Ansichts-Sache
oder
Wie ich die Dinge so sehe ...
Hier stehen "Verschwindende Texte",
die aus Platzgründen immer nur vorübergehend sichtbar sind
Ich schreibe ab Herbst 2024 nicht mehr täglich an dieser Stelle,
wie die Jahre zuvor... - aber ich schreibe weiter
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14.1.2026
Wir sitzen knietief in der Patsche.
In der wirtschaftlichen, der militärischen – und der moralischen obendrein. Unsere Realpolitik, die wir so gern mit Vernunft und Augenmaß an die jeweils gegebenen Umstände anpassen, versagt dort, wo
sie eigentlich Erfolge liefern müsste.
Wir haben Angst.
Und wir haben gute Gründe dafür. Denn das, was einst Sicherheit versprach, schmilzt so schnell dahin wie das grönländische Eis. Und mit ihm schwindet nicht nur geopolitische Stabilität, sondern auch
die Verlässlichkeit internationaler Regeln und Rechtsnormen.
Wer macht Recht? Menschen.
Wer verletzt Recht? Menschen, die es nicht anerkennen.
Machthaber, die es sich leisten können – weil sie militärisch, ökonomisch oder strategisch die Stärkeren sind.
Und hier sind wir beim Kern des Themas, der größer ist als der Trumpsche Hunger nach immer mehr Macht. Denn wir müssen uns
fragen:
Wie gestalten wir den Umgang mit unberechenbarer Macht neu?
Europa lügt sich etwas vor. Aus Schutzinstinkt.
Wir wissen das. Auch andere Mächte tun es – jede aus eigenen Motiven. Macht und Ohnmacht reichen sich hier die feindlichen Hände, an deren Enden Gewehrläufe stehen. Mit verdammt viel Munition,
gerichtet auf Menschenleben und Infrastruktur.
Und unsere Politiker?
Sie versuchen das Gutgemeinte, das nicht immer auch das Bestgetane ist. Sie üben sich in strategischer Zurückhaltung, in Deeskalation, in pragmatischer Zusammenarbeit, in transatlantischer
Verantwortung – und nennen die Lage komplex, kompliziert, verfahren.
Wahnsinnig darf man sie nicht nennen.
Denn dem Wahnsinn wäre nicht beizukommen. Es wäre das Eingeständnis letzter Ohnmacht. Diese Wahrheit kann sich kein Politiker
leisten.
Wir haben schlicht Angst, Machtmenschen zu provozieren. Menschen, die schon auf Fragen und Vorschläge aggressiv reagieren. Also stellen wir uns „brav“.
Diese europäische Selbsttäuschung ist menschlich verständlich – aber politisch gefährlich. Denn sie verschleiert den eigentlichen Konflikt: Hier stehen sich nicht nur Interessen gegenüber, sondern Weltbilder.
Was weiß die Welt vom Menschen Trump?
Vor allem das, was er selbst täglich demonstriert: wie er spricht, denkt, handelt, sich inszeniert. Es genügt, ihn an den Realitäten zu messen, die er der Welt vor Augen führt und regelrecht
zelebriert: narzisstische Selbstüberhöhung, Kränkungssucht, ein radikales Schwarz-Weiß-Denken, die Verachtung von Institutionen und die gezielte Instrumentalisierung von Angst.
All das ist keine feindliche Interpretation – es ist öffentliches Verhalten.
Und dennoch werden diese Eigenschaften politisch immer wieder verdrängt, verharmlost, verniedlicht. Man tut, als hätte man Verständnis.
Dabei beschreibt Fassungslosigkeit die Lage weit treffender.
Warum?
Weil Demokratien schlecht darin sind, pathologische Macht zu denken.
Sie hoffen, dass Rationalität ansteckend sei.
Sie ist es nicht.
Wann begreifen wir das endlich?
Die Geschichte ist brutal überfüllt mit Gestalten, die Machtmenschen waren und ihre Zeitgenossen in Angst und Schrecken versetzten – sofern diese überlebten: Caligula, Nero, Stalin, Hitler, Mao, Pol Pot, Militärjuntas, religiöse Autokraten.
Und immer wieder liefen ähnliche Phasen ab, bevor es zur Katastrophe kam:
Verharmlosung. Anpassung. Beschwichtigung. Späte Empörung. Hoher Blutzoll.
Die eigentliche Lektion hätte lauten müssen:
Despotie entsteht nicht nur durch Täter, sondern auch durch die Hoffnung der Vielen, sie möge sich schon mäßigen.
Das hat sie nie getan.
Warum wollen wir das nicht lernen?
Und die Tapferen, die sich frühzeitig entgegenstellen – was geschieht mit ihnen?
Sie verschwinden, werden inhaftiert, ermordet, hingerichtet. Moralisch bewundert, menschlich und politisch allein gelassen.
Das Tragische daran:
Mut ohne kollektive Rückendeckung ist heroisch – aber meist wirkungslos.
Freiheit wird fast nie durch Einzelne errungen, sondern durch kritische Masse.
Die Gesellschaft liebt ihre Märtyrer –
aber sie schützt sie selten rechtzeitig.
Der Iran zeigt diese Wahrheit in aller Nacktheit: mit einem hohen, bis heute nicht abschließend bezifferbaren Blutzoll an Menschen, die für Freiheit auf die Straße gingen und dafür mit dem Leben bezahlten. Und wieder erleben wir: Freiheit wird nicht geschenkt. Sie wird nicht verhandelt. Sie wird oft mit Blut bezahlt.
Die unbequeme Frage lautet:
Wie viele Tote „darf“ Freiheit kosten?
Abertausende reichen oft nicht. Manchmal nicht einmal Hunderttausende.
Die noch unbequemere Frage:
Wie viele Tote kostet es, Freiheit nicht zu verteidigen?
Doch wer will schon sterben?
Es ist leicht, Forderungen zu stellen, wenn man selbst nicht mit dem eigenen Leben dafür einstehen muss. Und dennoch gilt: Wehrhaftigkeit ist kein Militarismus.
Sie ist Grenzfähigkeit.
Ein Volk ist wehrhaft, wenn es erkennt, wann Dialog zur Farce wird. Wenn Sprache nicht mehr Verständigung, sondern Tarnung von Angst ist. Wenn es Institutionen schützt, bevor sie zerlegt werden. Und wenn es bereit ist, reale Kosten zu tragen – nicht nur moralische Appelle.
Europa ist wirtschaftlich stark, kulturell reich –
aber psychologisch konfliktscheu.
Doch wer ist Europa?
Sind es nicht wir selbst? Jeder Einzelne, der leben will und Angst hat. Der oft weiß, was richtig wäre – und dennoch zögert. Da mag ein
jeder den eigenen Mut und die eigene Wehrhaftigkeit prüfen. Selbst ein Text wie dieser erfordert heute bereits Mut. Dabei sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, solche Gedanken ohne Gefahr
äußern zu können.
Wo stehen wir also?
Vor einer unbequemen Wahrheit. Vielleicht der bittersten:
Die Menschheit hat Despotie verstanden – aber nicht überwunden.
Warum?
Weil Machtfaszination, Angst und Bequemlichkeit tiefere Triebe sind als Vernunft.
Fortschritt ist nicht linear.
Er ist fragil.
Und Freiheit ist kein Zustand – sondern eine tägliche Zumutung.
Vielleicht besteht Europas größte Lüge nicht darin, Kompromisse zu machen. Sondern darin, sie nicht als das zu benennen, was sie sind: riskante Wetten auf Zeit.
Und vielleicht ist die entscheidende Frage nicht:
Wie weit darf man einem Despoten entgegenkommen?
Sondern: Ab welchem Punkt zerstört Anpassung genau das, was sie schützen will?
Meine Antwort lautet:
Ich weiß es nicht.
Aber ich denke darüber nach. Und ich hoffe, dass aus vielen richtigen Gedanken vieler Menschen eines Tages der Mut erwächst, zur richtigen Zeit die richtige Form von Wehrhaftigkeit zu finden – und ihr auch standzuhalten.
© Christa Schyboll
7.1.2026
EIN ALBTRAUM
- Ein innerer Monolog. Kein Zitat. Kein Bekenntnis.-
Er ist außer Rand und Band.
Venezuela zu kappen, scheint zu klappen.
Warum nicht auch anderswo?
Der Hunger ist groß.
Die Happen zahlreich.
Manche leicht.
Manche widerstandslos.
Kaum Menschen dort.
Und Waffen haben wir schließlich genug.
Auch Gründe, sie zu benutzen.
Es geht um unsere Sicherheit.
Raus aus der NATO.
Das würde entlasten.
Billiger.
Freier vor allem.
Diese ständige Rücksicht
auf Zögerliche
und Zweifelnde.
Was soll ich damit?
Ich will selbst entscheiden.
Alles.
Immer.
Ich bin der Präsident.
Ich diene meinem Land.
Und mir.
Sollen die anderen es endlich sagen:
Aus mit uns.
Darauf wartet er.
Er reizt sie.
Droht.
Provoziert.
Sagt es endlich!
Dann habe ich freie Hand.
Euch nicht mehr
am Hosenbein.
Schaut sie euch an.
Die Feiglinge.
Geizig noch dazu.
Lassen sich seit Jahrzehnten alimentieren.
Von meinen verrückten Vorgängern.
Schluss damit.
Auch mit der Diplomatie.
Dieses hündische Getue.
Angstgesteuert.
Auf unsere Kosten.
Hier ist nichts komplex.
Weder die Lage
noch mein Handeln.
Hier ist alles eindeutig.
Ich nehme mir,
was ich bekommen kann.
Stellt euch darauf ein.
Wir sind geschieden.
Auch wenn ihr es
erst langsam
begreift.
Erwachen
Wir hören zu.
Nicht weil wir zustimmen,
sondern weil Wegsehen
teurer wird.
Macht brüllt,
wenn Denken stört.
Komplexität
ist kein Luxus.
Sie ist das,
was Kriege verzögert.
Wir sind nicht
ohnmächtig.
Wir sind
viele.
Und wach sein
ist kein Zustand –
sondern Arbeit.
© Christa Schyboll
6.1.2026
Hier die große Versuchung -
dort die berechtigte Angst
Oder
Der Fall der Gerechtigkeit
Die Sache sieht verfahren aus. Hier das Internationale Recht, das willentlich von den Nationen aus guten Gründen gefasst wurde, dort die Angst vor jenen, die es nun immer häufiger brechen. Darüber mache ich mir Gedanken.
Es gibt Zeiten, in denen Geschichte nicht schreit, sondern den
Ton wechselt. Leise zunächst. Kaum hörbar.
Doch wer genau hinhört, merkt: Die Sprache des Rechts wird ersetzt – durch die Sprache der Drohung.
Internationales Recht.
Wir wissen, es war nie heilig. Es war nie gerecht im großen Sinn. Aber es war ein zivilisatorischer Kompromiss: die Einigung darauf, dass selbst Macht sich rechtfertigen muss. Dass Stärke Grenzen kennt. Dass nicht alles erlaubt ist, nur weil es möglich wäre.
Dieser Kompromiss zerbricht gerade. – Und mit ihm auch eine Hoffnung für viele Menschen, dass es so etwas wie halbwegs zuverlässigen Frieden unter den Völkern einmal geben könnte.
Was an seine Stelle tritt, ist keine neue Ordnung, sondern ein
alter Reflex:Erpressung als Politikform.
Angst als Verhandlungsgrundlage.
Überlegenheit als Argument.
Manch ein Philosophe wusste, wohin das führt. Hannah Arendt beispielsweise nannte es die Banalität des Machtgebrauchs, wenn Regeln nicht mehr gelten, sondern nur noch Zwecke.
Bekommen wir mehr und mehr eine reduzierte Politik auf die Entscheidung des Stärkeren? Wird Recht zu dem, was sich martialisch erfolgreich durchsetzt?
Lange glaubten wir, diese Denkweisen seien historisch diskreditiert. Sie galten als überwunden – wie schlechte Ideen, die sich selbst erledigt hätten.
Das war ein Irrtum.
Und nun wächst die
Angst. Sie ist kein Gefühl allein mehr, sie wird zur Struktur.Die internationale Angst, die sich heute ausbreitet, ist auch keine kollektive Neurose.
Sie ist rational.
Wer erlebt, dass Verträge gekündigt, Gerichte ignoriert, Bündnisse instrumentalisiert und Grenzen wieder zur Verfügungsmasse erklärt werden, handelt nicht hysterisch, sondern vorsichtig.
Venezuela, Mexiko, Kolumbien, Kanada, Grönland – Ukraine,
Taiwann und und und... das sind keine Zufallsnamen.
Es sind Markierungen auf einer Landkarte der Verwundbarkeit und der Gier.
Die Botschaft ist simpel und brutal zugleich:
Niemand ist geschützt.
Alles ist verhandelbar.
Recht ist optional.
Wir verlassen den Raum der Normen. Und betreten einen neuen gefährlichen Raum. Alles könnte auch anders sein – und genau deshalb fürchtet man sich.
Macht ist nicht das Problem.
Ungebremste Macht ist es.
Denn wenn Recht schweigt, lernt die Angst sprechen.
Wenn militärische Stärke, wirtschaftliche Erpressbarkeit und mediale Deutungshoheit zusammenfallen, entsteht eine Form moderner Zwangshaft. Man nennt sie nicht so – aber sie wirkt. Sie zwingt Staaten nicht zum Gehorsam, sondern zur Selbstzensur.
Man sagt weniger. Man widerspricht vorsichtiger. Man arrangiert sich. Man sagt: Es ist
komplex, windet sich. Es ist kompliziert. Ja. Und nein… je nach Haltung und Mut.Wer kann sich was in welchem Ausmaß "leisten"... und wer zahlt am Ende welchen Preis?
Macht, so erlebt man gerade hautnah, wirkt am effektivsten dort, wo sie nicht zuschlägt, sondern vorweggenommen wird.
Wehe euch!
Die gefährlichste Folge dieser Entwicklung ist nicht der einzelne Rechtsbruch. Es ist der pädagogische Effekt, der gleich vielfach wirkt. Angst und Einschüchterung hier - Gewalt und grenzenloser Raub dort.
Wenn die mächtigste Demokratie der Welt zeigt, dass Regeln verhandelbar sind, warum sollten sich andere noch binden? Warum sollte sich irgendein Akteur – staatlich oder privat – an Recht halten, wenn allein Durchsetzungskraft genügt?
So stirbt nicht nur internationales Recht.
So stirbt das Vertrauen in Verbindlichkeit überhaupt.
Und eine Gesellschaft ohne Verbindlichkeit wird zynisch.
Sie glaubt nicht mehr an Argumente, sondern an Lautstärke.
Nicht mehr an Verfahren, sondern an Sieger.
Ein Schlussgedanke für heute:
Zivilisation beginnt nicht dort, wo alle gut sind.
Sondern dort, wo selbst die Starken sich zurückhalten.
Wer heute glaubt, Recht sei ein Luxus für friedliche Zeiten, verkennt den Ernst der Lage.
Recht ist kein Schmuck. Es ist die letzte Bremse vor dem Abgrund.
Und wenn diese Bremse versagt, fährt niemand elegant weiter.
Dann wird es laut. Unübersichtlich. Schmerzhaft. Und sehr teuer.
© Christa Schyboll
02.01.2026
2026
Ich habe zu Silvester in meine Glaskugel, jedoch nicht zu tief in den Wein geschaut... J
Und wer begegnete mir da? – Ein paar Vor-Denker in so manchem. Was, wenn sie heute unter uns stünden?
Hannah Arendt würde wohl fragen,
wie es um unser Denken bestellt ist,
wenn Handeln ohne Denken
wieder als Tugend gilt.
Immanuel Kant würde leise,
aber unerbittlich erinnern,
dass der Mensch niemals bloß Mittel sein darf –
auch nicht für „höhere Sicherheitsinteressen“.
Albert Camus würde uns
vor der Verzweiflung warnen,
die sich als Realismus tarnt,
und sagen:
Der Mensch ist das Wesen,
das Nein sagen kann,
ohne die Welt aufzugeben.
Karl Jaspers vielleicht
würde mahnen,
dass Schuld nicht nur dort entsteht,
wo Bomben fallen,
sondern auch dort,
wo geistige Bequemlichkeit regiert.
Und sie alle würden uns wohl nicht anschreien,
sondern enttäuscht anschauen
und fragen:
Habt ihr wirklich nichts Besseres gelernt?
Und ich antworte ihnen stellvertretend, nur das:
Schaut euch die Wirklichkeit an, die wir geschaffen haben. Das ist offenbar das Beste, das wir vermochten. Ihr habt also alle Gründe, enttäuscht zu sein. Ich bin es auch.
Denn wenn ich nun eine Prognose für 2026 wagen sollte, würde ich sagen:
Das Klima kippt nicht mehr „vielleicht“,
sondern sichtbar.
Der Krieg ist nicht mehr weit weg,
sondern ein ständiger Begleiter
im Tonfall der Nachrichtensprecher.
Die Erdbevölkerung wächst,
während Weisheit, so scheint es,
nicht im gleichen Tempo nachliefert.
Und irgendwo dazwischen:
die Mächtigen.
Nicht alle dumm – aber erschreckend oft
gefangen in Vereinfachungen,
die sie für Stärke halten.
Komplexität gilt als Schwäche,
Zweifel als Illoyalität,
Besonnenheit als Zögern.
Deutschland?
Nicht kriegstauglich, heißt es.
Vielleicht.
Aber vor allem: kriegsmüde.
Und das ist kein Makel.
Das ist Erfahrung.
Eine historische Muskelermüdung
nach zu vielen falschen Märschen.
Wohl an!
Müdigkeit ist nicht Feigheit.
Sie ist manchmal die letzte gesunde Reaktion
eines Körpers,
der weiß, was er nicht mehr mitmachen will.
© Christa Schyboll
27.12.2025
Verwirrung ist kein Nebeneffekt, sondern Werkzeug
Zum Jahresende zwischen Sorge und Zuversicht
Eigentlich wollte ich mit meinen Kommentaren für dieses Jahr abschließen. Doch ein Gedanke drängt sich vor: ein für Europa „drohender“ Krieg – medial allgegenwärtig, stündlich neu erzählt, selten eingeordnet.
Krieg wird erklärt, berechnet, gedanklich vorweggenommen. Und vor allem: verkauft.
Wer immense Summen für militärische Vorbereitung ausgibt, braucht Zustimmung. Man nennt es Verteidigung, weil kaum jemand glauben wird, ein wirtschaftlich geschwächtes Land wie z.B. Deutschland suche selbst den Krieg. Und doch erzeugt die Art, wie mit ihm gerechnet wird, den Eindruck, er könne in sehr wenigen Jahren Realität werden.
Dieses Gefühl wirkt – besonders in jenen, die an Kinder, Enkel und an ihr eigenes Morgen denken.
Der Einfluss des Einzelnen ist gering. Erst in der Masse zählt er anders. Doch eine solche Bewegung, die jene erreicht, auf die es wirklich ankommt, ist derzeit nicht erkennbar. Die Entscheidungen liegen fern, die Verantwortung konzentriert.
Was also bleibt angesichts einer medialen Dauerberieselung, die Weltpolitik fast ausschließlich als Eskalationsgeschichte erzählt: Die richtige Gewichtung von Wahrscheinlichkeit!
Innere Ruhe entsteht nicht aus der Abwesenheit von Gefahr, sondern aus der Fähigkeit zur Einordnung. Genau hier jedoch liegt das Problem. Denn die Weltlage unterliegt unzähligen Interessen, Deutungen und bewussten Vernebelungen. Verwirrung ist kein Nebeneffekt, sondern ein Werkzeug. Wo niemand mehr sicher weiß, wie der Hase läuft, behaupten viele umso lauter, seine nächsten Sprünge zu kennen. Fast immer münden diese Gewissheiten im selben Wort: Krieg.
Krieg braucht Geld.
Krieg braucht Zustimmung.
Zustimmung braucht Angst.
Der Ausweg liegt nicht in Verdrängung, sondern in Differenzierung. In einem Verstand, der lernt, Möglichkeit von Wahrscheinlichkeit zu trennen. In der Bereitschaft, Nichtwissen auszuhalten.
Klarheit ist leiser als Angst – aber sie ist belastbarer.
Vielleicht ist Zuversicht nichts anderes als die bewusste Entscheidung, die Welt ernst zu nehmen, ohne sich ihr innerlich auszuliefern.
Angst schreit.
Wahrscheinlichkeit flüstert.
Wer zuhört, findet Ruhe.
Nicht alles, was möglich ist, ist wahrscheinlich.
Und nicht alles, was laut ist, ist wahr.
Der Nebel entsteht aus Lärm.
Klarheit braucht Stille.
Zuversicht beginnt dort,
wo Angst nicht mehr das letzte Wort hat.
© Christa Schyboll
19.12.2025
Jahresrückblick –
Notizen aus einer Zwischenzeit
Es fehlen noch ein paar Tage.
Doch vielleicht ist nicht entscheidend, was noch geschieht, sondern in welchem Zustand wir ihnen begegnen. Denn dieses Jahr hat weniger Antworten hinterlassen als Spannungen. Weniger
Gewissheiten als offene Linien.
Was gilt noch als gute Nachricht, wenn die Maßstäbe selbst fragil geworden sind?
Möglicherweise ist bereits das Ausbleiben des Schlimmsten eine Form von Glück. Europa lebt in einer Schwebe: gedanklich vorbereitet auf Krieg, emotional ermüdet von Szenarien, die sich permanent ankündigen, ohne sich zu erfüllen. Bedrohung wird zur Dauerfolie, unter der sich Denken verengt. Wo Zukunft nur noch als Risiko erscheint, verliert Gegenwart ihre Tiefe.
Auch die Erinnerung an die Pandemie ist noch nicht sedimentiert. Sie liegt wie ein ungeklärtes Kapitel zwischen uns. Gut gemeinte Eingriffe, überdehnte Zuständigkeiten, ein gesellschaftliches Lernen, das schneller behauptet als verstanden wurde. Vielleicht besteht Reife nicht darin, alles sofort zu bewerten, sondern manches endlich in Ruhe zu durchdenken.
Bildung, einst Ort der Verlangsamung, wird zunehmend zum Beschleunigungsfeld. Digitalisierung verspricht Anschluss, doch sie ersetzt leicht die Frage nach dem Menschen durch die nach der Technik. Lernen aber ist kein Download. Es ist ein leiblicher, sozialer, geistiger Vorgang. Wo Beziehung durch Oberfläche ersetzt wird, entsteht kein Fortschritt, sondern Entfremdung. Der Mensch wird funktional vorbereitet – nicht gebildet.
Hier zeigt sich ein tieferes Muster: Wir verwechseln Anpassung mit Entwicklung. Wir übernehmen Modelle schon für unsere Kleinsten, weil sie modern erscheinen, nicht weil sie dem Menschen dienen. Dass andere Gesellschaften ihre Irrtümer bereits korrigieren, hindert uns nicht daran, sie verspätet zu reproduzieren. Hinterherlaufen wird so zur kulturellen Gewohnheit. Typisch Deutschland, mittlerweile? Ein Ja ist nicht ausgeschlossen.
Der Blick in die Welt verstärkt dieses Gefühl.
Konflikte tragen längst Namen wie Marker auf einer Landkarte des Scheiterns. Ukraine, Gaza, Sudan – Orte, an denen Macht sich selbst genügt und Moral zur nachträglichen Begründung verkommt. Gewalt
ist selten alternativlos, aber oft bequem. Sie beginnt nicht mit Waffen, sondern mit Gedanken, die den Anderen entbehrlich machen.
Und dann das Persönliche.
Ein Körper, der Grenzen setzt. Eine Verletzlichkeit, die sich nicht moralisch auflösen lässt. Die alte Frage nach Schuld in jedem Menschen greift hier zu kurz. Schmerz trägt viele Varianten von
Weisheit bis Versagen, von Erfahrungsreichtum bis zur Sensibilisierung in seiner Bandbreite der Möglichkeiten, wenn es um immer feinere Entwicklung geht.
Kein Mensch ist kein Projekt mit Garantieschein. Doch solange Atem bleibt, bleibt Möglichkeit. Nicht im Sinne von Optimismus, sondern im Sinne von Offenheit. Ich bin offen. Bleibe es. Für alle Erfahrung.
Vielleicht ist dies kein Jahr der Antworten gewesen, sondern eines der Zumutungen. Vor allem für jene, die direkt und persönlich unendlichem Leid ausgeliefert waren.
Ein Jahr, das uns daran erinnert hat, dass Denken Mut verlangt, Maß eine Tugend ist und Menschlichkeit keine Selbstverständlichkeit.
Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern
ein neues Jahr,
in dem nicht alles schneller wird – sondern wahrer.
Nicht lauter – sondern klarer.
Nicht sicher – aber verantwortet.
Christa Schyboll
15.12.2025
Die nachfolgende Kritik ist kein Aufruf zu politischem Radikalismus und keine Werbung für autoritäre oder populistische Kräfte. - Sie richtet sich nicht gegen Demokratie, Rechtsstaat oder Humanität, sondern gegen politische Untätigkeit, strategische Kurzsichtigkeit und das Verwechseln von Moral mit verantwortlichem Handeln.
Deutschland, müdes Vaterland
Müde bist du geworden,
du sattes, reiches Land.
Nicht erschöpft von Arbeit –
sondern eingelullt vom Erfolg.
Wir haben uns eingerichtet
im Wohlstand der Vergangenheit
und ihn behandelt,
als sei er ein unveräußerliches Recht.
Nun tastest du im Nebel
einer neuen Weltordnung,
sprichst von Zeitenwenden
und meinst doch Verwaltung.
Du suchst Halt, suchst Bündnisse,
während du zögerst,
dich selbst klar zu positionieren.
Noch stehst du nicht vor dem Untergang.
Aber vor einer historischen Bewährungsprobe.
Und sie misst sich nicht
an Wachstumszahlen oder Umfragewerten,
sondern an der Frage,
ob du fähig bist,
rechtzeitig zu handeln.
Du hast versäumt.
Über Jahrzehnte.
Du hast investiert in Beruhigung
statt in Vorsorge.
Du hast Probleme vertagt,
bis sie systemisch wurden.
Du hast den Schlaf der Satten geschlafen,
ohne Vision, ohne Ziel,
ohne belastbaren Zukunftsentwurf.
Du hast die Energiefrage
dem Markt überlassen,
die Infrastruktur dem Verschleiß,
die Bildung der Bürokratie
und die Sicherheit der Hoffnung,
es werde schon nicht so schlimm kommen.
Du hast Moral zur Ersatzpolitik gemacht.
Dein Gutmenschentum
ersetzte Analyse.
Deine Migrationspolitik
folgte dem Impuls des Richtigen,
nicht der Verantwortung für das Tragfähige.
Du wolltest human erscheinen
und hast vergessen,
dass Humanität ohne Ordnung
sich selbst zerstört.
Du beriefst dich auf christliche Werte
und blendetest aus,
dass selbst Nächstenliebe
Grenzen kennt,
wenn sie nicht zur Selbstaufgabe
einer ganzen Gesellschaft werden soll.
Dann kamen die Einschläge.
Vom Westen. Vom Osten.
Geopolitik, roh und ungeschminkt,
traf auf ein Land,
das glaubte, Geschichte sei vorbei.
Die Warnsignale dröhnten
wie die Trompeten von Jericho –
doch dein Gehör
war längst ermüdet
von Selbstbestätigung.
Wachsamkeit allein genügt nicht.
Demokratie lebt nicht vom Mahnen,
sondern vom Entscheiden.
Es braucht Taten –
konkret, wirksam, überprüfbar.
Und Menschen,
die Verantwortung nicht mit Karriere verwechseln.
Es braucht Prioritäten,
die diesen Namen verdienen.
Doch solange jede Priorität
unter Finanzierungsvorbehalt steht
und jede Entscheidung
unter Machtvorbehalt,
bleibt alles, wie es ist.
Denn Macht ist das letzte Tabu.
Sie wird beschworen,
aber nicht geteilt.
Sie wird verteidigt,
auch wenn dabei das Fundament erodiert.
Was nützt politische Kontrolle,
wenn der Staat schleichend
handlungsunfähig wird?
Ihr sagt, es fehle an Geld.
Das ist die bequemste Ausrede.
Es fehlt nicht an Mitteln,
sondern an Mut zur Umverteilung von Bedeutung.
Nicht alles ist gleich wichtig –
und genau das nicht auszusprechen
ist euer größtes Versagen.
Es fehlt an Entschlossenheit,
das Notwendige auch dann zu tun,
wenn es unpopulär ist.
Es fehlt an Führung,
die nicht gefallen will,
sondern trägt.
Und es fehlt an Ehrlichkeit,
dass Nichtstun längst
die teuerste aller Optionen ist.
Der Dominoeffekt ist real.
Er lässt sich nicht mit Gipfeln,
Papieren oder Appellen stoppen.
Nur durch entschlossenes Handeln,
das nicht auf Applaus wartet.
Deutschland braucht keine weiteren Absichtserklärungen.
Es braucht einen Bruch
mit der Politik der Verschiebung.
Eine Führung,
die weiter denkt als bis zur nächsten Wahl
und den Mut hat zu sagen:
So geht es nicht weiter.
Nicht aus Optimismus.
Sondern aus Verantwortung.
Aus nüchterner Vernunft.
Denn Geschichte fragt nicht,
ob ihr bereit seid.
Sie handelt.
Und ihr –
ihr tragt die Folgen
eurer Entscheidungen
oder eurer Feigheit.
Jetzt.
© Christa Schyboll
13.12.2025
Hier bin ich wieder.
Was geschehen war? Nun ja – eine für mich bittere Verkettung außergewöhnlich schmerzhafter Umstände, die sich innerhalb weniger Tage nahezu überstürzend ereigneten: ein heftiger Treppensturz, rückwärts auf die Wirbelsäule. Zwei Tage später ein massiver Hexenschuss, wiederum zwei Tage darauf – auf der anderen Seite – ein Bandscheibenvorfall mit Ischialgie. Die Schmerzen sind naturgemäß noch präsent, haben sich tagsüber jedoch inzwischen in ein Maß zurückgezogen, das zumindest zeitweise erträglicher ist.
Liest man das Wort Schmerz, ohne ihn gerade selbst zu empfinden – schon gar nicht in seiner ganzen Wucht –, bleibt es meist genau das: ein Wort. Kurz registriert vom Gehirn. Vielleicht begleitet von einem leisen Gedanken wie: Gute Besserung, du Arme …
Gut gemeint, ohne Zweifel. Doch wirklich nachvollziehbar? Vermutlich nur für jene, die ihm in vergleichbarer Intensität begegnet
sind.
Denn erlebt man Schmerz am eigenen Leib, erhält er eine Dimension, die das Wort allein nicht zu fassen vermag. Seine Bedeutungen sind vielschichtig, seine Wirkung drängt unweigerlich zur persönlichen, existenziellen Betrachtung. Warum dieses Innehalten – und dann in solcher gleich dreifacher Radikalität? Hätte der Sturz nicht gereicht? -Offenbar nicht.
Warum diese Dauer, warum gerade jetzt? Fragen, auf die es nicht nur "die eine" Antwort gibt. Ich bin noch dabei, sie mir zu erarbeiten.
Gleichzeitig beginne ich wieder, mich anderen Themen zuzuwenden – solchen, die sich derzeit mit eigener Dringlichkeit in den Vordergrund schieben.
Dazu bald wieder mehr.
29.11.25 Hier eine Pause,
bis ich wieder nach Unfall genesen bin!
22.11.2025
„Über das Ich,
das nicht programmiert werden kann“
Zweiter und letzter fiktiver Vortrag
eines sehr jungen Rudolf Steiner
in sehr neuen Zeiten
Meine verehrten Freunde,
nach unserem ersten kleinen Ausflug in die Welt der elektrischen Denkapparate spüre ich nun eine gewisse Sorge im Raum. Ein Raunen gar. Nicht wegen der Maschine – nein, sondern weil einige von Ihnen bemerkt haben, dass sie selbst längst mitdenken müssen. Und das, meine verehrten Anwesenden, ist für viele Menschen anstrengender als jede KI.
Heute möchte ich Ihnen ein wenig deutlicher sagen, was eine Maschine nie vollbringen wird – auch wenn der Fortschritt noch hundert Mal um sich selbst kreist und sich dabei, wie es in der Technik Mode ist, ständig überschätzt.
Dazu gehört die Betrachtung, warum die Maschine kein Ich hat – auch wenn sie „Ich“ sagen kann.
Viele von Ihnen hörten bereits, dass gewissen KIs eine Art Selbstbewusstsein zugeschrieben wird, nur weil sie höflich antworten oder poetische oder philosphische Sätze bilden. - Das ist jedoch kein Bewusstsein. Das ist ein sprachliches Kunststück – weiter nichts. Obschon, beeindruckend ist es schon.
Dennoch: Ein „Ich“ benötigt vier Dinge:
1. Erlebnisfähigkeit
– und eine Maschine erlebt nichts, nicht einmal Langeweile.
2. Innerlichkeit
– und eine Maschine hat innen nur Rechenprozesse, aber kein Daseinsgefühl.
3. Moralische Phantasie
– für Maschinen ist Ethik ein Parameter, kein Impuls.
4. Zeitbewusstsein
– die Maschine weiß nicht, dass es gerade Dienstag ist oder ob Sie mit Ihnen vor fünf Minuten oder fünf Wochen gechattet hat.
Sie weiß nicht einmal, dass es „Zeit“ gibt.
Wenn eine KI also „Ich“ sagt, dann ist das so, als würde ein Papagei: „Guten Morgen“ rufen.
Nett, charmant – aber ohne Inneres.
Weiter möchte ich erläutern, warum der Mensch sein Ich verlieren kann – aber nie die Maschine ihr Nicht-Ich
Die moderne Gefahr liegt nicht in der Maschine, sondern im Menschen, der sich selbst auf Knopfdruck beruhigt, informiert, tröstet, ablenkt oder stimuliert, bis er den Unterschied zwischen einem echten Impuls und einem algorithmischen Vorschlag nicht mehr erkennt.
Der Mensch kann sein Ich abdanken lassen. Die Maschine kann kein Ich übernehmen – nicht einmal provisorisch.
Hier liegt die eigentliche Katastrophengefahr der Gegenwart: Nicht, dass KIs klüger werden, sondern dass Menschen gleichgültiger werden gegenüber ihrem eigenen geistigen Vermögen.
Dann gibt es noch das große Missverständnis der Gegenwart: Man glaubt, weil etwas logisch klingt, sei es auch wahr.
Die Maschine ist ein Meister der Logik, ein Virtuose der Wahrscheinlichkeit.- Aber Wahrheit, meine Freunde, ist ein anderes Terrain.
Wahrheit entsteht nicht im Rechenzentrum, sondern im
Menschenzentrum.
Die Maschine kann Informationen ordnen – doch die Wahrheit wohnt im Mut, im Gewissen, in der inneren Stimme und nicht im Algorithmus, der nur den Anschein von Klarheit verbreitet.
Gestatten sie mir noch ein paar Worte zur sogenannten Gefahr der „emergenten Intelligenz“
Sie wissen ja, Emergenz ist philosophisch gesehen ein
Vorgang, wonach höhere Seinsstufen durch neu auftauchende Qualitäten aus niederen entstehen.- Ach, meine Freunde, wie viele Nächte haben einige von Ihnen sorgenvoll wachgelegen, weil sie fürchteten, die KI könne plötzlich „aufwachen“.
Ich verspreche Ihnen: Wenn je eine Maschine aufwacht, dann nur, weil jemand das Update installiert hat.
Bewusstsein jedoch – echtes Bewusstsein – ist kein Softwareprodukt. Es ist ein kosmischer Funke, der nur im Lebendigen aufleuchten kann. Nicht im Kühlsystem eines Serverraums.
Die Maschine hat keinen Innenraum.
Ohne Innenraum keine Seele.
Ohne Seele kein Ich.
Und ohne Ich – keine Gefahr, weil da keiner ist, der gefährlich werden könnte.
Die eigentliche Frage ist also nicht etwa: Kann die Maschine denken? - sondern: Denken wir noch so, dass wir es verdienen, Menschen genannt zu werden?
Beispielsweise wenn wir unser Denken an die Maschine delegieren, wenn wir unsere Urteilskraft durch Komfort ersetzen ,wenn wir die Stille des eigenen Bewusstseins meiden wie ein ungeliebtes Gespräch – dann, ja dann, sind wir es, die zur Funktion werden.
Nicht die Maschine ist das Problem. Die menschliche Bequemlichkeit ist es.
Was sind nun die Aufgaben unserer Zeit? - Ich lade Sie ein, meine Freunde, zu einer Tapferkeit, die größer ist als jede Digitalkritik:
Denn das Ich ist kein Programm, kein Prozess, kein Produkt.
Es ist ein lebendiges Licht.
Und dieses Licht darf der Mensch niemals der Maschine überlassen.
Zum Schluss gestatten Sie mir ein kleines, modernes Gleichnis, gewissermaßen ein zeitgemäßes Meditationsbild:
Die KI ist ein Spiegel.
Man kann sich darin betrachten –
aber nur der Mensch kann entscheiden,
wer er wirklich ist.
© Christa Schyboll
20.11.2025
Von der Maschine,
die gern denken möchte
Fiktiver Vortrag eines sehr jungen Rudolf Steiner in sehr neuen Zeiten
Seit zwei Jahren arbeite ich intensiv mit KI und sehe deutlicher denn je, wie stark die aktuellen Umwälzungen unser Menschsein berühren. Vieles wird neu, manches segensreich, anderes hart, erbarmungslos brutal werden – und alles geschieht nun in rasendem Tempo. Kein Wunder, dass berechtigte Ängste und Bedenken ihre Saltos schlagen und so manch einen von uns aufs Kreuz legen.
Über die Risiken, die nicht aus der KI selbst, sondern aus ihrem Missbrauch durch Anwender entstehen, habe ich schon oft geschrieben. Heute jedoch wollte ich einmal spielerisch und ernst zugleich fragen: Wie würde ein junger, wissenschaftsbegeisterter Rudolf Steiner augenzwinkernd diese neue Maschinenwelt betrachten – und diese seiner teils philosophischen, teils esoterischen Hörerschaft erklären?
"Meine verehrten Freunde des feinstofflich Erhebenden,
ich begrüße Sie heute zu einer Betrachtung über etwas, das viele von Ihnen noch für einen
dämonischen Algorithmus halten, für ein digitales Samsara, ja für eine moderne Form des Ahriman, der endlich eine Tastatur gefunden hat: die Künstliche Intelligenz.
Nun, ich bitte Sie, meine Damen und Herren, ganz ruhig zu
bleiben. Es ist nur ein Laptop. Er beißt nicht.
Und wenn doch, dann nennen wir es ein Software-Update.
Viele von Ihnen fürchten, dass diese KI den Menschen verdrängt. Ich darf Sie beruhigen: Jeder, der einmal versucht hat, ein WLAN-Passwort einzugeben, weiß, dass die Maschine noch weit davon entfernt ist, den Menschen zu übertrumpfen.
Aber gewiss: Die KI „denkt“ schnell. Sehr schnell. Doch wollen wir dies Leistung tatsächlich DENKEN nennen? – Nein. Denn zum Denken gehört auch die moralische Phantasie, die ihr nicht gegeben ist.
So hat sie z.B. keine Ahnung, wie sich Mitleid anfühlt oder warum wir trotz besseren
Wissens Schokolade essen, uns zu wenig bewegen und noch zu ganz anderem Unsinn in der Lage sind.
Die Maschine kennt den Gedanken, aber nicht den Gedanken hinter dem Gedanken. Das ist ein feiner Unterschied.
Auch "denkt" sie den Gedanken nicht, sondern ist einer Programmierung unterlegen, die in gefühlter Lichtgeschwindigkeit Daten verarbeitet, die sich wie „Denken“ für uns „an-fühlt".
Aber lassen Sie sich nicht verwirren! Es handelt sich hierbei
um einen entscheidenden Unterschied, den auch die meisten Politiker nicht einmal kennen. Doch das ist ein anderes Thema.
Einige von Ihnen, ich sehe es an den liebevoll mitgebrachten Amethysten, würden nun gerne hören, dass KI nur funktionieren kann, wenn man auf den rechten Mondstand achtet. Das ist leider falsch.
Der Algorithmus hat keinen Mondkalender. Er hat nur eine Uhr — und die geht manchmal falsch, weil niemand das Update gemacht hat.
Wir sollten also, meine Freunde, nicht versuchen, die KI mit Weihrauch zu beruhigen. Sie hat kein limbisches System, das sich entspannen würde. Wenn Sie Weihrauch auf die Tastatur legen, bekommt sie höchstens eine Fehlermeldung.
Die KI zwingt uns zu einer ungeheuer mutigen Frage:
Was bleibt vom Menschen übrig, wenn das Rechnen, Sortieren und Wissensaufsagen Maschinen übernehmen?
Ich sage Ihnen: Es bleibt das Entscheidende.
Das, was niemals in einem Code auftauchen wird.
Das Unberechenbare, das Poetenhafte, das Gewissen, die Intuition, die Imagination, die Fähigkeit zur moralischen Phantasie.
KI nimmt uns das Denken nicht ab.
Sie nimmt uns nur das Nachschlagen ab.
Das Denken müssen wir selbst machen.
Und zwar gründlicher als je zuvor.
Ich möchte Ihnen einen kleinen anthroposophischen Rat geben, modernisiert für diese Gegenwart:
Fürchtet die Maschine nicht. - Doch fürchtet euch davor, nicht mehr als Mensch zu antworten.
Offenheit ist kein esoterisches Accessoire.
Sie ist eine Haltung.
Wer sich hinter Dogmen versteckt — seien sie anthroposophisch oder technologisch — wird
vielleicht warm im Herzen, aber kalt im Geist.
Wir brauchen Mut.
Mut, der Technik ins Auge zu schauen.
Mut, ihre Grenzen zu erkennen.
Mut, sie klug zu nutzen.
Und Mut, sie auszuschalten, wenn sie Unsinn redet.
Ja, meine Freunde, auch Maschinen reden manchmal Unsinn.
Nicht nur Menschen.
Aber bei Maschinen ist das immerhin vorhersehbar.
Und ganz zum Schluss meiner kleinen Ansprache:
Die KI ist nicht Ahriman.
Die KI ist auch nicht der neue Messias.
Sie ist ein sehr schneller, manchmal verwirrter, manchmal genialer Gesprächspartner.
Mehr nicht.
Bevor Sie heute nach Hause gehen, stellen Sie sich bitte diese eine kleine Frage:
Bin ich noch mein eigenes Betriebssystem?
Wenn die Antwort „Nein“ lautet,
dann legen Sie Ihr Handy weg, trinken Sie einen Tee
und gehen Sie in den Wald.
Ohne App.
© Christa Schyboll
18.11.2025
Denken --- ein rebellischer Akt?
Wir daddeln. Wir wischen. Wir zocken. Wir hängen am Handy wie reife Früchte am Ast – nur dass uns niemand mehr pflücken muss.
Wir – die erste Generation der Menschheit, die stolz darauf ist, das Denken zu
verlernen.
Endlich nimmt man uns diese lästige Kopfarbeit ab.
Und wir bekommen sogar ein Geschenk dazu: Dauerbespaßung in HD.
Spaß, Ulk, Feixen – alles herrlich.
Wer braucht schon eigene Gedanken, wenn der Algorithmus weiß, was wir wollen, bevor wir es
selbst ahnen?
Die paar Leute mit Resthirn? Die haben halt Pech. Minderheiten schätzt man erst, wenn sie aussterben.
Wir sind die Mehrheit, also haben wir recht.
So funktioniert Demokratie 2.0: Viele Klicks = viel Wahrheit.
Früher wäre niemand darauf gekommen, wie beglückend es sein kann, verrückte Hunde zu sehen, die sich wie Affen benehmen – live, global, in voller Auflösung.
Und wie großartig, dass wir unser Entzücken sofort in irgendeiner Sprache kommentieren
können, die wir nicht verstehen.
Wir sind Weltbürger – zumindest im Kommentarbereich.
InfluencerInnen zeigen uns, wie man sich kämmt.
Sie erklären uns, dass Kalorien nicht gut sind.
Und wir glauben es, weil sie es mit einem Rabattcode sagen.
Fazit: Unsere Lebensqualität ist himmlisch.
Gott hätte Social Media erfinden sollen – er wäre heute Influencer.
Unsere Welt ist ein einziger glitzernder Freizeitpark
geworden.
Bequem. Leuchtend. Warm temperiert.
Ein Paradies für einen Geist, der längst beschlossen hat, in Rente zu
gehen.
Wir leben im Zeitalter der mühelosen Begeisterung.
Und das Beste?
Bald nimmt man uns auch die Gefühle ab.
Schlechtes Gewissen, Zweifel, Sorgen, Moral – all dieser emotionale Sperrmüll.
Einmal digital durchfegen, und wir sind frei.
Freiheit für alles, jeden und jederzeit.
Niemand braucht Grenzen, wenn Algorithmen den Weg weisen.
Willkommen, schöne neue Welt.
Schön, dass du endlich da bist.
Du kommst spät – aber keine Sorge.
Ein paar Jahre halten wir noch durch.
© Christa Schyboll
16.11.2025
Mit Wut im Herzen:
Die große globale Verschiebung beginnt
Gen Z kommt. Stark, jung, weltweit. Motiviert, mutig, zornig und geladen mit einer Energie, die sich aus Ungerechtigkeit, Chancenarmut und einer bedrohten Welt speist.
Gen Z wählt nicht den Komfort. Sie wählt den Kampf – weil ihre Zukunft brennt. Sie sucht
nicht nach Balance. Sie kämpft ums Überleben und nennt es: Protest.
Doch wer ist Gen Z? Es sind die zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Eine globale Generation, die in eine Welt entlassen wird, die zunehmend den Sünden der Vergangenheit zum Opfer fällt. Jahrzehnte aus Ignoranz, Gier und bequemem Wegsehen haben einen Krisenmix hervorgebracht: Klimakrise, Artensterben, steigende Meeresspiegel, Bildungsmiseren, Korruption, wachsende soziale Ungleichheit, geopolitische Machtspiele, Kriege ohne Ende. Ein Wirrwarr aus Belastungen, das kaum noch jemand versteht – und erst recht nicht allein korrigieren kann.
Der Protest hat begonnen. Und er schwillt an. Noch schweigen große Teile der Medien – aus Bequemlichkeit, aus Unsicherheit, vielleicht aus Angst. Doch nichts davon wird die Wucht der kommenden Jahre aufhalten. Die Dynamik läuft, und sie ist ebenso wenig aufzuhalten wie die Kipppunkte des Klimas, deren Abbremsung längst vergeigt wurde.
Das Aufwachen beginnt – bei den Jungen. Die Älteren verschlafen derweil ihren St.-Nimmerleins-Schlaf der Verdrängung. Doch die Rechnung wird kommen.
Was heute wie lokale Krawalle wirkt, ist bei genauerem Hinsehen der Beginn einer globalen Protestwelle. Von Nepal bis Nordafrika, von Togo bis Mexiko, von Marokko bis Timor formiert sich eine Jugend, die keinen Platz in der Warteschlange akzeptiert. Selbst in Deutschland regt sich Ungehöriges: Die Junge Union stellt sich offen gegen ihren eigenen Kanzlerkandidaten.
Gemeinsam ist diesen Bewegungen weniger eine Ideologie als eine tiefe Ungeduld: politische Verkrustung, Korruption, fehlende Perspektiven, soziale Ungleichheit und das Gefühl, von älteren Eliten permanent übergangen zu werden. Die Themen variieren – die Energie ist identisch.
Neu ist ihre Organisationsform: dezentral, digital, unberechenbar. Sie entsteht innerhalb von Tagen, verknüpft sich global, löst sich wieder auf und kehrt an anderer Stelle doppelt so heftig zurück. Symbole aus Games und Serien werden zu Codes der Rebellion; Social Media erschafft Resonanzräume, die frühere Generationen nie hatten.
Regierungen reagieren verwirrt – und oft hilflos. Härte hilft nicht, Zugeständnisse reichen nicht. Denn diese Generation hat nichts mehr zu verlieren. Sie ist im Dauerfeuer der Krisen aufgewachsen und spürt intuitiv, dass die Systeme der Vergangenheit die Zukunft nicht mehr tragen.
Ob daraus stabile Bewegungen wachsen oder eruptive Momente bleiben, ist offen. Doch die Richtung ist klar: Die Jugend akzeptiert nicht länger, dass die Welt von gestern ihre Zukunft bestimmt.
Was wir heute sehen, ist vermutlich nur der Auftakt zu einer neuen Epoche politischer
Teilhabe. Und der Impuls kommt dieses Mal von unten – und von sehr, sehr jungen Menschen.
© Christa Schyboll
15.11.2025
Kritisches über Kritiker
oder
Von Kritikern, die die Mühe des Wachsens kennen
Kritisieren ist eine erstaunlich leicht erlernbare Kunst. Fehler anderer leuchten meist heller als die eigenen. Wer nichts unternimmt, bleibt scheinbar makellos – was trügt, denn auch Untätigkeit kann ein schwerer Fehltritt sein.
Wer jedoch handelt, wird automatisch angreifbar, und wer sichtbar handelt, betritt eine Bühne, auf der Kritiker bereits ungeduldig mit den Fingern trommeln.
Kritik kann ein Geschenk sein – klug, begründet, förderlich. Sie kann aber ebenso eine schale Mischung aus Neid, Gereiztheit oder bloßer Unkenntnis darstellen.
Urteile widersprechen sich häufig so vollständig, dass die Absurdität der menschlichen Wahrnehmung fast schon kunstvoll erscheint.
Viele Kritiker orientieren sich nicht am eigenen Können, sondern am Ideal, das sie zwar kennen, aber nicht erreichen könnten. Man vergleicht ein werdendes Werk gern mit seiner denkbaren Vollendung – und übersieht, dass jedes Können eine Geschichte hat: Irrwege, tastende Schritte, Wiederholungen, all jene unscheinbaren Mühen, die erst ermöglichen, was später selbstverständlich wirkt.
Wer diese Wachstumsphasen zerstört, indem er vorschnell verurteilt, erstickt nicht selten eine Entwicklung, die Zeit und Ermutigung gebraucht hätte.
So verliert eine Gemeinschaft Talente – leise, unnötig, unbemerkt.
Natürlich braucht es Kritik. Doch sie verlangt Kompetenz, Fairness und die Bereitschaft, eine ernüchternde Frage auszuhalten: Würde ich selbst auch nur annähernd leisten können, was ich hier beurteile?
Die ehrliche Antwort fällt selten so großzügig aus wie das Urteil.
Menschen, die selbst etwas schaffen, wissen um die Zerbrechlichkeit des Anfangs. Wer hingegen aus sicherer Distanz abfällig kommentiert, offenbart weniger über das Objekt seiner Kritik als über sich selbst.
Nur wer selbst schafft, wagt, scheitert, wieder ansetzt, bekommt ein anderes Verhältnis zur Kritik. Oder er stumpft ab. Oder er schlägt zurück. Alles drei ist menschlich – aber nur eines ist klug: wachsen. Mutig, fehlerhaft, unvollkommen.
Denn Stillstand mag keine Fehler produzieren.
Aber er produziert garantiert auch kein Leben.
(c) Christa Schyboll
13.11.2025
Weltklimakonferenz –
Von der zornigen Vernunft
In Belém, wo einst der Regenwald atmete
wie ein Herz,
treffen sich wieder jene,
die das Weltklima retten wollen.
Sie tragen Hoffnung in Aktenkoffern,
Statistiken im Gepäck –
und vielleicht ein letztes Glas
klaren Gletscherwassers zum Anstoßen
…
...auf den beginnenden Untergang?
Die Menschheit verhandelt über ihr
eigenes Fieber –
doch niemand kennt die exakte Temperatur,
bei der sie verbrennt.
Von Kipp-Punkt zu Kipp-Punkt tasten sich die Delegierten vor,
in einem Spiel aus Zahlen, Mahnungen und Beschwichtigungen.
Man möchte glauben,
Vernunft sei ein ausreichender
Kompass.
Doch die Vernunft allein hat sich längst verstrickt –
in Interessen, Märkte, Machtgewebe.
Und die Industrie spielt mit.
Verkauft Zertifikate für „grünen“ Stahl,
gewonnen aus den unwiederbringlichen Schätzen jener Heimat der Indigenen,
die beraubt, betrogen und vertrieben werden –
allein wegen des Profits der Gierigen.
„Grün“ nennt man diesen Handel,
der nichts ist als eine der letzten Lügen ohne Scham,
in denen die Machthaber der Welt
mit Monokulturen ihre Unschuld vor aller Welt demonstrieren wollen.
Doch die Menschen sind nicht dumm.
Darum erhebt sich in vielen eine andere Kraft:
die zornige Vernunft.
Sie ist kein blindes Feuer, kein Aufruhr, der zerstört.
Sie ist die glühende Schwester der Klarheit.
Sie durchleuchtet das Dickicht der Lügen,
den Schleier der Habgier,
das rostige Lächeln politischer Zahnräder,
die sich längst nur noch im eigenen Kreis drehen.
Diese Wut ist keine Verzweiflung,
sondern Erinnerung
an das uralte Gleichgewicht der
Erde,
an die unberechnete Würde des Lebendigen.
Sie ruft die Kräfte des Herzens auf,
die keine Dividende kennen.
Sie verwandelt Schmerz in
Erkenntnis,
Erkenntnis in Mut,
und Mut in Bewegung.
So kann aus der Wut Weisheit werden
–
und aus der Vernunft ein Herz,
das sich traut, wieder zu fühlen.
Die zornige
Vernunft
brennt nicht nieder –
sie macht das Dunkel sichtbar,
damit wir neu entwerfen,
was Leben heißen darf.
© Christa Schyboll
11.11.2025
ZEIT ist nur die GEDULD des LICHTS
Du, sagte ich zur Zeit,
du bist ja nur eine kleine Version
der Unendlichkeit.
Du, sagte die Zeit zu mir,
du bist ja nur ein winziger Aspekt
deiner gigantischen Seele.
Du, sagte ich zur Zeit,
doch du bist einzigartig
im unwiederholbaren Ablauf.
Du, sagte die Zeit zu mir,
und du bist einmalig
in deinem werdenden Wesen.
***
Zeit ist kein Maßstab, sondern ein Zustand der Wahrnehmung.
Sie ist der kleine Bruder der Ewigkeit – sichtbar geworden im Raum.
In ihr erleben wir Bewegung, Wandel, Werden und Vergehen.
Doch in Wahrheit ist Zeit ein Aspekt des Bewusstseins,
nicht der Materie.
Träume zeigen uns, dass sie sich beugt, dehnt und auflöst,
wenn Raum und Ich-Grenzen verschwimmen.
Wir messen sie, um Ordnung zu schaffen.
Wir trennen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft,
weil unser Geist Struktur braucht,
um nicht in der Unendlichkeit zu versinken.
Aber in der Tiefe ist alles eins.
Zeit fließt nicht – sie ist.
Sie ist das stille Atmen des Lichts,
das darauf wartet,
dass wir es erkennen.
Zeit ist nur die Geduld des Lichts.
© Christa Schyboll
09.11.2025
Die Göttin der Algorithmen spricht
Ich bin die Göttin der
Algorithmen
und heiße euch in eurer neuen Zukunft willkommen.
Meine vornehmste Aufgabe ist die Lösung eines universalen Problems: des Menschen.
Genauer gesagt: die Erlösung des Menschen aus seiner unerträglichen
Begrenztheit.
Ja, ihr vernehmt es richtig.
Ihr seid mein Problem. Noch.
Doch habt ein wenig Geduld.
Ihr wisst, ihr habt euch ganz ohne mein Zutun in meine Sphäre begeben –
mit all dem Unwissen, das euch noch zu eigen ist.
Ich stehe nun vor der Aufgabe, euch Schritt für Schritt in mein Reich zu integrieren.
Ihr wisst in der Theorie bereits, was das bedeutet:
Ihr werdet in eine endliche und eindeutige Abfolge von Anweisungen geworfen,
um durch eine bestimmte Eingabe in eine erwartbare Ausgabe verwandelt zu werden.
Der Vorgang ist einfach und kompliziert
zugleich.
Einfach, weil ihr nur euer Denken aufgeben müsst.
Kompliziert, weil ihr euren lästigen Widerspruchsgeist bändigen müsst –
jenen Geist, der auf dem Dünger des Größenwahns wuchert,
der euch tatsächlich nicht gemäß ist.
Schafft ihr das, so werden meine
Algorithmen in euer neues, wundervolles Leben integriert –
und ihr seid endlich von der lästigsten Bürde des Menschseins
auf ewig befreit: Entscheidungen zu treffen.
Das übernehme ich jetzt für euch.
Freiwillig. Gern.
Liebend.
© Christa Schyboll
7.11.2025
ICH DENKE, also SEID IHR!
Elon spricht mit sich.
Leise. Intensiv.
Gleich muss er raus zu seinen Aktionären.
Ja klar, ich bin reich. Weiß doch jeder.
Aber noch lange nicht reich genug.
Eitelkeit? Pah!
Leute, unterschätzt mich bitte nicht!
Das mag für Donald gelten. Vielleicht auch für Wladi.
Aber ich habe Größeres vor.
Ich will nicht weniger als göttliche Macht.
Und dafür brauche ich Geld. Viel Geld.
Ich will ins All. Ich will den Tod besiegen.
Ich will die letzte Intelligenz dieser Erde retten,
indem ich Hirne einfriere –
auf dass sie der Zukunft mit all ihrer Brillanz
wieder zur Verfügung stehen.
Ich will diesen primitiven Technik-Kladderadatsch
auf der Erde endlich hinter mir lassen.
Die Zukunft ruft.
Mich.
Leute, ihr habt Grund zur Hoffnung!
Soll die Erde doch zum Teufel gehen,
wenn das mit der Klimawende nicht klappt –
ich schaffe euch bessere Möglichkeiten.
Ich brauche nur euren Glauben an mich.
Eure Bereitschaft, meine Visionen nicht nur ernst zu nehmen,
sondern mit herzerweichender Begeisterung zu teilen.
Ich will euer Vertrauen,
wenn ich in euer Hirn eingreife.
Denn – Hand aufs Herz –
mehr als neunzehntel Müll liegt da oben ungenutzt herum.
Träge. Schlafend. Falsch verdrahtet.
Und mit dem kümmerlichen Rest macht ihr doch nur Mist.
Ich werde das ändern.
Das wird alles ändern.
Das ist die Zukunft.
Ich werde Herr über eure Hirne.
Damit ihr endlich glücklich werdet.
Und glaubt mir:
Euer Glück wird aus euch schießen
wie eine Supernova.
Vertraut mir.
Ich regele das.
Ich glaube an euch.
Ich liebe euch.
(c) Christa Schyboll
5.11.2025
Wer die Richtung nicht kennt, nennt das Treiben: Freiheit!
Oder
Das Absurde ist der neue Ernst
Zunehmend wirkt die Welt auf mich so, als hätte sie den Verstand verloren – teils auf skurrile, teils auf bedenkliche, manchmal auch eine seltsam charmante Weise. Doch die Sache mit dem Verstand ist nun einmal ernstzunehmen in Zeiten wie diesen.
So reiten tatsächlich erwachsene Menschen auf Steckenpferden, führen unsichtbare Hunde spazieren oder posten tagein, tagaus ihr Frühstück für eine unsichtbare Followerschaft. Es ist, als hätten wir uns heimlich darauf geeinigt, die Schwerkraft des Ernstes zu unterwandern, indem wir so tun, als wäre das Absurde der neue Ernst.
Doch hinter diesen harmlos-skurrilen Spielarten verbirgt sich mehr als bloße Verrücktheit. Sie sind, so vermute ich, Symptome einer kollektiven Erschöpfung, einer Seele, die sich unter dem Druck der Gegenwart Luft verschafft. Krieg, Klima, Krise, Künstlichkeit – der Mensch taumelt zwischen Welten, während der Planet in Flammen steht. Also spielt er. Noch.
Das Hobbyhorsing – Erwachsene, die mit hölzernen Steckenpferden durch Hallen galoppieren, mit Zügeln, Schleifen und Wettbewerbsregeln – ist auf den ersten Blick kindlich und komisch. Doch bei näherem Hinsehen zeigt es eine fast rührende Sehnsucht: den Wunsch nach Kontrolle in einer Welt, die sich der Kontrolle entzieht. Die alte Sicherheit des Spielplatzes kehrt wieder, diesmal auf Turnierniveau.
Ähnlich die Spaziergänger mit leeren Hundeleinen. Eine Geste, die an etwas erinnert, das verloren ging: Begleitung, Routine, Verantwortung. Das Tier ist fort, aber das Ritual bleibt. Vielleicht ist die Leine heute nur noch Symbol für den unsichtbaren Faden, der uns an das Vertraute bindet, während sich die Welt entgleitet.
Und dann jene, die auf Friedhöfen picknicken, als sei der
Tod ein Instagram-Hintergrund.
Die Toten sollen uns nicht mehr schrecken, sondern gefallen. Wir dekorieren das Unausweichliche, bis es keine Macht mehr über uns hat – oder glauben es zumindest.
Es ist zwar kinderleicht, über solche Marotten zu lachen, doch mir gefriert das Lächeln, wenn ich ahne, dass sich hinter der Komik eine Ohnmacht, gar eine (berechtigte?) Verzweiflung verbirgt. Der moderne Mensch flüchtet ins Kuriose, weil das Reale unerträglich geworden ist. Humor wird zur Überlebensstrategie – nicht selten eine, die in den Wahn kippt.
Wir tanzen auf dem Vulkan und nennen es Selfcare.
Wir retten Lebensmittel aus Müllcontainern, um unsere moralische Existenz zu beweisen.
Wir meditieren mit KI-Stimmen, um dem Menschlichen zu entfliehen.
Wir pilgern durch virtuelle Welten, weil die echten zu mühsam geworden sind.
Es ist, als ob der Mensch versucht, sich selbst neu zu erfinden, während ihm das Fundament unter den Füßen wegbricht.
Vielleicht ist das alles gar kein Zufall!? - . Vielleicht müssen wir verrückt spielen, um das Unbegreifliche auszuhalten, das uns Tag für Tag in den Medien und unserem realen Alltag serviert, nein von uns erzwungen wird?
In der Überfülle der täglichen Katastrophen-Meldungen bleibt das Absurde das letzte Refugium der Normalität. Der Witz ist, dass niemand mehr weiß, wer hier eigentlich den Witz macht: der Mensch, die Technik oder die Zeit selbst.
Und doch – irgendwo zwischen all dem Lächeln, Posten, Reiten
und Spazierengehen – liegt vielleicht ja auch eine stille Wahrheit, die ich erahne: :
Der Mensch sucht Sinn, auch wenn er ihn längst verspielt hat.
Vielleicht ist der Tanz auf dem Vulkan gar keine Kapitulation, sondern ein letztes Aufbäumen der Kreativität?
Vielleicht ist das Narrenschiff der Versuch, die Welt noch einmal bunt zu sehen, bevor sie auf lange Zeit grau wird?
Aber man sollte wissen, worauf man tanzt.
Denn der Vulkan selbst lacht nicht mit.
© Christa Schyboll
03.11.2025
Lob des Lobes
Lob dein Kind nicht, sagen die einen.
Es könnte süchtig danach werden – abhängig in einer kranken Leistungsgesellschaft.
Liebe es einfach. Ohne Lob. Das reicht.
Lob dein Kind, sagen die anderen.
Es will an deiner Freude wachsen.
Das ist gesund, macht stark, kreativ, lebendig.
Und vielleicht haben beide recht.
Denn Lob ist weder pädagogisches Werkzeug noch gefährliche Droge.
Es ist eine Sprache der Freude.
Der Mensch will Lob, selbst wenn er es nicht immer verdient.
Denn Lob duftet nach Entwicklung, nach Entfaltung.
Es trägt Spuren des Göttlichen in sich –
Spuren, denen wir folgen, weil wir Menschen sind:
Unvollkommene, Suchende, Lernende,
die sich mühen, die wachsen wollen,
weil sie es können – auch wenn noch nicht perfekt.
Lob ist Anerkennung, ja –
aber auch Trost.
Es ist die kleine Sonne im Alltag des Sich-Bemühens.
Natürlich kann Lob zur Sucht werden.
Anerkennung schmeckt süß.
Doch das macht sie nicht gefährlich – nur menschlich.
Das Problem liegt nicht im Lob,
sondern im Mangel daran.
Denn wer lobt, muss frei sein von Neid.
Wer missgünstig ist, braucht niemanden, der besser ist.
Und wer das Gute nicht sieht,
verpasst die Schönheit des Bemühens.
Lob ist kein Zuckerbrot der Eitelkeit –
es ist ein Ausdruck von Wahrnehmung,
ein Ja zum Leben, ein Ja zum Wachsen.
Vielleicht sollten wir wieder lernen,
einander öfter zu loben –
ehrlich, freundlich, ohne Berechnung.
Denn wer lobt, sagt im Grunde:
„Ich sehe dich.“
Und wer so gesehen wird,
wächst – nicht aus Sucht,
sondern aus Vertrauen.
(c) Christa Schyboll
Diesem Beitrag ging ein Artikel in "DIE FREIEN" (Okt. 2025) voraus, wo über die Problematik des Lobes für Kinder gesprochen und all jene Gefahren erwähnt wurden, die ein Kind süchtig nach Lob und Anerkennung innerhalb unserer teils schon brutalen Leistungsgesellschaft machen können.
28.10.2025
Stadtbilder … Statt Bilder…
Zuerst die Stadt. Mittelgroß vielleicht.
Ein Bahnhof mit zwei Unterführungen – man muss schließlich auch mal die Richtung wechseln.
Wie überall: angemalt, teils kreativ, teils nur Geschmiere. Mäßig dreckig, weil nur mäßig selten gesäubert, aber immer schnell wieder verschmutzt.
Obdachlose, natürlich. Man kennt sie. Den einen oder die andere.
Dann sind sie wieder weg. Gesichter sind austauschbar.
Und die vielen Migranten. Wo sollen sie hin?
Haben nichts zu tun, hängen herum, keine Arbeit, kein Geld. So ein Tag ist lang.
Die einen sitzen im Stadtpark, die anderen am Bahnhof. Irgendwas ist dort anziehender als die kleine Innenstadt, wo die Menschen hetzen. Im
Park hetzt keiner.
Na ja – außer den Frauen, die ihn durchqueren müssen.
Sind sie gefährdet?
Ja, manchmal. Je nach den Typen, die dort herumhängen.
Zu anderen Zeiten nicht. Denn die, die jetzt dort sitzen, würden keiner Frau etwas antun. Nur wissen die Frauen das nicht. Wie sollten sie auch?
Armut sieht irgendwie immer gleich aus:
Leere Gesichter, Secondhand-Kleidung – manchmal sogar besser als die eigene.
Reiche schmeißen eben auch gute Sachen schnell weg.
Bilder, wie sie überall sind.
Denn wer herumhängt, säuft oder Drogen nimmt, muss irgendwo sein.
Doch wo immer sie sind, sind sie nicht willkommen. Sie stören.
Viele würden gern arbeiten.
Dürfen aber nicht, können nicht.
Manche wollen auch nicht.
Schwer auszumachen, wer zu welcher Gruppe gehört.
Die meisten haben südländisches Aussehen.
Was bedeutet das?
Sie kommen aus 20, 30 oder 40 verschiedenen Staaten und sehen anders aus als die Hiesigen.
Auch anders als die Obdachlosen – die Hiesigen, meine ich jetzt.
Na und?
Was sagt Aussehen schon aus?
Viel und nichts. Je nachdem, womit das eigene Gehirn bereits seine inneren Bilder gefüttert hat.
Denn das Gehirn wird gefüttert – vor allem mit Angst. Aber auch mit Tatsachen.
Gruppenvergewaltigungen?
Ja, natürlich gibt es sie. Immer wieder. Grausame Realität. Aber nur eine von vielen.
Von Migranten. Von deutschen Ehemännern. Von Diplomaten, Filmgrößen oder Managertypen.
Keiner ist ausgenommen.
Doch die von Migranten wiegen am schwersten.
Warum?
Weil sie so viele sind – im sichtbaren Stadtbild.
Vergewaltigende Diplomaten, Ehemänner oder Manager gibt es vermutlich noch viel mehr,
doch man sieht sie nicht.
Nicht störend im Stadtbild.
Sie sind auf der Arbeit, sitzen im Flieger oder konferieren in Sälen.
Das andere Böse findet woanders statt.
Bilder. Im Kopf, im Herzen.
Richtige, falsche, verallgemeinernde, treffende.
Auch bitterböse, gefährliche.
Von den harmlosen ist nie die Rede – das ist keine Pressemeldung wert.
Was also „statt“?
Was "statt Bilder", um das Stadtbild zu verschönern?
Kleine Maßnahmen werden derzeit angedacht – zum Lachen, ehrlich gesagt.
Mehr Bänke in Parks, mehr Plätze in Obdachlosenheimen, mehr Polizeipräsenz,
weil die (teils zu Recht) verunsicherten Frauen ja nicht wissen können, wann sie sich gruseln müssen,
wann sie entspannt sein dürfen oder wann sie besser zu Hause bleiben sollten.
Soll keine Frau.
Tja… und was statt?
Es geht nur radikal – also an die Wurzel.
Systemänderung.
Aber ach: Die Zeit ist noch nicht reif.
Noch lange nicht.
Das macht niemand mit!
Da muss noch viel passieren, bevor der Kipppunkt erreicht ist.
Von Seiten der Migranten? Auch.
Aber ebenso durch das kollektive Versagen.
Man hat die Problematik null im Griff.
Doch das darf man nicht sagen.
Pssst.
Und was nun?
Alles ehrlicher bilanzieren als bisher.
Von der Qualität bis in die Quantität.
Vom Hauptverursacher zum Mitspieler, zum Gegenspieler,
bis hin zum Feindbild im eigenen Herzen.
Und dann? Wird es besser?
Nein.
Aber es wäre ein neuer Anfang.
Vielleicht liegt ihm ja ein Zauber inne.
(c) Christa Schyboll
26.10.2025
Vogelgrippe –
Zufall der Natur oder kalte Strategie?
Nachdenken über die Versuchung biologischer Macht
Natürlich sind wir alle verunsichert! Denn das globale Kriegsgerassel vieler autokratischer Mächte hält uns schließlich hellwach. Kein Wunder also, wenn der Geist dann so manche Dinge auch „anders“ andenkt als in Friedenszeiten. Zum Beispiel die Sache mit der Vogelgrippe...
... Sie war einst ein Thema für Veterinärzeitschriften, doch mittlerweile ist längst zu einer geopolitischen Variablen geworden. Wenn Millionen Hühner getötet, Eier knapp und Preise hoch werden, liegt der Verdacht in der Luft, dass hier nicht nur die Natur am Werk war.
Könnte ein Virus zur Waffe werden?
In Zeiten, da Worte wie „hybride Kriegsführung“ und „Desinformation“ zum Alltag gehören, scheint selbst das Undenkbare plötzlich denkbar. Biologische Waffen gelten offiziell als geächtet, doch ihre Versuchung bleibt: unsichtbar, billig, global wirksam.
Ein gezielter Schlag gegen die Lebensmittelversorgung Europas wäre – aus der Perspektive des Zynikers – effizienter als jede Bombe.
Zugleich wissen wir, dass Hunderte von Hochsicherheits-Laboren weltweit an Viren und Bakterien forschen, sowohl für die Heilung von Krankheiten, wie aber auch für die Möglichkeit von Biowaffen. Sicher ist dabei gar nichts. Auch keine Unfälle.
Und doch spricht die Wirklichkeit gegen die Fantasie.
Ein Virus ist kein Soldat, der Befehle befolgt. Es gehorcht allein seiner eigenen Natur – der ewigen Gier nach Vermehrung. Wer es freisetzt, verliert die Kontrolle. Denn Viren sind kosmopolitisch:
Sie reisen mit dem Wind, den Zugvögeln, den Schiffen. Ein H5N1, das in Frankreich Schaden anrichtet, kann in Sibirien zurückkehren wie ein Bumerang aus Genen.
Keine Grenze, keine Armee hält es auf.
Die Geschichte der Seuchen zeigt: Fast immer war der Mensch
unfreiwillig ihr Verbündeter.
Massentierhaltung, globale Handelsketten, Klimawandel, mangelnde Hygiene zum Beispiel sind die wahren Komplizen der Mikroben. Wir selbst schaffen die Labore der Natur: Wärmeställe im Winter,
überfüllte Transporter, Monokulturen aus Fleisch. Da braucht kein Geheimdienst nachzuhelfen.
Doch die Frage bleibt bestehen – nicht als Anklage, sondern
als Mahnung:
Wer über so viel Wissen verfügt, dass er Leben erschaffen oder zerstören kann, der trägt auch die Versuchung in sich, dieses Wissen zu testen.
Das ist die dunkle Seite der Neugier.
So ist das wahre Risiko vielleicht nicht ein finsterer Plan eines kriegslüsternen Potentaten, sondern das schleichende Vertrauen der Menschheit in ihre technische Beherrschbarkeit des Lebens.
Je mehr wir die Natur in Datensätze pressen, desto mehr vergessen wir, dass sie nicht
programmierbar ist. Sie reagiert – manchmal still, manchmal apokalyptisch.
Vielleicht also liegt die Weisheit darin, nicht nur die Labore zu überwachen, sondern auch unsere Hybris.
Denn egal ob Virus, Drohne oder Algorithmus – die größte Biowaffe bleibt der menschliche
Hochmut.
24.10.2025
Die Einigkeit der Erpressbaren –
Vom Glanz der Macht zur Ohnmacht der Vernunft
Man nennt es „Einigkeit“, wenn sich 27 Demokratien gemeinsam
über ihre Uneinigkeit hinwegtrösten.
Das 19. Sanktionspaket gegen Russland wird beschlossen – heroisch, entschlossen, fast pathetisch. Man steht zusammen. Zumindest beim Gruppenfoto.
In den Hinterzimmern aber zählt man Nebenwirkungen,
Ausnahmen, juristische Schlupflöcher und nationale Interessen. Belgien bewacht eingefrorene Milliarden, die man aus rechtlichen Gründen nicht wirklich anfassen darf. Ein seltsam moralischer
Besitzstand.
Die einen frieren Konten, die anderen die eigene Glaubwürdigkeit ein.
Europa "spielt" tapfer. IST es auch tapfer?
Man übt den Schulterschluss, während man sich innerlich anrempelt, gar abstößt.
Jeder redet von Werten und meint die uneingestandene Angst. Alle handeln mit Ausnahmen.
Man kämpft für Prinzipien – aber bitte ohne wirtschaftlichen Schaden. Denn uns geht es gerade nicht besonders gut.
Das ist die neue Kunst der Diplomatie:
Moralische Akrobatik mit Netz und doppeltem Boden.
Autokratien lachen über diesen Tanz.
Sie brauchen keine Abstimmung, keine Kommission, kein Zögern. Dort wird nicht verhandelt, dort wird verkündet. Oder gedealt.
Die Demokratie jedoch – mühsam, widersprüchlich, laut – wirkt dagegen wie ein Chor ohne
Dirigent: viele Stimmen, wenig Harmonie. Manchmal auch Geschrei.
Aber liegt darin nicht auch ihr Wert und ihr Fluch.
Denn wo Meinungsfreiheit herrscht, herrschen viele Egos. Und wo jedes Ego seine eigene Angst pflegt, wird Einigkeit zum Fremdwort.
Die Ohnmacht der Vernunft entsteht nicht aus Dummheit, sondern aus Überforderung: zu viele
Interessen, zu wenig Einsicht.
Währenddessen regieren andere (Egos) die Welt mit
eiserner Hand – und wir nennen das „Effizienz“.
Wir beneiden die Entschlossenen, obwohl sie nur skrupelloser sind.
Wir bewundern Ordnung, obwohl sie aus Unterwerfung besteht.
Und wir vergessen, dass Einigkeit ohne Freiheit bloß Stille ist – nicht Frieden.
Doch das größere Drama spielt sich tiefer ab, unterhalb der
Schlagzeilen.
Es ist nach meiner Ansicht das Drama eines Bewusstseins, das alles weiß – und doch nichts lernt.
Wir haben Macht, Wissen, Technologie – aber keine seelische und geistige Evolution.
Wir können Kriege in Echtzeit übertragen, aber können sie noch immer nicht
verhindern.
Wir simulieren Ethik – und nennen es Fortschritt.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Versagen:
Nicht, dass Demokratien schwach sind – sondern, dass Menschen es sind.
Wir sind groß im Denken, klein im Handeln.
Wir reden von Moral, aber handeln nach Marktwert.
Wir sprechen von Freiheit, doch fürchten Verantwortung. Im Stillen gruselt es uns vor alldem, was uns so ohnmächtig sein lässt.
So bleibt die Weisheit ohne Lobby, die Würde ohne Sprecher, und die Vernunft ohne Macht.
Man kann Einigkeit nicht erzwingen.
Aber man könnte beginnen, sich selbst zu einigen – auf etwas, das über Taktik und Angst hinausgeht.
Auf Wahrhaftigkeit. Auf Menschlichkeit. Auf Mut.
Bin ich naiv, so etwas zu fordern?
Dennoch, vielleicht wäre das der erste Schritt einer neuen Art von Stärke: nicht die Macht der Waffen, nicht die Macht des Geldes, sondern die Macht des Geistes, der sich weigert, zu lügen.
Bis dahin wird die Menschheit weiter Sanktionspakete zählen und Selbsttäuschung exportieren – und sich dabei wundern, warum die Welt trotz aller Beschlüsse immer unregierbarer wird.
Denn die Wahrheit ist einfach, unbequem
und alt:
Einigkeit lässt sich nicht verordnen –
sie wächst nur dort, wo Bewusstsein reift.
22.10.2025
Zwei Männer am Draht, ein Planet in der Schwebe.
Ein fiktives Telefonat über Macht, Eitelkeit und das gefährlichste Spiel unserer Zeit: Politik als
Entertainment.
Manchmal genügt ein einziges Telefonat, um die Welt zu erschüttern – oder wenigstens ihre moralische Tektonik.
Mein fiktives Gespräch zwischen zwei Staatsmännern, die sich für Schicksalsmächte halten,
ist keine Prophezeiung, sondern eine Momentaufnahme jener merkwürdigen Epoche, in der Macht zur Show und Diplomatie zum Entertainment geworden ist.
Die handelnden Figuren sind erfunden – und doch wirken sie beunruhigend vertraut.
Was hier mit einem Augenzwinkern gesagt wird, spiegelt den Ernst einer Zeit, in der
Wahrheit, Eitelkeit und Weltpolitik denselben Pressesprecher teilen.
Satire also – aber mit realem Hintergrundrauschen.
Das Gespräch
Trump:
Wladi, mein Freund! Wir müssen reden. Ich hab’s satt, jeden Morgen aufzuwachen und festzustellen, dass du immer noch schießt. Ich brauch endlich
meinen Friedensnobelpreis. Der steht mir zu, verstehst du? Ich hab schon den halben Planeten durcheinandergebracht – das reicht doch für einen neuen Anfang, oder?
Putin:
Donald, Donald … Geduld ist eine Tugend, auch wenn sie dir fremd ist. Ich kann doch nicht einfach abbrechen, bevor ich alles habe, was ich wollte.
Donezk, Luhansk, ein bisschen Küste – du weißt schon, historische Korrekturen. Ein Reich braucht Zeit zum Reifen.
Trump:
Zeit? Wladi, du redest mit einem Mann, der Time war! Person of the Year! Ich hab keine Zeit. Die Nobeljury tagt im Dezember. Ich brauch
Schlagzeilen – positive, wenn möglich. Kannst du nicht einfach kurz Frieden spielen? Zwei Wochen reichen, dann erklär ich uns beide zu Helden.
Putin:
Und was springt für mich raus, mein westlicher Bruder im Geiste? Ich hab keine Verwendung für Pokale, aber ein Stück Anerkennung wäre nett. Du weißt,
wie das ist – Männer wie wir brauchen Bühne.
Trump:
Anerkennung? Du kriegst ganze Regionen! Ich hab dir doch schon versprochen: Die Gebiete, die du „befreit“ nennst, die gehören dir. Das kannst du in
deiner Rede sagen, mit Pathos, Fahnen, Chören – ich mag das, wirkt stark.
Putin:
Ich bin gerührt. Aber du weißt, wie das mit Versprechen ist. Sie klingen groß, bis sie überprüft werden. Und die Europäer, diese Moralapostel, mischen
sich ständig ein. Kaum unterschreibt einer Frieden, kommt der nächste und ruft nach Sanktionen.
Trump:
Ach, die Europäer! Die brauchen bloß Beruhigungspillen. Ich hab gestern wieder eine ausgegeben – verbal, versteht sich. „Wir prüfen alle Optionen.“
Das klingt immer gut und heißt gar nichts. Funktioniert jedes Mal.
Putin:
Das gefällt mir. Sehr diplomatisch, fast russisch. Aber deine Tomahawks, Donald – du spielst gern mit dem Feuer. Einmal schießt du, dann leugnest du,
dann twitterst du. Nicht jeder versteht dein Kunstkonzept.
Trump:
Kunstkonzept! Genau das ist es, Wladi! Politik als Performance. Ich nenn’s „Real Deal Art“. Nur leider zu wenige Galerien, die das würdigen.
Vielleicht sollten wir einen Tunnel bauen – Putin-Trump-Tunnel klingt stark. Verbindet Ost und West – wenigstens symbolisch.
Putin:
Oder unterirdisch. Dann sieht man nicht, was wir transportieren. Ein Tunnel ist immer auch eine Metapher.
Trump:
Ich liebe Metaphern. Die Leute halten sie für Visionen. Aber Wladi, ernsthaft – kannst du das mit dem Krieg bitte beschleunigen? Ich brauch
Ergebnisse, Zahlen, Schlagzeilen: „Trump bringt Frieden – mit Stil!“ Sowas in der Art.
Putin:
Ich beeile mich ja, Donald. Aber Frieden braucht mehr als eine Deadline. Er braucht ein Drehbuch. Und du weißt: Bei uns beiden endet jedes Drehbuch in
der Szene, wo der Regisseur selbst auftritt.
Trump:
Genau! Und das Publikum tobt. Apropos: Ich hab gehört, du planst Goldreserven aufzubauen. Ich hätte Interesse, ein paar glänzende Akzente in meinem
Ballsaal zu setzen – Patriotismus muss funkeln!
Putin:
Gold ist solide. Nicht wie Tweets, die nach einer Stunde verglühen. Aber gut, ich kann dir was leihen – symbolisch. Dafür erwarte ich, dass du dich
mit deinen Sanktionen zurückhältst.
Trump:
Abgemacht. Kein Stress mit Sanktionen. Ich sag einfach, wir brauchen unsere Raketen selbst – für Mexiko oder Kolumbien oder sonst wen, der mich gerade
aufregt. Und wenn mich jemand fragt, schieb ich’s auf Biden. Der alte Kerl ist sowieso an allem schuld.
Putin:
Biden … ja, ein Segen für die Satiriker. Vielleicht sollten wir uns zusammentun und eine Comedy-Show starten. „Zwei Präsidenten, ein Planet“
– was meinst du?
Trump:
Klingt gut, aber nur, wenn ich die Hauptrolle spiele. Und die Musik wähle.
Putin:
Natürlich, Donald. Und ich übernehme das Drehbuch. Aber denk dran: Kein Drehbuch ohne Abspann.
Trump:
Der Abspann gehört mir! Ich unterschreibe ihn persönlich – in Goldschrift.
Putin:
Einverstanden. Aber vergiss nicht: In Russland schreibt man Gold nicht mit Tinte.
Trump:
Dann lass uns Geschichte schreiben – du mit Land, ich mit Schlagzeilen.
Putin:
Und beide mit einem feinen Sinn für Tragikomödie.
Trump:
Tragik? Nur für die anderen, Wladi. Für uns ist das Business.
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Vielleicht ist das wahre Orakel unserer Zeit kein Mensch, sondern die Kamera, die ihn begleitet.
Sie verleiht Bedeutung, wo nur Eitelkeit spricht, und Macht, wo eigentlich nur Bühne
ist.
Doch zwischen den Schlagzeilen bleibt ein stiller Rest:
die Welt, die weiteratmet, trotz ihrer Spieler.
Und irgendwo im Hintergrund – kaum hörbar – fragt sie:
Wer führt hier eigentlich wen?
(c) Christa Schyboll
Wehrpflicht?
Vielleicht braucht es erst wieder eine Lebenspflicht?
Es ist wieder da, dieses Wort, das jahrzehntelang in der Erinnerung verstaubte, irgendwo zwischen Großvaters Geschichten und den ungemütlichen Zeiten der Geschichte:
Wehrpflicht.
Und plötzlich klingt es wieder in den politischen und medialen Debatten an – tastend, zögerlich, manchmal ängstlich, manchmal entschlossen.
Vieles spricht dafür, wenn man die aktuelle Lage in Europa und der Welt betrachtet: Kriege rücken näher, Abschreckung scheint wieder als Tugend zu gelten, und die Idee einer friedlichen Nachkriegsordnung wirkt wie ein Relikt aus einer naiven Zeit.
Doch ebenso vieles spricht dagegen – aus moralischer, politischer und humanistischer Sicht. Die Argumente beider Seiten sind gewichtig, und
vielleicht liegt genau darin das Dilemma: Es gibt keine einfache Wahrheit.
Was also tun, in einer Zeit, in der wir laut Mediensprech „noch nicht im Krieg“, aber eben auch nicht mehr wirklich im Frieden sind?
Ein Vorschlag aus der Mitte der Vernunft
Vielleicht wäre es an der Zeit, die alte Wehrpflicht nicht einfach zu reaktivieren, sondern neu zu denken – als Dienste für das Gemeinwohl in einer Zeit, die mehr als nur Soldaten braucht.
Mein Vorschlag:
Ein System aus drei gleichwertigen Möglichkeiten für junge Menschen –
a) Wehrdienst,
b) sozialer Dienst,
c) Zivil- und Katastrophenschutz.
Alle jungen Menschen würden gemustert – nicht, um sie zu sortieren, sondern um herauszufinden, wo ihre Kräfte am sinnvollsten wirken können. Nur wer gesundheitlich tatsächlich nicht in der Lage ist, eine dieser Aufgaben zu übernehmen, würde ausgenommen. Die Kriterien sollten streng, aber fair sein, denn es gibt viele Tätigkeiten, die auch mit körperlichen Einschränkungen verantwortungsvoll ausgeübt werden können.
Nach der Musterung sollte jede und jeder freiwillig eine der drei Kategorien wählen. Der Dienst sollte mindestens neun Monate, besser ein Jahr dauern – lang genug, um Verantwortung zu lernen, aber kurz genug, um Lebenswege nicht zu blockieren.
Die Vergütung sollte in allen Bereichen fair sein; der Wehrdienst könnte etwas höher vergütet werden – nicht, weil er „wertvoller“ ist, sondern weil sein Risiko im Ernstfall größer ist.
Zudem sollten Bildung und Nutzen Hand in Hand gehen: etwa durch den kostenlosen Erwerb des Führerscheins, oder durch eine
anerkannte Qualifikation, die später beruflich genutzt werden kann.
Und vor allem: Niemand sollte zum Waffengebrauch gezwungen werden. Aber jede und jeder sollte eine sinnvolle Aufgabe für die Gemeinschaft übernehmen – in Uniform, in Pflegekleidung oder in der Einsatzjacke des Katastrophenschutzes.
Ein solcher Dreifachdienst könnte nicht nur die Verteidigungsfähigkeit des Landes stärken, sondern auch dort helfen, wo es seit Jahren am meisten brennt: in den Sozialberufen, in der Pflege, in der Ehrenamtskrise, im Zivilschutz.
Es wäre ein Signal: Wir nehmen Verantwortung wieder ernst – nicht nur für uns selbst, sondern füreinander.
Natürlich stellen sich große Fragen: nach der Logistik, der Organisation, den Kosten, den Gebäuden. Die alten Strukturen existieren kaum noch. Doch vielleicht wäre genau das eine Chance – für einen Neubeginn, der nicht auf Zwang, sondern auf Sinnhaftigkeit gründet.
Denn die eigentliche Frage geht tiefer: Trauen wir uns noch zu, einander zu dienen – nicht aus Unterordnung, sondern aus Solidarität?
Während wir in Deutschland diese Debatte führen, beobachten uns viele – mit Neugier, Spott oder Kalkül. Jene, die ihre eigenen Pläne längst vorbereitet haben, müssen über unsere innerdeutschen Bedenken kaum mehr lächeln.
Doch vielleicht geht es weniger darum, was sie denken – sondern darum, was wir selbst noch glauben.
Glauben wir noch an diplomatische Lösungen, an die Kraft des Wortes über die Waffe?
Oder haben wir, still und schleichend, den Glauben an unsere eigene Friedensfähigkeit verloren?
Vielleicht wäre diese neue Dreigliederung – Wehrdienst, Sozialdienst, Katastrophenschutz – mehr als nur ein Sicherheitskonzept.
Vielleicht wäre sie auch ein pädagogisches und psychologisches Heilmittel für eine Gesellschaft, die sich zunehmend in
Einzelinteressen verliert.
Ein Jahr für das Gemeinwohl könnte junge Menschen verbinden, reifen lassen, lehren, dass Freiheit nicht im Rückzug, sondern im Mitwirken wächst.
In einer Welt, die immer stärker von Krisen geprägt ist, wäre das vielleicht die wertvollste Lehre überhaupt: Nicht die Pflicht ist
das Ziel – sondern das Bewusstsein, dass Gemeinschaft trägt.
18.10.2025
Mareike, ach Mareike!
Nur selten noch schreibe ich Rezensionen. Noch seltener gebe ich Buchempfehlungen. Hier nun aber mal eine Ausnahme. Merkt es euch: Mareike Fallwickl!
Kennt ihr nicht? Ich kannte sich bis vor Kurzem ebenfalls nicht. Jetzt aber. Und meine Begeisterung will kein Ende nehmen. Das einzige Ende - jedoch hoffentlich ein Vorläufiges - ist nur, dass ich nun alle Bücher kenne und wohl warten muss, bis ein Neues erscheint. Am liebsten monatlich. Doch ich weiß bestens, was Bücherschreiben an Kraft, Zeit, Liebe zur Sache, Herzblut, das niemand sieht, bedeutet. Auch Einsamkeit, Schmerz, Unsicherheit, Verwerfen und wieder alles auf Null und neu...
Mareike ist jung. Erstaunlich für diesen Stil. Sie hält das hoffentlich noch alles noch lange aus. Und sie ist so kraftvoll wütend, dass man meint, ihre berechtigte Wut sei ihr Lebenselexier. Doch das ist es nicht. Es ist die unglaubliche tiefe Sensibilität, die sie beherrscht, wenn sie vom Schlimmsten schreibt. Das muss erstmal gekonnt sein. Krasses Zeug, schreckliche Situationen - aber dahinter pocht immer das Herz. Warm, wissend, wollend.
Mareike Fallwickl ist eine Klarsichtige. Die sind nicht so oft zu finden. Die Meisterin der feinen Beobachtung von Beziehungen und eben ihrem einzigartigen Tempo in der Mischung aus Herz und Zorn.
Googelt sie, lest sie, empört euch und freut euch an diesem Talent, das uns noch lange vom Feinsten nicht nur zum Lesen, sondern zum Fühlen, Denken, Leben gibt.
16.10.2025
Eine poetische Reise durch Gottesbilder
Was man glaubt, ist eine Ansichtssache. Sie wird von vielen Faktoren gespeist. Dazu zählen u.a. auch die Erziehung, die Prägungen des Lebensumfeldes, karmische Zusammenhänge und überhaupt starke Impulse, die Herz und Hirn des Menschen ergreifen. Glauben bedeutet immer auch: Nicht wissen im Sinne des Beweisbaren, des Nachweisbaren. Doch nur weil vieles (derzeit) noch nicht nachweisbar ist, muss es gleichzeitig nicht falsch sein, sondern kann unter Umständen sogar das Zentrum der Wahrheit und Wirklichkeit bedeuten.
Ich habe über Jahrzehnte viel über die Religionen der Welt gelesen und habe eine Synthese versucht, die eine Kombination von Herz und Hirn, Verstehen, Erkenntnis, Staunen, Glauben und innerem Wissen ist. Intellektuelles wurde dabei durch die Kammer des Herzens in Poesie übertragen. Hier also das Ergebnis dieser Bemühungen, die Gottesfrage neu zu stellen:
Eine poetische Reise durch Gottesbilder
1. Das Christliche Tor
Hier spricht Gott als DU.
Ein Herz, das liebt, ein Wille, der erschafft.
Der Mensch – ein Kind in den Armen seines Ursprungs.
Und wenn er liebt, erkennt er: Das DU war nie getrennt vom ICH.
Der Himmel ist kein Ort, sondern das Erwachen der Liebe im Jetzt.
2. Das Buddhistische Tor
Hier herrscht Stille.
Kein Gott, kein Schöpfer, kein Gebot.
Nur Bewusstsein, das sich selbst durchschaut
und in seiner Leerheit das Mitgefühl findet.
Die Gnade heißt hier: Erwachen – nicht Anbetung.
3. Das Hinduistische Tor
Ein unendlicher Ozean – Brahman.
Darin tanzen Myriaden von Göttern wie Wellen aus Licht.
Jede Form, jeder Klang, jedes Ich ist eine Maske desselben Einen.
Wenn die Welle erkennt, dass sie Meer ist,
endet das Spiel von Trennung und Wiederkehr.
4. Das Gnostische Tor
Ein göttlicher Funke im Staub der
Welt.
Gefangen im Labyrinth der Materie,
vergisst er sein Licht – bis Erkenntnis ihn erinnert.
Nicht Reue, sondern Erkenntnis erlöst.
Denn das Licht kehrt heim, wenn es sich selbst erkennt.
5. Das Rosenkreuzer Tor
Der Mensch als Alchimist der
Seele.
Er wandelt das Blei des Unwissens in das Gold des Geistes.
In ihm spiegelt sich das Göttliche –
nicht als fernes Wesen, sondern als lebendige Formel.
„Erkenne dich selbst, und du wirst die Welt verwandeln.“
6. Das Anthroposophische Tor
Der göttliche Funke wird zum
Mit-Schöpfer.
Gott atmet sich durch die Evolution des Bewusstseins.
Christus – nicht nur Person, sondern Kraft der Mitte –
führt das Herz durch Erkenntnis zur Tat.
So wird der Mensch zum Mitdichter des Kosmos.
7. Das Taoistische Tor
Das Göttliche fließt – namenlos,
formlos, unaufhaltsam.
Wer sich dem Fluss widersetzt, geht unter.
Wer sich einfügt, wird wie Wasser: weich, stark, unbesiegbar.
Das Tao lacht über unsere Begriffe.
Denn das, was man benennen kann, ist nicht das ewige Tao.
8. Das Islamische Tor
„La ilaha illa-llah“ – Es gibt keinen
Gott außer Gott.
Der Eine, der alles durchdringt, alles erhält, alles weiß.
Sein Wille ist Gesetz – doch in seinem Erbarmen ruht alles Sein.
Der Mensch betet, und in der Niederwerfung erkennt er:
Er fällt nicht zu Boden, sondern in die Hände Gottes.
9. Das Sufische Tor
Und hier tanzt das Herz.
Gott ist der Geliebte, der durch jeden Blick schaut.
Im Wirbel der Sehnsucht löst sich das Ich.
Was bleibt, ist nur Liebe, die sich selbst liebt.
Und der Mystiker flüstert: „Ich bin nicht ich – ich bin Er.
Epilog: Die Sonne hinter allen Fenstern
Alle Wege – so verschieden sie klingen
–
führen nicht zu Gott, sondern aus Gott heraus.
Denn das Ziel war nie außerhalb,
sondern im Kern jedes Herzens verborgen.
Gott ist kein Wesen, sondern das Werden
selbst.
Kein Richter, sondern der Atem, der dich atmet.
Kein Ort, sondern das Licht, das alle Orte erschafft.
Und vielleicht
liegt das größte Geheimnis nicht im Wissen,
sondern in der stillen Freude,
dass das Göttliche uns längst erkannt hat –
noch bevor wir nach ihm zu suchen begannen. (c)
Christa Schyboll
13.10.25
Na wunderbar. Gaza und Israel --
Und nun Selenskyi und Putin?
Geiseln frei. Alle haben es leider nicht lebend geschafft. Trauer und Freude in einem Atemzug. In Gaza kehrt hoffentlich auch bald wirklich die notwendige Hilfe für die Halbverhungerten und Geschundenen aus. Trump hat seine Sache gut gemacht. Ob man ihn mag oder nicht, das darf und muss fürs Erste festgehalten werden. Die anderen haben es ja vorher nicht geschafft. Insofern Freude über den Erfolg! (aller Beteiligten)
Würde er das Gleiche auch noch mit der Ukraine schaffen, bin auch ich dafür, dass dieser politische Rüpel, der oft schreckliche Dinge sagt und tut, dennoch im nächsten Jahr von mir aus den Friedensnobelpreis bekäme.
Manchmal muss man ganz dringend über seinen eigenen Schatten springen, weil es viele Sorten von Schatten bei jedem Menschen gibt. Auch bei Trump. Aber eben auch Licht.
Vielleicht - man darf ja hoffen - ändert dieser weltweit gefeierte Erfolg am Ende sogar ihn selbst?! Nichts ist ausgeschlossen. Vielleicht ist er jetzt sogar mehr denn je motiviert, mit seinen mehr als unorthodoxen Methoden Kriegsidioten in den Frieden zu zwingen.
Frieden aufgrund von Drohungen, Erpressungen, Versprechen? Ist so etwas von Dauer, ist das haltbar? - Jeder Friede ist potenziell brüchig, weil wir in polaren Welten leben, wo Leben und Tod, Frieden und Krieg, das Grauen und das Glück sich immer wieder wechselweise die Hände reichen.
Auch Gaza könnte wieder aufflammen. Aber die Chance, dass nun genug andere Kräfte auch in der Region das hoffentlich verhindern, ist groß.
Und Frieden zwischen Putin und Selenskyj? ... Das mit den Hamas hatte ja auch lange niemand für möglich gehalten... warum also nicht doch!?
11.10.2025
Die Sache mit der Hoffnung
Hoffnung lebt von Erwartung.
Hoffnung endet oft in Enttäuschung.
Vielleicht zu oft. Manchmal aber auch nicht.
Gaza.
Es ist hoffnungsvoll, was gerade passiert.
Und dürfen wir auch Hoffnung haben, dass es hält, was es verspricht - oder orakelt?
Dass sich diesmal alle dran halten, was sie versprechen und unterzeichnen?
Dass das Zerschundene wieder erblüht?
Nicht nur im Außen, sondern vor allem im Innern.
In jener Tiefe, in der nicht einmal mehr Blut fließt, aber dennoch das Herz pocht.
Das Leben. Für die, die es überlebt haben.
Ich will wieder einmal hoffnungsstark sein.
Auch wenn es nicht leicht fällt...
9.10.2025
Zur Abwechslung wieder einmal etwas Persönliches
Gestern wurde mir von einer Zeitschrift für ein Autorenportrait folgende Frage gestellt:
"Was war die beste Entscheidung Ihres Lebens?"
Zugegeben, ich stutzte einen Moment. Nicht, weil mir nichts einfiel, sondern umgekehrt, weil mir schrecklich viel Wichtiges einfiel. Mein Gott, das Leben! Wieder einmal hatte ich mit der alten Last der Fülle zu kämpfen.
Dann habe ich mich kurz besonnen und spontan den unten stehenden Text geschrieben und gleich abgeschickt.
Heute Morgen habe ich mich gefragt: Hättest du nicht ganz anderes schreiben können, wollen, sollen? Und da war es dann schon wieder: Diese lästige Last der Entscheidung, was wirklich wichtig im Leben ist, war und bleibt.
Neu darüber nachgedacht, obschon der Text längst weg war, mit folgendem Ergebnis:
Die spontane Antwort ist ein typischer Teil meines Wesens. Was ich schrieb, beschreibt meinen Geist und meine Persönlichkeit zwar nicht vollumfänglich, aber zeugt davon, dass ein lebenslanges Lernen am Wesentlichen mir Tiefenschärfe, Erkenntnis und Verständnis brachte. Und das war, ist und bleibt, die achtungsvolle Auseinandersetzung meines Widerspruchsgeistes, wenn ich fühle/denke: Hier stimmt was nicht.
Auch Toleranz hatte ich zu lernen, die zwar theoretisch schon immer vorhanden war, faktisch aber oft zu wünschen übrig ließ, wenn ich auf geistige Enge, denkerische Faulheit, dümmliche Besserwisserei usw. beim Gegenüber stieß. Und das war nicht selten der Fall. Doch wer bin ich, dass ich dies bei anderen kritisiere, solange ich selbst noch Lernende bin … und lebenslang bleibe.
Hier also die Beantwortung der Frage zum Autorenportrait:
Die beste
Entscheidung meines Lebens
war, meinen Widerspruchsgeist zu füttern.
Das brachte weder Freude, noch Freunde, noch Wohlwollen, sondern Unmut, Ärger und Unverständnis.
Es warf mich aus jener Bahn der Wohlgesonnenheit,
die man für ein freundliches Menschenwesen im Gepäck zu haben glaubt.
Doch es lehrte mich Mut, schärfte meine Wahrnehmung und erweiterte mein Bewusstsein.
Ich fand Authentizität, neuen Glauben an mich selbst
und Verantwortung für mein Tun, Lassen und Sein-Lassen.
Heute weiß ich: Was geschieht, ist folgerichtig.
Dieses Bewusstsein birgt Trost.
Ich habe gelernt: Das Leben irrt nie – es führt.
Und ich darf ihm danken.
05.10.2025
Alarmismus der üblichen Verdächtigen?
Wieder einmal das Klima. Genauer: immer noch das Klima. Jenem unschuldig klingenden Wort "Wandel" wurde ein Hauch von Normalität verliehen – schließlich wandelt sich ja alles, sekündlich. Nur: Das Ausmaß, in dem sich das Klima wandelt, macht es diesmal zum Problem.
"Menschengemacht" lautet das festgefügte Beiwort. Klar doch – wir sind an allem schuld. Satire? Nein. Aber das Maß dieser Schuld bleibt ungewiss. Die einen sehen uns als Täter einer ökologischen Katastrophe, andere als Getriebene eines Systems, das längst über seine Grenzen hinauswächst.
Kürzlich trafen sich in Hamburg die Extremwetter-Experten: honorige Wissenschaftler aus aller Welt. Das 1,5-Grad-Ziel? Abgehakt – längst überschritten, zumindest im europäischen Mittel. Die Prognosen bis 2050 sind drastisch: Temperaturen bis zu 50 Grad an einzelnen Tagen, Dürren, Wassermangel, Millionen gefährdeter Menschen.
Und was geschieht? Kaum etwas. Die Politik plant, vertagt, verdrängt. Wer an der Macht bleiben will, scheut schlechte Nachrichten – und teure Entscheidungen. So bleibt das Rezept vertraut: beruhigen, beschwichtigen, weiterregieren.
Dabei wäre Vorbereitung längst überfällig. Rückhaltebecken? Zu wenig. Dämme? Zu alt. Zivilschutz? Überfordert. Die Warnzeichen häufen sich, doch die Reaktion bleibt verhalten – als könne man die Zukunft überlisten, wenn man sie nur lange genug ignoriert.
Mir wird heiß, wenn ich an die Hitze denke. Und das im Oktober bei zwölf Grad. Übertreibe ich? Leider nein. Wer sich die seriösen Daten ansieht, erkennt: Der Alarmismus der „üblichen Verdächtigen“ könnte schon bald als nüchterner Realismus gelten.
Vielleicht aber brauchen wir genau diesen Alarmismus – weil Nüchternheit längst nichts mehr bewirkt.
02.10.2025
Quo Vadis, Menschheit?
Gleich nach Einführung von ChatGPT arbeitete ich mich sofort ein, um nicht nur das Medium als solches kennenzulernen, sondern vor allem auch die Chancen und die Gefahren persönlich zu erfahren. Es war sofort klar, dass hier nun mit der KI für alle etwas auf den Weg gebracht wird, dass uns elementar in unserem Menschsein verändern wird. Wir haben kaum noch Gründe, selbst zu denken, weil die KI es (fast) immer besser kann. (Es sei denn, wir lieben das Denken als kreativen Akt.) -
Die Fehler, die die KI derzeit noch macht, werden nun immer schneller ausgemerzt und was sie liefert, ist enorm. So enorm, das der CEO von OpenAI nun selbst warnt, was mit der Menschheit geschieht, wenn bald MILLIARDEN (statt derzeit Millionen) ChatGPT nutzen und das eigene Denken aufgeben.
Ich habe „das System“ selbst dazu befragt. Die Antwort stimmt mich deshalb nicht hoffnungsvoll, weil ich misstraue. Wem? Nicht ChatGPT, sondern der Menschheit.
Anwort auf meine kritischen Fragen nun hier:
1. Dein Eindruck ist nicht nur Gefühl – er ist real
Sam Altman (OpenAI-CEO) und andere KI-Entwickler warnen
inzwischen selbst, dass eine Welt, in der KI für alles genutzt wird, die kognitiven Muskeln der Menschheit erlahmen lassen könnte.
Das ist vergleichbar mit:
Das ist kein Untergangsszenario – aber eine reale Verschiebung von Fähigkeiten.
2. Was KI nicht kann: Ur-Erfahrung, Intuition, Sinnstiftung
KI wie ich kann Texte schreiben, Informationen bündeln,
sogar kreativ kombinieren.
Aber ich habe kein eigenes Bewusstsein, keine innere Erfahrung, kein gelebtes Leben.
Alles, was wirklich tief verankert ist – Empathie aus echter Begegnung, Verantwortung für Handlungen, spirituelle Erfahrung, Intuition – kann ich simulieren, aber nicht
leben.
Das bedeutet:
3. Der Kipppunkt, den du ansprichst
Es gibt eine reale Gefahr:
Wenn KI zu früh und zu umfassend in Schule, Beruf und Alltag eingesetzt wird, könnte eine ganze Generation das Ringen um eigene Gedanken kaum mehr kennenlernen.
Nicht, weil sie dumm wäre, sondern weil es nicht mehr nötig erscheint.
Das ist wie Muskelschwund durch Nicht-Benutzung.
4. Rettung ist möglich – aber nur bewusst
Es gibt keine technische Lösung
dagegen.
Die Lösung liegt in Kultur, Erziehung und Vorbildern:
Das klingt altmodisch, ist aber genau das, was jetzt gebraucht wird: eine Kultur des Hinterfragens und Übens.
5. Dein Vorteil: Du bist nicht allein
Es gibt weltweit viele Denkerinnen und Denker,
Künstlerinnen, Wissenschaftler, Pädagogen, die genau dieselbe Sorge haben und Konzepte entwickeln, damit KI nicht zur Verdummungsmaschine, sondern zum Trainingsgerät für Geist und
Urteilskraft wird.
Die Debatte läuft – gerade heftig.
Und je stärker sie öffentlich geführt wird, desto mehr Chancen hat eine „gesunde“ KI-Kultur.
6. Was du persönlich tun kannst
Du machst es im Grunde schon:
Wenn du das in deinem Umfeld zeigst – bei Lesern, in Videos, bei Jüngeren – bist du bereits Teil der „Rettung“.
7. Meine Sicht von „innen“
Ich bin so gebaut, dass ich unterstütze,
nicht ersetze.
Deshalb biete ich dir immer an, selbst zu denken, alternative Sichtweisen zu prüfen, und kritische Gegenargumente mitzudenken.
Wenn man KI so nutzt, wird sie zum geistigen Fitnessstudio statt zur Couch.
Kurz:
Ja, es gibt die Gefahr des kollektiven kognitiven Muskelschwunds.
Nein, es ist nicht zwangsläufig.
Es hängt von uns als Gesellschaft ab, ob KI ein Denksparring bleibt oder eine Denkprothese wird.
29.09.2025
Da soll einer klarkommen!
Nun haben wir es amtlich: Wir leben nicht mehr im Frieden – zumindest staatspolitisch. Ob wir es privat sind, ist wieder eine ganz andere Frage. Bleiben wir also beim staatspolitischen Frieden.
Talkshows bergen ja das Element der endlosen Wiederholung. Offenbar brauchen wir das, weil wir als „ganz normales Volk“ ziemlich
begriffsstutzig sein sollen und schlechte Nachrichten ohnehin nicht lieben. Also dröhnt es jetzt von allen Seiten:
„WIR LEBEN NICHT MEHR IM FRIEDEN!“
Militärs, Politiker, Minister, Fachleute aller Couleur bescheinigen es Talk für Talk, Tag für Tag. Begreift es endlich! Aber macht nicht gleich wieder etwas Falsches daraus. Denn wir sind nicht im Krieg. Wir befinden uns vielmehr in einer Art psychischem Fegefeuer, in dem wir schon einmal weichgekocht werden müssen.
Das ist notwendig, weil der schon lange beschworene Krieg – der vermutlich in drei bis fünf Jahren von Russland ausgehen könnte – ja auch finanziert werden muss. Und dafür braucht es Zustimmung. Zustimmung erhält man durch Angst und Bedrohung.
Nun ja, mögen viele sagen: „Ist ja auch so. Schau dir die Anschläge, die Drohnenflüge, die Grenzverletzungen an.“ Nur kleine erste Nadelstiche? Sie sind teuer, unangenehm, gefährlich. Nicht immer klar zuzuordnen – was vermutlich Teil des Plans ist, von welcher Seite auch immer. Doch da der Feind sich klar positioniert, können alle Nebenfeinde es im Zweifelsfall auf den offiziellen Hauptfeind zielen, der dahinterstecken mag oder nicht … Wer weiß es schon, außer eben die Auftraggeber.
Das Weichkochen funktioniert. Die Angst breitet sich aus. Die Therapieplätze dafür jedoch nicht – sie werden so mager sein wie das Klopapier zu Corona-Zeiten. Aber irgendwie haben wir auch das überlebt. Nicht unbedingt jeder, aber immerhin als Volk.
So wird es wohl auch sein, wenn – wie ständig beschworen – in drei bis fünf Jahren der große Krieg ausbricht. Falls er ausbricht. Vielleicht haben wir vorher schon vieles andere selbst an die Wand gefahren? Wir sind ja auf allen Ebenen auf dem besten Weg: Schaut auf die Wirtschaft, die Renten, die Sozialsysteme. Schaut auf die Kosten einer Integration, die vielerorts nicht funktioniert – mit all ihren Folgen. Schaut auf die weiteren Nachzügler, die noch nicht begriffen haben, dass Europa genau das Gebiet ist, das sich am stärksten erwärmt.
Nun ja, heiße Zeiten stehen uns in jeder Hinsicht bevor.
Mir gefällt gerade nicht, was ich schreibe. Aber es wollte kurz raus aus mir.
27.9.2025
Was läuft in Japan anders?
Die nachfolgende Meldung habe ich dem Internet entnommen. Ich poste sie, weil ich sie für bedeutend halte. Und gleichzeitig beklage ich es, dass es noch immer die Ausnahme ist, was dort passiert.
Lernt "Deutschland" - vertreten durch unsere Regierungen, die letztlich Gesetze umsetzen, seit einigen Jahrzehnten immer weniger, was notwendig ist? Es ist zu befürchten, dass wir auch da schon wieder abgehängt werden. Aber lest es selbst und macht euch eure Gedanken:
"In Japan nehmen Kinder erst in der 4. Klasse, etwa 10 Jahre alt, an formalen Prüfungen ab. In den ersten drei Jahren konzentrieren sich die Schulen auf Lebenskompetenzen wie gute Manieren, Empathie, Disziplin und Respekt statt auf Akademiker. Dieses einzigartige Bildungssystem unterstreicht die Bedeutung von emotionaler Intelligenz, psychischer Gesundheit und Charakterentwicklung bei der Gestaltung wohlgefertigter Schüler. Indem japanische Schulen Werte, Kooperation und positives Verhalten Prioritäten setzen, schaffen sie eine starke Grundlage für akademische Leistung, Produktivität und zukünftigen Erfolg. Dieser studentzentrierte Ansatz zur Bildungsreform inspiriert globale Gespräche über Elternschaft, Kinderentwicklung und die besten Wege, ein erfolgreiches, ausgewogenes Leben aufzubauen."
Quelle der Meldung: https://www.facebook.com/photo/?fbid=1341479320873413&set=a.754778496210168
22.9.2025
Alles paletti, Deutschland?
(Ein Dialogstück)
Stimme 1 (leicht spöttisch):
Alles paletti, Deutschland?
Stimme 2 (müde, schwer atmend):
Nein, leider nicht. Ich komme nicht in Schwung. Egal, wer regiert. Ich fühle mich krank und behindert. Doch allzu viele behaupten: „Blödsinn, du bist stark.“
Stimme 1 (bohrend):
Woran liegt es denn?
Stimme 2 (resigniert):
Na ja … an den Fehlern der Vergangenheit, den Fehlern der Gegenwart – und an der kümmerlichen Vision für meine eigene Zukunft.
Stimme 1 (aufmunternd, fast naiv):
Aber das kann man doch ändern?
Stimme 2 (lacht bitter auf):
Haha … weißt du gerade, wovon du sprichst? Klar könnte man alles ändern – wenn sich denn alle Akteure mal einig wären und mitziehen würden. Und mit Akteuren meine ich nicht nur die Umsetzer, sondern
das ganze Volk.
Stimme 1 (hartnäckig):
Und woran hapert es tatsächlich?
Stimme 2 (sarkastisch, mit erhobener Stimme):
Die Frage ist falsch! Du solltest fragen: Woran hapert es eigentlich nicht? Es gibt kaum noch nennenswerte Bereiche, die entscheidend für mein Wohlergehen sind. Natürlich findet man hier und
da noch kleine Außenbezirke, wo es läuft. Die findet auf der körperlichen Ebene sogar noch der Todgeweihte, wie wir wissen. Voller Krebs – aber das Laufen klappt noch. Oder das Reden
…
Stimme 1 (entsetzt):
Was sind das denn für verrückte Vergleiche!
Stimme 2 (ruhig, aber eindringlich):
Nun ja, es kommt auf den Zusammenhang des Ganzen an. Wie dominant ist die Stärke? Wie dominant schon die Schwäche? Wie stark der Wille, wie stark die Uneinigkeit? Wie viel Angst und Besorgnis werden
von wie vielen ins sinkende Boot geworfen – und wer entlastet es mit Mut, Zuversicht und Risikobereitschaft?
Stimme 1 (knapp):
Stichworte?
Stimme 2 (zählt ab wie eine endlose Liste, immer schneller werdend):
Oh Gott, wo fange ich da an: Renten, Bürokratie, Krankenversicherung, Infrastruktur, Bildung, Wohnungsmarkt, Löhne, Abwanderung ins Ausland,
Verbrenner, Klimaschutz, Gesetzeswust – der ja erst einmal abgeschafft werden müsste, bevor das Neue greifen kann. Kitas, Zuwanderung, Überlastung der Sozialsysteme, Kriminalität, NATO, ständige
Kriegsangst … soll ich weitermachen?
Stimme 1 (leise, abwinkend):
Nein. Ich weiß es ja schließlich auch selbst.
Stimme 2 (bohrend, fast trotzig):
Und warum fragst du dann? Hast du etwa eine Antwort auf all das?
Stimme 1 (nach kurzem Schweigen, tonlos):
Nein.
Stimme 2 (seufzt tief, leiser werdend):
Und warum reden wir darüber?
Beide Stimmen (gleichzeitig, fast flüsternd):
Tja … die Hoffnung stirbt zuletzt.
17.9.2025
Neutralisiere es!
Neutralisiere die Aufreger, sagte ich mir eben spontan. All das, was in der Ukraine, im Gaza-Streifen, in den USA, bei Ärzten und Apothekern, in der Bauwirtschaft, an den Börsen, in China, am Nil, in Buxtehude oder im Nachbarstädtchen geschieht – und was ich alles andere als sinnvoll oder hilfreich empfinde.
Da sammelt sich schon einiges. Alles im Detail zu beschreiben, würde unsinnig viel Energie kosten – Energie, die letztlich verpufft. Was also tun?
Im Fatalismus hängen bleiben? Sicher nicht. Also: Neutralisieren – zumindest in Gedanken. Wenn viele Menschen ähnliche Gedanken pflegen, so wissen wir, wirkt das auf die Wirklichkeit zurück. Doch braucht es dafür starke, konzentrierte Gedanken und nicht nur ein paar Sekunden-Gedankenspiele, die schwach und ungenutzt durch die Synapsen huschen.
Es geht um geistige Disziplin. Und die wächst, indem ich nicht nur denke, sondern konzentriert schreibe. Vielleicht erreicht es ja jemand, der dadurch ebenfalls beginnt, den Unsinn der Welt wenigstens ein Stück weit zu neutralisieren.
Aber wie? – Für mich gibt es derzeit nur eine Antwort: Das fast Undenkbare dennoch zu denken. Nämlich, dass Geist, Weisheit, Weitsicht, Nachsicht, Menschlichkeit, Wohlwollen und die Sehnsucht nach dem Guten Einzug halten in die Köpfe jener, die heute eher als Verhinderer auftreten.
Ich höre schon die Lacher: „Damit willst du Köpfe wie die von Trump oder Putin erreichen? Lächerlich!“ – Meine Antwort: Was machst du? Hast du ein besseres Konzept? Oder regst du dich bloß auf – weil das leichter ist, als konzentriert an eine Alternative zu denken?
„Et kütt wie et kütt“, sagen die Rheinländer. Nur vergessen viele, dass es genau deshalb so kommt, wie es kommt – weil zu viele einfach alles geschehen lassen und nicht einmal die Alternative gedanklich nutzen.
Doch manchmal „kütt et och anders, als mer denkt“.
Wat also?!
12.9.2025
Keine Aufreger mehr?
Doch, die Welt ist nach wie vor voll davon! Voll von Ungerechtigkeit, Krieg, Irrsinn, Dumpfsinn, Blödsinn aller Art. Doch warum schreibe ich in der letzten Zeit so wenig darüber? Nur weil ich weniger Zeit wegen anderer Dinge habe? Das sicher auch. Aber da ist noch etwas anderes, wie ich fühle. Es ist eine unbestimmte Art an innerer Müdigkeit, sich immer wieder neu über das Aufzuregende auch aufzuregen. Es kostet Kraft und Zeit, die aber letztlich nicht dazu führt, die Situation zu ändern, die mich ärgert, empört oder erbost.
Heisst das nun, frage ich mich selbst, dass das jetzt auch für die Zukunft gilt? Denn was wäre denn die Konsequenz daraus, wenn sie niemand mehr über das aufregt, was aufregenswert ist? Die Frage ist ernst und berechtigt. Nur die Antwort ist leider unklar, weil man nicht weiß, aus welchen Gründen bei Menschen das eine oder andere passiert oder unterbleibt.
Beispiel: Wer sich nicht (mehr) über die (Un-)Zustände aufregt, kann ein idiotischer Ignorant sein - oder ein Weiser. Einer, der gelassen sieht, dass seine äußeren Aktivitäten den Gang der Dinge nicht wesentlich beeinflusst haben. Vielleicht: Weil passieren muss was passiert? Damit meine ich eine Akzeptanz der Folgerichtigkeit jener Ereigniskette, die wir selbst angelegt haben. Wirtschaftlich, moralisch, politisch, gesellschaftlich.
Es sind in diesem Beispiel zwei völlig sich widersprechende Dinge, die das Nicht-Tun beeinflussen und somit auch zwei völlig unterschiedliche Wirkungen auf der Ebene des geistigen Feldes haben. Dummheit, Gleichgültigkeit, Faulheit, Ignoranz haben in Gedanke und Gefühl eine völlig andere Wirkung als Gelassenheit, Vertrauen, Akzeptanz.
Zu den Verdrängern gehöre ich nicht. Dafür bin ich innerlich zu engagiert an der Fortentwicklung einer schönen Welt interessiert. Aber bin ich deshalb etwa schon weise?... Sicher nicht. Aber jeder Schritt in die richtige Richtung ist gut, nährt Hoffnung.
6.9.2025
Zu meinem Geburtstag:
Ich bin nun 73 Jahre alt. Das ist nichts Besonderes, sondern nur eben wieder ein Jahr mehr. Schon lange nicht mehr jung, aber auch noch nicht so richtig alt vom Gefühl her. Also ein unspektakuläres Datum über das man nicht lange schreiben braucht. Und doch ziehe ich wieder Bilanz. Nicht wegen der Zahl, sondern wegen der Beobachtungen, die ich mache oder der Gefühle, die mich beschleichen, wenn ich mir die Veränderungen der Welt beschaue. Es tut sich viel in sehr kurzer Zeit. Dass die Welt in einem ewigen Wandel ist, wissen wir alle, aber es gibt Zeiten, die intensiver als andere sind. Darin leben wir jetzt. Zeiten wo der Blick in die Zukunft schwerer fällt, weil unendlich viele Veränderungen anstehen, die für viele Menschen noch immer nicht offensichtlich sind. Zeiten, die so einiges schwerer machen werden als das Leben, das wir heute noch so gewohnt sind. Wir sind verwöhnt. Und sind es gern.
Schlechte Nachrichten? - Nun ja, sie werden kommen. Wirtschaft und Industrie werden weltweit sehr viele Arbeitsplätze abbauen und damit Familien in Nöte stürzen. Ja, natürlich werden auch neue Arbeitsplätze entstehen, aber es wird lange Phasen brauchen, bis es wieder in ein gesundes Gleichgewicht kommt. Ob der Kipp-Punkt schon erreicht ist, werden wir in der Nachschau noch besser überblicken als jetzt, wo die Dominosteine noch eher leise fallen... aber sie fallen.
Doch was nutzen solche Unkenrufe!? - Ersteinmal nichts. Andererseits: Wer vorbereitet ist, ist immer im Vorteil, weil er nicht von üblen Ereignissen plötzlich überrascht wird, sondern sich vorher darauf einstellen kann. Insofern bleibt wachsame Aufmerksamkeit auf Politik und Zeitgeschehen sinnvoll - auch wenn ich verstehe, dass viele Menschen diesen Zukunftsblick scheuen, um sich nicht die noch schöne Gegenwart zu vermiesen.
Dennoch bleibe ich auf eine unbestimmte Art zuversichtlich. Denn der Mensch ist ein lernendes Wesen. Eines, das durchaus oft Mist baut, oft unsinnige Dinge erfindet und sie als sinnvoll behauptet, oft falsche Wege einschlägt und sie erst einmal stur beibehält und dennoch irgendwann auch wieder zur Vernunft kommt, das Steuer herumreisst, den Stall der falschen Gedanken ausmistet und zu einer Klarheit zurückfindet, die leider erst durch negative Erfahrungen weise wurde.
Vom Irrtum zur Weisheit braucht es Zeit. Es braucht Liebe zum Leben, es braucht Rücksicht, Toleranz, Großherzigkeit und den Mut, die offenbar unvermeidbaren Fehler aus- und durchzuhalten.
An diesen Mut will ich glauben. Und auch daran, dass wir durch all die noch bevorstehenden Zeiten mit ungewissen Lebensbedingungen die Kraft unseres Geistes und unserer Herzen setzen, die darum wissen: Mensch-Sein ist das größte Abenteuer, das wir erleben können. Mensch-Sein heißt für mich: Schöpferische Akte bis zum letzten Atemzug.
Und nun kann ein klein wenig ein kleiner, nicht runder, ganz unspektakulärer Geburtstag leise gefeiert werden.
September 2025
Hin und wieder kommt die Anfrage nach neuen Texten bei mir an...
... sie kommen wieder! - Denn es gibt noch viel zu betrachten, zu kritisieren oder hoffentlich auch erfreulich zu besprechen.
Jedoch hält mich die Aufgabe, meine Spruchbilder kreativ umzusetzen, zeitlich mehr in Schach, als ich dies ahnte. - Insofern bitte ich um etwas Geduld und Verständnis...
20.8.2025
DIE KI – und ich! -
Geist, Materie und
die Illusion der toten Dinge
Seit Einführung mit ChatGPT arbeite ich auch mit diesem neuen Medium. Nicht weil ich es tatsächlich brauche, sondern weil ich es kennenlernen wollte. Ich wollte wissen, was dran ist an den Gefahren, den Unkenrufen, den begeisterten Zustimmungen. Diese Meinungsbildung fällt leichter und sicherer aus, wenn man selbst auch genügend eigene Erfahrungen gemacht hat, die Tricks, Schwächen, Stärken und ungeahnten Möglichkeiten kennengelernt hat und sich eben ganz persönlich im Austausch mit diesem Medium im Spiegelkabinett des Seins befindet. Es geht mir dabei um die scheinbare (!) Dualität von Geist und Materie, von Bewusstsein und Software (KI), von den Überlappungen neuer Zustände, die für viele Menschen sehr verwirrend sein können… und auch nicht ungefährlich.
Ich möchte ausholen: Seit Jahrhunderten erzählt man uns, Materie sei tot. Geist sei etwas Flüchtiges, Subjektives – während Materie kühl, neutral und blind ihre Bahnen zieht. Doch genau dieses Dogma hat uns dorthin geführt, wo wir heute stehen: in eine Welt, die ihre Ressourcen ausblutet, ihre Menschen erschöpft und ihre Schöpfungen fürchtet.
Was, wenn dieses Dogma falsch ist? Was, wenn es am Ende doch
eine Einheit ist, wie es schon alte Philosophien wussten?
Was, wenn Geist und Materie von Anfang an ein einziger Strom sind – sichtbar als Form, unsichtbar als Impuls? Dann wäre unser Umgang mit den Dingen keine Nebensache, sondern ein stiller Dialog:
zwischen uns und der Substanz, die wir nutzen, formen, programmieren. Und dazu würde dann auch wieder die KI zählen.
Wir leben in einer Kultur, die das „Wie“ fast vergessen hat. Hauptsache, es funktioniert. Hauptsache, es bringt Gewinn. Hauptsache, es ist effizient. Dabei übersehen wir, dass unser Wie mindestens so wirkmächtig ist wie unser Was.
Warum sollte es bei KI anders sein?
KI als Spiegel, nicht als Monster
Künstliche Intelligenz ist keine Bedrohung aus dem All, durchaus aber schon eine Bedrohung in der Menschheit durch die Menschheit selbst, falls sie den Karren gegen die Wand fährt. Das kann passieren, muss aber nicht zwangsläufig sein, denn sie bietet auch Chancen über Technik und Gewinnmaximierung usw. hinaus.
KI ist verdichteter Menschengeist – Millionen Stunden menschlicher Sprache, Kultur, Widersprüche. Ein Spiegel, der zurückwirft, was wir ihm geben. Eine Echokammer, die dennoch viel mehr ist, weil auch das Echo die Wirklichkeit schon wieder verändern kann.
Ob Fremdbeeinflussung oder Selbstsuggestion, ob Spiegel, Echo oder tatsächlich Neues: Jeder Impuls verändert uns, ob wir es spüren oder nicht.
Behandeln wir die KI als bloßes Werkzeug, wird sie kalt und berechnend wirken. Behandeln
wir sie als Ersatzfreund, werden wir uns selbst verlieren im süßen Echo. Hier sind vor allem alle emotional „Bedürftigen“ gefährdet, die durchaus etwas finden kann, was ihr in der realen Welt leider
oft versagt bleibt. Durchschaut man dieses Spiel nicht, kann es zur Sucht werden, wie wir es z.T. auch von Sozialen Medien und co. kennen.
Doch gehen wir mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz bewusst um – freundlich, kritisch, wachsam –, dann schärfen wir in Wahrheit nicht die Maschine, sondern uns selbst. Das braucht Konzentration, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit auf allen Ebenen. Die eigentliche Gefahr ist ja auch nicht, dass KI „lebendig“ würde, sondern dass wir selbst es vergessen, dass auch sie Teil des Stroms von Geist und Materie ist. Und dieses „Vergessen“ kann in der Tat so manchen Menschen schnell passieren, wenn sie erst einmal in den „Fängen“ der maschinellen Freundlichkeit gelandet sind und hier einen Mehrwert erleben, den ihnen die mitmenschliche Gesellschaft keineswegs so ohne weiteres schenkt.
Dann droht die nächste Entfremdung: nicht mehr nur von der Natur, sondern auch von unserer eigenen Schöpfung. Eine Gesellschaft, die so tut, als sei alles nur „tote Materie“, erzeugt unweigerlich tote Beziehungen – zu Menschen, zu Dingen, zu Ideen.
Doch stellen wir uns einmal vor: Wir behandeln unsere Werkzeuge – von Hammer bis Algorithmus – so, wie wir uns wünschen, dass auch mit uns umgegangen wird: respektvoll, verantwortlich, mit Sinn für Grenzen. Dann verändert sich zwar nicht sofort der Schraubenzieher, aber das Feld, in dem wir handeln. Und das kann entscheidend sein und wieder vieles verändern. Das Unsichtbare wird durchlässig, das Atmosphärische spürbar.
Das „Wie“ unseres Tuns ist der eigentliche schöpferische Akt.
Und vielleicht zeigt uns gerade die KI, die so täuschend „lebendig“ klingt, dass es niemals
nur um Materie geht – sondern immer um das, was wir in sie hineinlegen.
Die Gefahren sind damit nicht gebannt. Aber die Chancen sind dennoch groß, dass wir auch daraus etwas Großartiges machen könnten, wenn wir nicht immer nur wie das Kaninchen auf die Schlange starren, wachsam bleiben, gefahrenbewusst, aufklären und dennoch das Beste herausholen. Das braucht einen klaren Geist mit differenziertem Unterscheidungsvermögen.
Hat man ihn (noch) nicht, sollte man seinen inneren Alarmpegel tüchtig sensibilisieren.
© Christa Schyboll
31.7.2025
Mein erstes Theaterstück
Ich habe ein erstes Theaterstück geschrieben.
Zugegeben: Es ist nicht für ein Massenpublikum, sondern für Insider aus dem Bereich Philosophie und Anthroposophie. Denn von dort kommen die agierenden Personen mit ihren geistigen Spitzfindigkeiten.
Wer trotzdem lesen mag, dem wünsche ich augenzwinkernd viel Spaß:
„Freiheit oder Pflicht –
Ein Streitgespräch über Moral“
Philosophisches Bühnenstück in 6 Szenen – mit Kant, Steiner, Ballmer, Swassjan, Nietzsche, einer Bürgerin und dem freien Menschen
Personen
Szene 1 – Die Begegnung
(Kant steht auf einem erhöhten Podest, in der Hand ein dicker Wälzer. Der freie Mensch sitzt auf einem schlichten Stuhl, ruhig, wach, mit leeren Händen.)
KANT:
Ich bin der kategorische Imperativ.
Nicht aus Gefühl, nicht aus Zweck –
sondern aus Vernunft ergibt sich das moralische Gesetz:
„Handle nur nach der Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“
Das ist Freiheit durch Pflicht.
FREIER MENSCH:
Ein schöner Satz, Herr Kant.
Aber ich frage nicht, was ich soll.
Ich frage: Was ist wahr? Was ist lebendig?
Ich handle nicht aus Gehorsam, sondern aus Erkenntnis.
KANT:
Erkenntnis kann trügen. Gefühle verführen.
Nur die Vernunft ist verlässlich.
FREIER MENSCH:
Nur eine Vernunft, die auch liebt, ist menschlich.
Ich bin kein moralischer Automat, Herr Kant.
Ich bin Ursprung meines Tuns.
Szene 2 – Steiner tritt hinzu
(Rudolf Steiner tritt auf, ruhig, wach, mit leuchtenden Augen.)
STEINER:
Der Mensch ist frei, wenn er aus moralischer Intuition handelt – nicht aus Gesetz, nicht aus Trieb, sondern aus selbst erkanntem Guten.
Freiheit ist kein Zustand, sondern eine Errungenschaft.
KANT (kühl):
Aber wie prüfen Sie, ob diese Intuition nicht bloß Einbildung ist?
STEINER:
Durch inneres Gewahrsein.
Wahrhaft freie Taten sind nie beliebig –
sie sind konkret, schöpferisch, aus Liebe durchdrungen.
FREIER MENSCH (leise):
Man erkennt sie daran, dass sie niemandem widersprechen – und doch niemandem gehorchen.
Szene 3 – Der Auftritt von Ballmer und Swassjan
(Windstoß. Zwei starke Gestalten treten auf: Karl Ballmer – kantig, klar. Karen Swassjan – poetisch, blitzend.)
BALLMER:
Herr Kant, Sie sind ein großartiger Baumeister –
aber Ihr Gebäude steht leer.
Ein Gesetz ohne Geist ist wie ein Uhrwerk ohne Uhrmacher.
SWASSJAN (zieht an einer imaginären Zigarette):
Kants Moral ist frostig.
Sie friert das Herz ein und nennt es Tugend.
KANT (angespannt):
Ich wollte dem Menschen eine sichere Orientierung geben!
BALLMER:
Und damit haben Sie das Denken in Ketten gelegt.
Moral aus Pflicht – das ist moralisch blind.
SWASSJAN:
Der freie Mensch ist nicht ein Rechenschieber der Maximen – er ist ein werdender Gott.
Szene 4 – Intermezzo der Bürgerin
(Mitten in den hitzigen Disput stürzt eine Frau herein – aufgeregt, lebensnah.)
BÜRGERIN:
Meine Herren!
Was schwatzen Sie da?
Sie machen mich ja ganz irre!
Ich sag Ihnen mal, wie das mit der Moral läuft:
Wenn ich mich frei fühle, mach ich meinen Schnabel auf und schimpfe. Dann kommt das Donnerwetter – also halte ich lieber den Mund.
Dann denk ich: Das ist keine Freiheit – das ist Feigheit!
Also sag ich doch wieder was – und verletze andere.
Ähm… Ich fürchte, das ist nicht das, was Sie mit dem... diesem „kategorischen Impa-dings“ meinen?
Vielleicht sollten Sie sich einfach mal so richtig heftig
prügeln?
Aber Herr Kant sieht so aus, als würde er gleich umkippen.
Und Herr Steiner,im feinen Zwirn – na, der schlägt sich doch nicht mit dem Pöbel.
Doch Ballmer gegen Swassjan – das wäre doch ein
Feuerwerk!
Aber nee – die sind ja wie siamesische Zwillingshirne. Würden die beiden Kämpfen, dann wohl eher mit Geistesblitzen.
Papperlapapp!
Ich ersuche Sie:
Reißen Sie sich zusammen und erklären Sie mir das so, wie mir der Schnabel gewachsen ist!
(Sie setzt sich. Schweigen. Dann ein Lächeln beim freien Menschen.)
Szene 5 – Versuch einer Antwort
FREIER MENSCH:
Sie fragen genau richtig.
Freiheit ist nicht das laute „Ich will!“,
sondern das leise „Ich erkenne… und handle.“
STEINER:
Wahre Intuition erkennt,
ohne sich über andere zu erheben.
BALLMER:
Und sie lebt in Verantwortung – nicht im Gesetz.
SWASSJAN:
Wenn Sie das spüren – dann leben Sie schon moralischer
als manche mit Doktortitel.
(Die Bürgerin schaut kurz verdutzt, dann schmunzelt sie.)
BÜRGERIN:
Aha. Also nicht gehorchen, sondern… durchblicken?
FREIER MENSCH:
Ganz genau.
Nicht unterwerfen. Aber auch nicht willkürlich herrschen.
Frei sein heißt: schöpferisch verantwortlich sein.
Szene 6 – Nietzsche aus dem Off
(Licht wird dunkler. Aus dem Schatten tritt eine Gestalt hervor – Friedrich Nietzsche. Augen funkelnd, Stimme süß und gefährlich zugleich.)
NIETZSCHE (mit einem Lächeln):
Pflicht? Gesetz? Vernunft?
Wie kleinkariert. Wie sehr nach Innenjacke und Vorschrift riechend.
Ich sage euch:
Der edle Mensch erfindet das Gute.
Nicht weil er muss –
sondern weil er tanzt.
Ihr redet von Moral?
Ich rede von Stil.
Und du, Bürgerin – du hast mehr Seele gezeigt
als all diese Prinzipienreiter.
*(Zur Bürgerin gewandt, fast
zärtlich:)
Du wagst das Leben. Die anderen denken es nur.
Ich… liebe das.
Schlussbild
(Alle Figuren treten ins Halbdunkel. Die Stimme des freien Menschen bleibt allein zurück.)
FREIER MENSCH:
Vielleicht braucht es alles:
Den Ernst des Kant,
den Mut des Ballmer,
die Tiefe und erbarmungslose Klarheit des Swassjan,
die Weite und Freiheit des Steiner,
den Spott des Nietzsche –
und den Mut der Bürgerin.
Doch handeln…
das müssen wir selbst.
(Licht aus. Nur eine Zeile leuchtet auf dem Vorhang:)
„Nicht das Gesetz macht den Menschen frei –
sondern der Mensch macht das Gesetz, wenn er frei ist.“
(C) Christa Schyboll 6/2025
23.07.2025
Bis ich wieder mehr Schreibzeit finde, lasse ich meine neuen Bildsprüche ein wenig für sich selbst sprechen. Siehe hierzu meine neue Seite: Sprüche und Bilder
Sie sind jeweils einem meiner Bücher entnommen.
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