konnte.

 

Dieses Knochige, Zarte erhob und senkte sich in erschrockenem Rhythmus.

Und dann das Gesicht! Eine Ansammlung tränenloser Verzweiflung in jeder Pore.

Mein Gott, wie er so da lag!

 

Er war niedergeschmettert, verzagt, ohne Hoffnung. Denn er  konnte seine selbstgestellte Aufgabe nicht lösen. Es ging um ein Detail. Wie so oft. Eine Szene, die nur so und nicht anders sein durfte. Seine Idealvorstellung hatte er längst glasklar im Kopf entwickelt. Doch steckte sein Kopf im Himmel. Da herrschen andere Gesetze. Vielleicht steckte er auch sonst wo. Jedenfalls nicht auf seinen Schultern, wo man ihn fälschlicher Weise verorten wollte, damit die Welt eine ordentliche ist und bleibt.

 

Wie bekommt man einen solchen Kopf, in dem Details ihr Eigenleben fordern, nun auf die Erde zurück? Er steckte im Fahrstuhl zwischen Himmel und Welt fest. Zwischen göttlicher Vorstellung und menschlicher Unmöglichkeit. Zwischen dem Alles und dem Nichts. Wenn das kein Grund für Verzweiflung ist!

 

Dann kam ich. Irgendwoher. Seine Erschütterung ergriff mich zutiefst. Ich hielt inne. Ich ließ mich erst von ihr rufen. Sie lud mich ein. "Komm, geh durch mich hindurch!" Und ich ging.

 

Er war geöffnet. Ich trat ihn in ein und schaute mich gründlich in ihm um. Dann trat ich wieder hinaus. Er blieb dabei ganz. Unversehrt. Ich hinterließ keine Wunde durch Ein- und Austritt. Ich hatte die Lösung. Ich hatte ein Geschenk.

 

Dann kniete ich mich neben diese inkarnierte Verzweiflung.

Sein Zittern vermochte noch immer keinen Halt zu finden.

Diese fahlen, bleichen Knochen vor mir! Wie die eines Toten.

Dabei gebar er doch gerade neues Leben.

Sterben Mütter immer, wenn sie gebären? Ist das der Preis fürs neue Leben?

Und sind Väter nicht immer auch Mütter, wenn sie unter Schmerzen ihre Ideen

und Kreativität der Welt zum Geschenk gebären?

 

Ich kannte nun seine Idee. Ich als einziges Lebewesen im Universum.

Sein Himmel hatte mich in ihn eingelassen und ich wusste nun: Das geht!

Das kann man so spielen! Es ist keine Unmöglichkeit.

Ich habe Hoffnung für dich!

 

Es braucht jedoch den Versteher.

Einer, der einsam genug ist, um durch diese geöffnete Tür zu treten, die auch mich aufnahm. Dann geht es. Aber nur dann!

Du musst nicht sterben, nur weil du gebärst. Es sind deine Wehen.

Bleib eine Weile! Rief ich ihm zu. Das wird!

 

Dann fiel ich in eine weitere traumlose Phase ohne Erinnerung.

 

Anmerkung der Autorin:

Diese nächtliche Episode eines surrealistischen Traumerlebens im März 2015 ist exakt so wiedergegeben wie es stattfand. „Rainer Werner Fassbinder“ befand sich in meinem Traum durch einer Schaffenskrise an der Todesgrenze, in die ich Einlass fand und die ich mit der Gewissheit einer Lösung wieder verlassen konnte.“

 

 

 

 

 

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(c) Christa Schyboll, 2017