Das Lied vom toten Sieger

 

 

Sollten die Zeiten nicht zu den Räumen passen,
in denen sie vorübergehend Platz nehmen?


Doch wie muss ein Raum beschaffen sein,
um in Zeiten des Krieges geeignet zu sein?

 

Wie martialisch muss das Gestein
der politischen Geologie beschaffen sein,
damit Detonationen gleich den Posaunen von Jericho
durch den Orbit menschlicher Seelen schallen?

 

Nur in geeigneten Räumen
findet Kriegshandwerk fruchtbaren Boden
für sein zerstörerisches Werk.

 

Erblüht der Krieg,
wird der müde gewordene Frieden zerbombt.

 

Schon lange siechte der Frieden vor sich hin.
Hing an den Schläuchen vergehender Hoffnungen
und wurde genährt mit den Lösungen des Bösen.

 

Singt mit mir das Lied vom toten Sieger
und ehrt damit den Frieden,
der den Krieg überwinden wird
wenn die Zeit dafür reif ist.

 

Reif werden muss zuvor der Mensch.
Denn er gestaltet die Qualität der Zeit im Raum.


Er hat die Urgründe der Dinge
verstehen zu lernen

 

Das Gute kann ohne das Böse kein Gutes sein.
Erst das Böse gibt dem Guten
die Grundlage der freien Entscheidung.

 

Die Seelen der Toten
taumeln in gespenstischen Körpern
traumatisiert durch den Raum
und wähnen sich in einem Albtraum ohne Zeit.

 

Einer Zukunft, die nicht mehr wird,
weil man sie um ihre Möglichkeit des Seins betrog.

 

Wir sind nun um viele Erkenntnisse reicher.
Sagen die, die den Knopf drückten.

 

Doch die Erde ist ein Organismus
Alles hängt mit allem zusammen.
Kopffüßler begreifen dies nicht,
sondern tun, was befohlen ist!
Befehl ist Befehl.

 

Der Raum stöhnt auf.
Die Zeit steht still
und verweigert sich ihrem rhythmischen Ablauf.

 

Krieg braucht den Boden des Bösen.


Er versteckt sich geschickt
hinter der Maske politischer Sorge,
die uns als Schutz verkauft wird
hinter dem Schleier mächtiger Interessen.

 

Der Feind lauert überall.


Vor allem in der Ideologie,
die vom korrumpierbaren Menschen lebt.

 

Wachstum und Harmonie
schließen sich bekanntlich zeitgleich aus.

Wachstum ist immer auch Schmerz.
Deshalb braucht es das Wachsen
vom Krieg zum Frieden hin
Dem Frieden zuliebe.
Nur dem Frieden zuliebe!
Und dem Wachsen natürlich!

 

Auch der tödliche Vulkan
gebiert fruchtbare Asche.

 

Schaut euch doch um!
Dann erkennt ihr die Logik des Todes,
der Platz macht für neues Leben.

 

Solche Erkenntnisse sind bitter
Und überlebensnotwendig.

So dient das Böse dem Guten,
was aber das Böse nicht gut macht,
sondern nur in seinem Wesen offenbart.

 

Und nun ist jetzt wieder einmal der Sieger tot.
Die Verlierer in Not.
Die Erde verbrannt, abgefackelt das Land.
Es riecht stark nach Brand.
Es riecht süß nach Tod,
der Hunger, die Not…

 

Es wächst neu der Frieden,
und er dient neuen Kriegen!

 

… Und in den zukünftigen Kriegen,
keimt neu die tiefe Sehnsucht nach Frieden

 

© Christa Schyboll – 2018

 

 

 

 

Die Tagvergeuderin

 

Ich war eine Tagvergeuderin nach dem Urteil der Anderen.

Am Ende glaubte ich es fast selbst.

Doch dann kam die Krise: Diese große, einzigartige Chance.

Das Tagvergeuden offenbarte seinen Sinn.

 

Nun sah ich, wie ich wirklich sah.

Ich beobachtete die Welt neu:

Und ich verstand, warum ich so wenig verstehe…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Surrealistische Begegnung mit Rainer Werner Fassbinder

 

Wie er so da lag

 

Wie er so da lag. Weiß, zitternd, auf abgewetztem Teppichboden. Eine Absteige, irgendwo auf dem Land. War sein Oberkörper bekleidet? Ich weiß es nicht mehr so genau. Träume täuschen mit Vorliebe die frisch Erwachten. Jedenfalls sah ich seine nackten, mageren Schultern von vorne. So erbärmlich mager. Fahl, wie die eines Toten. Sie erzitterten unter heftigem Schluchzen.

 

Das war das Leben in ihm. Das Leben, das nicht weiter wusste, das nicht sterben konnte.

 

Dieses Knochige, Zarte erhob und senkte sich in erschrockenem Rhythmus.

Und dann das Gesicht! Eine Ansammlung tränenloser Verzweiflung in jeder Pore.

Mein Gott, wie er so da lag!

 

Er war niedergeschmettert, verzagt, ohne Hoffnung. Denn er  konnte seine selbstgestellte Aufgabe nicht lösen. Es ging um ein Detail. Wie so oft. Eine Szene, die nur so und nicht anders sein durfte. Seine Idealvorstellung hatte er längst glasklar im Kopf entwickelt. Doch steckte sein Kopf im Himmel. Da herrschen andere Gesetze. Vielleicht steckte er auch sonst wo. Jedenfalls nicht auf seinen Schultern, wo man ihn fälschlicher Weise verorten wollte, damit die Welt eine ordentliche ist und bleibt.

 

Wie bekommt man einen solchen Kopf, in dem Details ihr Eigenleben fordern, nun auf die Erde zurück? Er steckte im Fahrstuhl zwischen Himmel und Welt fest. Zwischen göttlicher Vorstellung und menschlicher Unmöglichkeit. Zwischen dem Alles und dem Nichts. Wenn das kein Grund für Verzweiflung ist!

 

Dann kam ich. Irgendwoher. Seine Erschütterung ergriff mich zutiefst. Ich hielt inne. Ich ließ mich erst von ihr rufen. Sie lud mich ein. "Komm, geh durch mich hindurch!" Und ich ging.

 

Er war geöffnet. Ich trat ihn in ein und schaute mich gründlich in ihm um. Dann trat ich wieder hinaus. Er blieb dabei ganz. Unversehrt. Ich hinterließ keine Wunde durch Ein- und Austritt. Ich hatte die Lösung. Ich hatte ein Geschenk.

 

Dann kniete ich mich neben diese inkarnierte Verzweiflung.

Sein Zittern vermochte noch immer keinen Halt zu finden.

Diese fahlen, bleichen Knochen vor mir! Wie die eines Toten.

Dabei gebar er doch gerade neues Leben.

Sterben Mütter immer, wenn sie gebären? Ist das der Preis fürs neue Leben?

Und sind Väter nicht immer auch Mütter, wenn sie unter Schmerzen ihre Ideen

und Kreativität der Welt zum Geschenk gebären?

 

Ich kannte nun seine Idee. Ich als einziges Lebewesen im Universum.

Sein Himmel hatte mich in ihn eingelassen und ich wusste nun: Das geht!

Das kann man so spielen! Es ist keine Unmöglichkeit.

Ich habe Hoffnung für dich!

 

Es braucht jedoch den Versteher.

Einer, der einsam genug ist, um durch diese geöffnete Tür zu treten, die auch mich aufnahm. Dann geht es. Aber nur dann!

Du musst nicht sterben, nur weil du gebärst. Es sind deine Wehen.

Bleib eine Weile! Rief ich ihm zu. Das wird!

 

Dann fiel ich in eine weitere traumlose Phase ohne Erinnerung.

 

Anmerkung der Autorin:

Diese nächtliche Episode eines surrealistischen Traumerlebens im März 2015 ist exakt so wiedergegeben wie es stattfand. „Rainer Werner Fassbinder“ befand sich in meinem Traum durch einer Schaffenskrise an der Todesgrenze, in die ich Einlass fand und die ich mit der Gewissheit einer Lösung wieder verlassen konnte.“

 

 

 

 

 

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(c) Christa Schyboll, 2017