Nur mal so ... spontan in den Raum geworfen

 

 

Aus meinem aktuellen Lesestoff

 

Hinweis:

Die nachfolgenden Ausführungen zu gelesenen Büchern  sind keine klassischen Buch-Rezensionen

(diese sind reichhaltig im Internet zu finden), sondern eine subjektive atmosphärische Begleitung durch ein Buch oder Anmerkungen über ein Buch/Bücher, die es wert sind, an interessierte Leser weitergegeben zu werden - darunter Neues und Altes, Bestseller und unbekannte Bücher.

 

 

(bei Bedarf runterscrollen)

 

 GRM, Brainfuck, Sibylle Berg, KIWI

Joachim  Meyerhoff, 5teiliger Romanzyklus, KIWI

QualityLand und QualityLand 2.0, Marc-Uwe Kling, Ullstein

Das Schicksal heisst Goethe, Karen Swassjan, Verlag am Goetheanum

 

 

 

Nachtrag Meyerhoff

(Hamster im hinteren Stromgebiet)

 

Mittlerweile bin ich eingestiegen, habe mich sicherheitshalber sofort auf die Suche nach Schlaganfallssymptom-Zeichen gemacht und die Notfallnummer notiert. Man weiß ja nie.  Mein Lachen ist im Moment noch etwas verhaltener, weil das Thema erst einmal ziemlich ernst ist. Dass aber auch in den tragischen Minuten dem Autor der Humor partout nicht abhanden kommen will, bezeugt mein dennoch immer wieder neues Kichern, das die tatsächliche Tragik entschärft. Vermutlich hat genau dieser schwarze Humor ihn am Ende gerettet? - Zwei Drittel des Buches warten noch auf meine Aufmerksamkeit.

 

 

 

 

Karen Swassjan

(Das Schicksal heisst: Goethe)

 

Nachdem ich noch immer auf mein letztes Meyerhoff-Buch warte, hier schon mal vorab noch ein kleines, aber feines Büchlein mit meinen Hinweisen über bis heute oftmals unverstandene Seiten des Universalgenies Goethe.

 

Generationen von Schülern wurden zu früheren Zeiten mit Goethe regelrecht gequält. Ich wiederum wurde zu meiner Zeit regelrecht um ihn betrogen. Doch davon wusste ich zunächst nichts. Hier musste mir erst eine kleine Schrift über den Lebensweg laufen, die mir mit unerbittlicher Klarheit dies aufzeigte und ein qualitatives Entsetzen in mir nachträglich auslöste. Dieses überschaubar kleine Buch hat es in sich; es vermag zugleich zu führen und zu verführen zu einem Menschen, der vielen von uns nur als - wenngleich großer – „Dichter“ verkauft wurde. In Wirklichkeit jedoch war er viel mehr, was man uns aus unerfindlichen Gründen verschwieg. Er war eine Art Kollektivwesen, das hier das hier aber anderes meint als das Universalgenie.

 

Der Autor dieser  Schrift, Prof. Dr. Karen Swassjan, gilt als ausgewiesener Goetheexperte und wird seinem Anliegen in so ganz anderer Art seiner Aufgabe gerecht als die üblichen ungezählten Lobeshymnen oder Biographien.

Goethe wird hier mit einem neuen Blick er- und angeschaut und das Wesenhafte in feiner Weise rauskristallisiert, so als handele es sich um eine gänzlich neue Durchblickung. Dieses Wesentliche zeigt sich verblüffender Weise u. a. auch an Goethes Wortallergien - trotz seiner 133 Bände Gesamtwerk. Die erstaunlichen  Beweise dafür werden durch Goethe selbst vom Autor angeführt.

 

Das Besondere dieses Menschen, dessen Genialität von routinierten Goethekennern tragischerweise geradezu perfekt entschärft wurde, lag neben dem dichterischen Großwerk aber wohl vor allem in der Schöpfung des urphänomenalen Erschauens. Dies aber ist Voraussetzung zum lebendigen Denken, mit dem ein Erkennen der Wirklichkeit sich über jedes spekulative Philosophieren hinaushebt. Nichts hasste wohl Goethe mehr als leeres wissenschaftliches, kulturelles, religiöses oder humanistisches Geschwätz oder esoterische Mutmaßungen - nichts forderte er ernster und tiefer, als die Augen für das zu öffnen, was vor ihnen liegt. Schauen lernen! Erkennen lernen! So schlicht, so schwer! Bis heute für die meisten von uns eine unerreichte Disziplin.

 

64 Seiten geballte Potenz (einer weiter zu potenzierenden Potenz! siehe Buch!), die uns Deutschen ausgerechnet von einem Ausländer mit eigener Wortartistik und geistiger Eloquenz vorgeführt wird . Das aber zeigt uns den Mangel erst recht, vielleicht auch erstmalig, durch diesen unbestechlich klaren, ja „beleidigend klaren" Blick, der an offensichtlich Augenkranke gerichtet ist.

 

Ein Buch für alle, die den spannenden Goethe bisher kläglich verpassten. Der Schöpfer bedeutender Lyrik, der vergleichenden Anatomie, der Morphologie der Pflanzen, der physiologischen Optik, des Begriffs der Homologie, der Metamorphose usw. lehrte. Dinge, die noch  immer weit davon entfernt sind, öffentlich verstanden und gelehrt zu werden. So zum Beispiel die Wir-Kraft im einzelnen Individuum wie auch in der Initiative, die sämtliche in sich vereinigte Kräfte zu bündeln hat.

 

Dann Goethe auf dem Schlachtfeld des Geistes, statt im Salon des Humanismus, Goethe als Erkenner des Organisationsprinzips der Individualität, Goethe, der die gleichen Rechte für Irrtümer und Fehler ebenso forderte wie für die Tugenden, Goethe als Ästhetiker, Charmeur oder Zeremonienmeister... Schier endlos die Facetten, die Swassjan belegt und verlebendigt und ... zu Goethe neu ver-führt.

 

Welch Tragik, dass sich die Deutschen mit dem Besten, was sie hatten, gründlich verhinderten - in dem sie nicht erschauten, aufgriffen und fortführten, was wesenhaft in jedem veranlagt, aber von ihm als Schatz gehoben wurde. Bis heute ver-brechen sie sich an dieser verpassten und verpatzten Chance insofern, als man diesem Augenöffner schlichtweg: übersah ! und ihn vermutlich aufgrund seiner schwer fassbaren Größe auf ein lieber erträglich Fassbares als großer Dichter" reduzierte.

Goethe ist so zukünftig wie all die Echten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Während sie physisch tot sind und wir uns lebend wähnen, weist eine höhere Wirklichkeit jedoch auf uns als Tote", die für solche ewig wirkenden Geistesgrößen erst einmal die Geburt es Erkennens bei den Erkennenwollenden voraussetzt. Um ein echtes Erkennen-Können macht sich diese spannende Goetheschrift schicksalhaft verdient …und verdient sehr viele Leser.

 

 

 

 

 

Derzeit lese ich:

 

 Marc-Uwe Kling

QualityLand und QualityLand 2.0

 

Während ich noch auf den letzten Roman von Meyerhoff warte, hier schon mal einen Nachtrag zu den Kling-Büchern, die ich vor GRM . Brainfuck las, aber hier noch nicht postete.

Auch hier verweise ich in Bezug auf eine "ordentliche" Rezension (die Inhalte u.a. genauer beschreibt) gern aufs Internet und beschränke mich  ledigliche nur aufs rein Subjektive meiner Lesefreude an beiden Büchern.

Der erste Band: auch wieder einmal ein Hammer!  (obschon die bei mir eigentlich selten im Verhältnis zur  persönlichen Lesemasse niedersausen!)

Band 2 immer noch sehr gut, allerdings für meinen Geschmack nicht mehr Band 1 überbietend, was allerdings auch eine große Hürde nach einem solchen Erfolg bedeutet.

Kommt ein 3. Band raus: Ich bin gern die erste Käuferin. 

 

Wer es schlau, zukünftig und schwarzhumorig will, wer gerne ein wenig Nachhilfe im globalen Computersprech möchte (ich hatte ihn offenbar bitter nötig), wer Dystopie nicht nur von der ernsten Seite lesetechnisch nehmen möchte, sondern bei allem Ungemach das Lachen nicht verliert, ist hier goldrichtig.

 

Auch bei Kling (wie bei Berg) bestimmen mehr und mehr Algorithmen das Leben, das einerseits immer inhumaner wird und andererseits die Maschinen immer "menschlicher" werden lässt. Eine fatale Umkehr der Verhältnisse, die eben schon so verrückt ist, dass man ums Lachen auf weite Strecken trotz des Ernstes und des Schreckens nicht umhin kommt.

Kling beherrscht auf weite Strecken die Klaviatur der Gefühlsvielfalt meisterlich. Es ist technisch (für Laien wie mich zumindest) toll recherchiert, es gab viel zu lernen, neu zu bedenken, ja, auch zu staunen, wie weit es schon gekommen ist, sofern man selbst noch kein Nerd ist und den PC mehr oder weniger lediglich nur als intelligente Schreibmaschine und Recherchelexikon nutzt - und Feierabend.

Ideologisch ist es eher links angesiedelt, ist mit den Känguru-Chroniken nicht zu vergleichen (Humor gibts aber auch hier satt in wirklich jedem Kapitel), ist politisch und technologisch durchaus brisant - und man kann diese beiden Bände sehr unterschiedlich im Hinblick auf den Schwerpunkt lesen. Moralische Grenzfälle, Satire, Sarkasmus, Hoffnung und Zuversicht mal bitter, mal schwarzhumoric, clever, zukünftig und irgendwie schon gewohnt - schlagen Saltos miteinander. Mein Schwerpunkt war nicht so sehr die Dystopie, sondern das am Ende immer noch triumphierende Menschliche in dieser unwirklich gewordenen Welt irrer Machthaberei.

Ja, ich wünsch mir eine Fortsetzung - die das Niveau zu halten vermag.

Ich hoffe, wir hören noch so einiges von Peter Arbeitsloser und seinem weiteren Werdegang.

Das größte Kompliment, das ich hier machen kann, ist: Ich werde beide Bücher sehr bald nochmals lesen - und das kommt bei mir wirklich selten vor.

 

 

 

Joachim  Meyerhoff

(5 autobiografische Roman-Erzählungen)

 

Mir bleibt leider keine Zeit, um mich durch die vielen Bestsellerlisten zu lesen. Daraus ergibt sich zwangsläufig: So manche Lese-Perle geht an mir vorüber oder wird erst Jahre später entdeckt. Zu diesen Perlen zähle ich die  fünf autobiografischen Romane von Joachim Meyerhoff.

Nach der wichtigen und zugleich düsteren Lesezeit des Sibylle-Berg-Buches (siehe unten) schlittere ich nun wieder von der dystopischen Zukunft in eine wunderbar wärmende Vergangenheit. Nun ja, manches verklärt sich im Nachhinein, das liegt am Wesen des Menschen und seinen unbewusst selektiven Erinnerungen. Aber vor allem liegt es in diesem besonderen Fall an dem ungemein schön zu lesenden biografischen Stoff von Joachim Meyerhoff, der das Herz nicht nur wärmt, sondern auch ein Trigger für Freude und Humor zugleich ist. Seine geschilderten Dramen sind zum Lachen und Weinen zugleich und so lebendig geschildert, dass ein sich Einleben und Aufleben in all das Fiasko zwischen den Zeilen fast unumgänglich ist. Er schafft es, niemals banal zu sein, wenn er scheinbare Banalitäten schildert, die doch alle im Augenblick des Geschehens für den Betreffenden so elementar wichtig sind. Und das bringt er gekonnt und glaubhaft rüber.

 

Da ich vor einigen Wochen erstmals auf diesen fünfteiligen Romanzyklus stieß und zunächst auch nicht wusste, dass es sich um chronologisch aufeinander aufbauende Bücher handelt, las ich in der völlig falschen Reihenfolge. Das tat dem Spaß keinen Abbruch, weil jeder Roman für sich auch allein stark wirkt. Doch auch hier ist die Summe mehr als die einzelnen Teile. Ich nahm bisher bereits an vier seiner geschilderten Episoden Anteil und bin nun beim letzten  Buch, das endlich nun doch in der chronologischen Reihenfolge.

 

Was mich fasziniert, ist die Lebendigkeit seiner schonungslosen Schilderungen, die tragikomisch kaum zu überbieten sind. Mutterwitz, Schmerz, Freude, Versagen, Erfolge, Fiesheiten, Aufmüpfigkeit und die gruseligen Geschichten des Alltags werden sowohl drastisch wie sensibel zugleich aufgreifen, so dass mir dabei die eigenen vergessen geglaubten Erlebnisse durch die emotional starke Ansprache zu Bewusstsein kamen.

 

Insofern führt sein Buch und sein Leben zum eigenen Leben hin.

 

 

Die fünf Bücher, die mich begeistern:

 

Alle Totenfliegen hoch (nun auch endlich gelesen  -  die anderen Bücher sind  m.E. eine Steigerung an Humor und einer gewissen Drastik)

Wann wird es endlich so, wie es nie war (mit Freude beendet)

Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (mit Freude beendet)

Die Zweisamkeit der Einzelgänger  (mit Freude beendet)

Hamster im hinteren Stromgebiet (noch nicht gelesen... beginnt bald)

 

Wäre ich eine Schwärmerin (das bin ich nicht) würde ich nun ins Schwärmen über all das Gelesene geraten.  Doch Schwärmen wirkt immer schnell kitschig, blauäugig und so weiter...  Aber was soll ich sagen: Ich schwärme ausnahmsweise trotzdem mal kurz und mache eine Ausnahme von der Regel, weil ich so oft Lachen darf, wenn das Böse passiert. Und das ist Können.

 

Fazit: Unbedingt empfehlenswert - diesmal für alle. Ganz leichte, aber dennoch niveauvolle Kost, leider viel zu schnell zu lesen, mehr davon bitte unbedingt gern (gerade dann und für all die, die sich sonst auch mit Schwierigem Lesematerial abquälen.)

 

 

 

 

 

GRM, Brainfuck, Sibylle Berg, KIWI

(640 Seiten)

 

12

 

Lesestand: bis Seite 640 / Ende:

Fazit:

Ist dieses Buch empfehlenswert: Auf jeden Fall!  ---  Für alle? Auf keinen Fall!

 

Romantiker, Zartbeseitete, Ängstliche: lasst die Finger davon. Vermutlich schmeisst ihr nach 10 oder 100 Seiten eh das Handtuch.

 

Idealisten, Aktivisten, Weltverbesserer: Je nach persönlicher Ausrichtung kann der Inhalt, sofern man ihn nicht "nur" als Roman sieht, durchaus sowohl lähmend sein, wie auch erst recht anfeuernd. Ich würde ihn euch empfehlen, die ihr eh schon aktiv seid  und hellwach bleiben wollt.

 

Nüchterne, Hinschauende, stabile Normalos: lest es, nehmt es ernst - auch wenn es unter "Belletristik" läuft. Da ist nix Belle, eher visionär. Die bisherigen Visionäre fürs Kommende kamen oft aus Wissenschaft und Kunst ... und ich hoffe nur, Frau Berg irrt sich und übertreibt maßlos. Ganz sicher sogar, was die Zeitschiene angeht (was vielleicht Absicht ist, damit man es noch als Roman besser verkraften kann). Aber sie könnte in Grundzügen Recht behalten. Dann sollte niemand sagen: Och, hätten wir nie gedacht! Hat uns niemand gesagt! Doch, hat sie. Und nicht nur sie. Sie aber drastisch.

 

Eines des Menschen Grundübel ist ja seine Vergesslichkeit, die in dieser Periode von Endgeräten und schnellster Info-Wissens-Verfügbarkeit  einen traurigen neuen Höhepunkt in der mentalen Evolution erreicht. Wären die Menschen früher so vergesslich gewesen wie heute: Sie hätten kaum überlebt, hätten ihre eigene Weisheit vergessen. In Bezug auf das Buch bedeutet das: Da es ja "nur" ein Roman ist, ist der latente Schock während und nach dem Lesen bei vielen Lesern schnell wieder dem allgemeinen Vergessen anheim gegeben. Ab zum nächsten Buch oder Film, Gruseln oder was auch immer. --- Das ist ein Problem. Denn wenn man diese geschilderten Ereignisse als schleichende Realmöglichkeit nicht richtig abspeichert, macht man sie umso eher möglich, weil man sie verdrängt, nicht ernstnimmt, halt schon wieder vergessen hat. Die AI und KI-Designer wird es freuen.

 

Das Buch ist - trotz oder auch wegen der überwiegend dunklen und hoffnungslosen Beschreibungen - etwas Nachhaltiges für Geist und Seele, das einen Aufweckcharakter haben könnte, so man diesen wahrnimmt und ihm aktiv im eigenen Leben nachkommt. Da es auf manche Menschen aber auch lähmend wirken könnte, weil so viel schon real ist oder stark in den Startlöchern steht, ist und bleibt es in seinem Einfluss vermutlich zweischneidig. Vielleicht kann man sich ausgerechnet an den Übertreibungen retten, in dem man sich sagt: Nur schon Bruchteile davon sind der Dystopie unserer eigenen Zukunft zu viel! Wehret den Anfängen, wo sie noch anfänglich sind. Aber sind sie das? Ist es nicht so, dass die Dynamik der Beschleunigung den menschlichen Geist nicht immer wieder neu zwingt, ins Blinde hinein zuzustimmen, weil die Zukunft so offen ist?

 

Ich könnte stundenlang über die Gedanken schreiben, die mich beim Lesen bewegt haben und nach Zuklappen des dicken Schinkens noch immer bewegen. Also ist es ein Buch, das bewegt...

Wie sehr man dabei ins Schwanken kommt, ist eine Frage der Persönlichkeit  und ihrer Standfestigkeit im Leben. Das Für und Wider, das innere Geschrei gegen die Zustände macht notgedrungen schwankend. Pendelt man sich gesund ein, wird man jedoch alles Gute, dass wir derzeit (noch) haben, umso tiefer genießen können.

 

 

 

 

11

Lesestand bis Seite 539:

Keiner liebt mehr. Was ist das, wie geht das? Wünsche hat auch niemand mehr. Immerhin ist man als Mensch gechipt. Den Rest erledigen die Algorithmen. Bedürfnisse werden geweckt. Das ist etwas anderes als Wünschenkönnen. Bedürfnisse werden befriedigt. Die Blister dafür, die das chemotechnisch schnell richten, so preiswert wie ein belegtes Brötchen. Früher hatte man endogene Endorphine für Glücksgefühle. Und sei es nur für Momente gewesen. Aber früher war eh alles anders.

Erstaunlich, dass es die Autorin vermag, trotz vieler Wiederholungen in den Abläufen des Übels und der Schande dennoch thematisch am Ball zu bleiben, obschon der Roman keine einheitliche Geschichte aufweist. Es sind grausige Geschichten. Voller Tragik und Traurigkeit. Ein leises Gefühl, selbst ein wenig dabei abzustumpfen, weil man zuviel davon liest, beschleicht mich. Kurz nur. Dann ist es wieder weg. Die politische, soziologische, gesellschaftliche vor allem aber auch technisch-reale Situation wird immer wieder neu brandaktuell ins Szene gesetzt. Die Abläufe scheinen eine Zwangsläufigkeit zu haben, wenn man die Genese des Irrsinns aufmerksam liest. Ein Glück, dass man nicht selbst Statist in diesem Drama ist.

Wenn doch nur das Gefühl nicht bliebe, es könne tatsächlich so kommen. Vielleicht nicht mehr zu meinen Lebzeiten, aber auch nicht viel später. Andererseits: Es wird diese unwirtlichen Orte vermutlich schon im Irgendwo geben. Die Leute nicht unbedingt schon in dieser Weise technisch gechipt, aber die Verelendung wie eine sprudelnde Quelle, die nicht ans Versiegen denkt und noch mehr von sich selbst produziert.  Und das, was einmal Menschlichkeit meinte, ist mehr und mehr im Verschwinden begriffen. Es schläft ins Vergessen.

 

10

 

Lesestand bis Seite 496:

Erstaunlich. All die Stinkstiefel auf der Todesliste leben immer noch. Vielleicht ist das mit dem Ermorden doch nicht so leicht, wie es sich liest? Gestorben wird trotzdem hier und da. Aber das sind ja dann die Erlösten. Die Lebenden sind die tragischen Helden.

 

Weniger erstaunlich: Die ungelesenen Seiten des Buches werden nun immer dünner: aber nirgends Hoffnung. Nicht einmal ein einzig keimendes Pflänzchen zu orten. Es wird vermutlich auch nichts mehr damit. Fürchte ich. Gut 140 Seiten können es nicht mehr richten. Dafür ist die Welt in der Gefangenschaft der Algorithmen wohl nicht mehr geeignet? Ich lass es mal offen.

 

 

9

Lesestand bis Seite 479:

Das habe ich noch gar nicht erwähnt: Den Schreibstil. Er ist pfiffig und hält mich außerordentlich wach. Frau Berg  lässt mit Einwortsätzen und kleinen irrlichternden Interpunktions-Irritationen Kapitel und Inhalte, Personen und Ereignisse ineinander verschwimmen. Das gibt dem ganzen Buch geradezu eine Flüssigkeit, bei der man sich nicht wundern würde, man bekäme nach dem Umblättern feuchte Hände. Man kann es für verrückt halten, aber mir gefällt es außerordentlich gut. Es steigert meine Aufmerksamkeit. Ich muss endlich einmal langsam lesen, was meiner sonst hastigenSchnellleserei gut tut. Würde ich das jedoch jetzt auch in einem anderen Buch anderer Autoren in genau dieser Art finden, wäre es ein lächerlicher Versuch der Nachmacherei. Ja, ein Plagiat, obschon ja jeder schreiben darf, wie er will. Aber das gehört ihr und sollte bei ihr bleiben. (Eingrenzend sei gesagt: Vielleicht gab es das aber auch schon vor ihr und ich wusste es nur nicht... dann, na ja... dann hätte sie...). Der Stil macht mir Spaß.

 

Im Dschungel des weiter schleichenden Irrsinns werden - wen wundert's - nun auch die Maschinen bekloppt. Hyperaktiv gieren sie ständig nach Aufmerksamkeit, machen Geräusche, erzwingen Updates und fressen keinesfalls lediglich nur Strom. Vermutlich befinden sich (das las ich aber jetzt noch nicht in diesem Buch!) in psychologischer Behandlung oder sollten schleunigst dort hin (was aber belletristisch nicht einmal so ganz neu wäre). Depressive Roboter... tja, man kanns verstehen angesichts ihrer Erzeuger.

Über die wirklich sehr fiesen Sachen, die sonst schon wieder mit gelesen werden mussten, schweige ich mich hier aus. Da bleibt es ein Zuviel, wie unten schon mal erwähnt. Leider passt es irgendwie. Und das gibt es ja auch alles. Das ist das Schlimme.  Aber ich möchte nicht so oft daran erinnert werden.

 

 

8

Lesestand bis Seite 425:

Ausgerechnet ich, die ich die Freiheit des Wortes, des Geistes so schätze, denke: Das Buch müsste verboten werden!  Nicht aus den herkömmlichen Gründen. Obschon. Der Gedanke kam spätestens mit Karen und den Viren. Viren sind ja derzeit en vogue. Aber das ist steigerbar. Doch darum ging es nicht. Ich dachte, was passiert, wenn sich die Gedanken des Buches virulent verbreiten. In einer baldigen Nachwelt von Ethereum, Ripple oder Bit- und Litecoin ... Oder ist das bereits geschehen? In einer Neuwelt von AI-Cracks, Keylogger, Kryptofreaks und vor allem Spoofing über alles. Wen kümmert's? Der Mensch baut jetzt halt mal eben Menschen, erschafft lächerliche, aber gefährliche Monster,  dilettantisch wie er ist, die schlau genug sind, sich von ihren recht ungöttlichen Vätern schon früh zu emanzipieren und ihr eigenes Ding zu machen. Alles denkbar. Aber vielleicht wirkt das alles ja umgekehrt, wenn die Menschen es früh genug in dieser Drastik lesen? Dann wiederum müsste es Pflichtlektüre werden. Zur Abschreckung, falls die noch bei irgendwem funktioniert. Doch bleibt zu befürchten, dass das irgendwie Machbare, das sich seit jeher leise durch menschliche Synapsen schleicht, dann auch zwanghaft ausprobiert werden muss. Nicht von allen, für alle. Sondern von wenigen für trotzdem alle.

Ist doch nur ein Roman!, beruhige ich mich dann wieder, schließe die Augen und zweifele an meinem eigenen Trost.

 

Ah, noch ein Nachsatz:

Beeindruckend die Tiefe des Überwachungsapparates, der selbstverständlich nicht einmal vor der - oder sollte ich sagen: mit! - der Verdauung halt macht, bis zum Wasserverbrauch der Spülung versteht  sich, womit man Punkte sammelt. Diese schon einmal unten kurz angesprochene Überwachungsszenerie mit dem Belohnungs- und Bestrafungssystem, wie es uns die "sozialen Medien" seit ca. 20 Jahren brav hirnwaschend beibringen, kann gar nicht ausgiebig genug kritisch beäugt werden. Da sind doch wieder viele gute Ideen für kranke Hirne dabei. Da ist noch viel zu holen. Man wird das Gefühl nicht los, als läse man in einer Gebrauchsanweisung fürs finale Absurde an sich.

 

7

Zwischenbemerkung:

Natürlich wäre es ein Leichtes, meine Ausführungen zu konkretisieren. Personen, Details, Geschehnisse... Aber das hieße, zukünftigen Lesern alles vorwegzunehmen, was sie selbst entdecken können, sollen und sicher auch wollen. Insofern ist die "nur"  rein subjektiv atmorsphärische Beschreibung Absicht und keineswegs ein Versehen.

Und Apropos London, wo ich mich gerade im Roman befinde: London weist Julian Assange nicht in die USA aus, wie ich heute der Presse entnahm. Das hat mit dem Buch zwar eigentlich nichts, aber andererseits sogar massenhaft viel zu tun. Je nach Blickwinkel.

 

 

6

Lesestand bis Seite 391:

Zwischendurch verlässt die Autorin den roten Faden der Story und konzentriert sich auf die Nebenstränge menschlicher Auswüchse in höllischer Fantasie. Manchmal ist weniger mehr. Es hat jedoch den positiven Effekt, dass die Herzkraft, die man beim Lesen einbringt, sich verabschiedet. Bis hierhin und nicht weiter. Hier zündet ein Selbstschutz. Immer, wenn es absurd brutal wirkt, streikt etwas, liest nur noch automatisch Buchstabe um Buchstabe, als ginge es um eine emotional-neutrale Rechenformel, und wartet darauf, wie es sonst bald wieder inhaltlich weitergeht. Insofern treiben einen ausgerechnet die gefühlten Übertreibungen ins emotionale Nichts. Das ist angesichts der Heftigkeit zwischendurch geradezu heilsam. Einfach  mal nichts mehr beim Lesen fühlen!  Dennoch, da wären kritische Alternativen denkbar gewesen... Aber das liegt in der Freiheit der Autorin.

 

 

 

5

 

Lesestand bis Seite 372:

Interessant und gruselig-glaubwürdig zugleich sind die Beschreibungen des hervorragend funktionierenden Belohnungs- und Bestrafungssystems im Käfig der Totalüberwachung der Bevölkerung. Sieht man, wie heute schon große Teile der Menschheit bereits nach positiven Likes giert, fällt es leicht zu glauben, dass dieser Sucht-Startschuss sich für noch ganz andere Hirnwäsche qualifiziert. Im Grunde werden wir (vor allem die jungen Menschen, die damit als Selbstverständlichkeit aufwachsen)  schon jetzt voll daraufhin manipuliert, zu Zwecken, die drastisch beschrieben sind. Das wird Wirkung zeigen und funktionieren. Die geschilderte sexuelle Gewalt hätte gern einen guten Tacken zurückhaltender sein dürfen und nimmt nach meinem Geschmack  leider zu viel Raum ein. Aber das ist wohl auch einerseits Gesinnungssache, andererseits scheint es im dort geschilderten "Utopia" (?) fast als Zwangsläufigkeit, die einer gewissen psycho-Logik nicht ganz entbehrt.

 

 

4

Lesestand bis Seite 310:

Erfreulich viele konkrete Themen des völlig Unerfreulichen drohender apokalyptischer Szenarien werden angerissen, benannt, behandelt, auch jenseits der Romanstory der Protagonisten. Manche genauer, bei anderen reicht aber auch schon die Erwähnung, um sich ein lebendiges Bild zu machen. Wer Fantasie hat ist im Nachteil, wenn es darum geht, sich an den drastischen Darstellungen vorbei mogeln zu wollen. Klappt nicht. Hoffnung bleibt naiv... Aber warum nicht doch ein bisschen naiv sein, weil doch heute noch nicht Zukunft ist?! Doch immerhin wird sie gestern und heute gestaltet - und wir erben die Früchte...

 

 

3

Lesestand bis Seite  261 :

Zwei Tage Leseabstand waren wichtig. Unendlich scheint sich das Schonungslose durch die Seiten zu wälzen. Es dringt in jede noch freie Ritze ein. Und es sprengt das zunächst geschilderte private Sozialdrama ins Globalpolitische, ins Allgemeine. Es geht uns alle an, früher oder später. Die Themen des Schreckens weiten sich aus. Was beklemmend wirkt, ist das ungesunde Gefühl, es könnte so kommen, wie geschildert ... es könnte stimmen, schlimmer noch, es könnte bereits vieles so sein, das man von der gemütlichen Couch privater Heimeligkeit so selbstverständlich noch nicht erleben und erleiden musste und auch niemals kennenlernen möchte. Doch so wird es auf Dauer nicht funktionieren, wenn es denn so käme... Wenn doch nicht soviel dafür sprechen würde. Ich denke ständig an die warnenden Visionäre der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrtausends. Wie brachial sie der Wirklichkeit voraus waren, wie recht sie hatten. Nun niemand, der mit Macht und Mitteln ausgestattet war, wollte es hören. Es störte die eigenen kurzfristigen Pläne. Und so geht es weiter mit dem kollektiven Verdrängungsmechanismus und all den denkverkleisternden Schönfärbereien medialer Gehirnwäsche für das Publikum der KOnsumsüchtigen.

Ob die Autorin die über 600 Seiten weiterhin so atemlos füllen wird . Ich bin gespannt, ob ich irgendwann frustriert sage: Nein, genug damit! - ? - oder fühle: Unausweichlichkeit!?

 

 

2

 

Lesestand  bis Seite 210 von 640:

Nein, ich verschwende die Zeit nicht. Siehe unten. Ein interessanter Gedanke der Autorin: Wären tatsächlich 90 Prozent der Menschheitsprobleme gelöst, wenn das Testosteron abgesenkt würde? Vieles spricht dafür. Wäre es belastbar? Was aber würde dann wieder die Folge sein, wenn ein neues grausiges Ungleichgewicht andere Formen des Wahnsinns  puscht?

 

Die Härte im Buch geht unvermindert weiter. In der Wirklichkeit auch. Man kann über den Stil  streiten, ihn abscheulich finden, weil ... na ja, das inflationäre Böse, auf Schritt und Tritt, weiter und weiter ...Satz für Satz, als hätte die begabte Autorin mutig den Griff in die Hölle getan! Oder sind zu viele unserer Spezies dort schon und drängen auch die anderen in den Abgrund, weil niemand die Zustände vorausschauend erkennt? 

 

Dennoch: die innewohnende Wahrheit ist brutal real. Anschaubar, nachweisbar. In jedem Slum der Welt. Auch mehr und mehr beginnend in den Nochnichtslums, dort wo die Reicheren unter den mehr und mehr Verarmenden die Mitmenschlichkeit, die Hoffnung und Zuversicht in die Abwässer der Beliebigkeit schwemmen.

 

Noch  ist das Höllische nicht überall... Zum Glück. Es könnte ein Weckruf sein, wenn man den Roman nicht als Roman nähme, sondern als vorausschauendes Debakel, sofern man all diese realen Gefahren immer noch nicht in ihrem Potenzial checkt. Weil das alles zu dunkel ist? Weil unsere Fantasie streikt? Oder weil es unser Tageslicht voll verschattet und wir die Lampen der Klarsicht nicht mit dem Wachs der Erkenntnis nähren?

 

 

 

1

 

Lesestand:

Seite 130 von 640 Seiten

 

Zwischenbilanz:

 

Es gehört mit zum Schlimmsten, was ich je las. Nichts zum mögen. Aber das ist die Wirklichkeit eh oft nicht, wenn man nur genau und detailliert hinschaut, dort, wo die soziale und psychische Verelendung haust.

Und hier haust sie,  Zeile um Zeile. Brutal, lebensfeindlich, lesefeindlich. Die Mensch gewordene Unmenschlichkeit mit allen Schattierungen des Bösen.

 

Manche  sagen: Der Dreck der Welt, den es nun einmal leider menschengemacht gibt, wird erbarmungslos von der Autorin ausgeschlachtet. Manche sagen: Das verkauft sich besser, wurde zum Bestseller, bevor überhaupt Rezensionen erschienen. Aber all das ist mir sekundär. Primär ist die Dystopie, die vermutlich keine ist, weil längst Realität... und um die geht es mir schon, warum ich trotzdem weiterlese.

Rochdale und seine seven Sisters ist überall.

 

Wenn ich etwas Unaushaltsames mit der Wirklichkeit abgleiche, nehme ich gern einmal Zuflucht zu Zahlen, Statistiken beispielsweise. Das beruhigt manchmal.  Zahlen sind so emotionslos.  So schön neutral. Hier jedoch nicht.  Also habe ich jetzt, in meiner Zwischenbilanz mal die deutsche Verelendung angeschaut, in Form der Statistik über Armutgefährung in den 15 größten Städten Deutschlands. Und natürlich frug ich mich selbst: Wie hoch mag schon heute der Anteil sein, der diese beschriebenen Höllen erlebt? Wie hoch mag er weltweit sein? Dass GRM, Grime, nur ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit ist, ist wenig tröstlich, weil wachsend, kommend. Mächtig kommend?

 

Doch es ist nicht nur die Verelendung einer bestimmten, größer werdenden Menschengruppe, sondern die psychiche Verstümmelung einer Weltgemeinschaft, die in heutigen Zeiten diese Zustände nicht nur zulässt, sondern selbst aktiv produziert.

 

Ich fürchte, das Buch geht so weiter, wie es bis Seite 130 angelegt ist. Nicht schön, nicht gut, hoffentlich vor allem aber: nicht in der Wirklichkeit noch tiefere Wurzeln schlagend.

 

Ich will es wissen, "opfere" die Zeit - und hoffe, ich verschwende sie damit nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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(c) Christa Schyboll, 2017