Ansichts-Sache

oder

Wie ich die Dinge so sehe ...

 

 

Hier stehen "Verschwindende Texte",

die aus Platzgründen immer nur für ein paar Tage sichtbar sind.

 

Für Interessierte, die es gern nochmals lesen möchten, erscheint im Januar 2022 eine

Taschenbuch-Ausgabe unter "Verschwundene Texte, Band II, MiniaTouren"

 

Der Urheberrechtsschutz / Copyright  gilt für alle Texte meiner Homepage

Dich hat der Himmel geschickt!

 

Hommage an das Böse - den Steigbügelhalter des Guten!

 

 

 

 

Wertes Böse, dich hat der Himmel geschickt! Wer auch sonst wäre fähig, dich zu erschaffen. Wie gut, dass du bist. Denn was nur sollten wir hassen, wenn du nicht wärst. Wie arm wäre unser aller Leben, wenn wir im ewigen Friedenstaumel komatös am Immergleichen hingen.

 

Ist es nicht so, dass du es bist, der uns die Farben des Lebens schenkt? Das reine Weiss des Guten ersehnen wir doch nur, weil du uns so farbenprächtig den Alltag zerstückelst. Du bringst uns das Ungemach, das Leid und den Schmerz, säst uns Verzweiflung zwischen die Rippen, zettelst Kriege an, schickst uns Viren und lachst dir ins Fäustchen.

 

Und wie dich erst unsere Tränen ergötzen! Ein wahrlich großer See schmerzhafter Unzufriedenheit tut sich dir auf, wenn du in die ach so bedürftigen Menschenaugen schaust.

 

Wertes Böse, wir wissen: Du brauchst uns Menschen, um lebendig zu bleiben.

 

Pflanzen und Tieren bist du noch unerreichbar. Sie entwickelten noch kein Wahrnehmungs-Organ für dein Sein. Sie schauen die Dinge des Lebens noch anders an. Sie kennen die Brunft und die Angst und die Kraft und den Schmerz. Doch dich erkennen sie nicht.

Du bist der verkannte Glücksbringer, der seine böse Fracht in die Buntheit allen Geschehens schickt. Du bist abhängig von uns Menschen und unserer immerwährenden Sucht und Suche nach Harmonie, Ästhetik und Schönheit.

 

Das Wahre, das wir suchen, steckt auch in dir. Doch es verschanzt sich gegen die Erkenntnis, dass nur du es bist, der uns immer wieder neu zu Glück und Wohlbefinden führen kann. Denn wie, um Himmels Willen, soll man Glück und Liebe erfahren, wenn es nicht dich als Alternative gäbe.

 

Wenn du kommst, kommst du immer ungelegen, unwillkommen. Und trotzdem rufen wir dich. Oftmals so leise, dass wir uns selbst nicht vernehmen. Und so mancher wundert sich, ob deines plötzlichen Erscheinens. Wumm. Ein Unfall. Ein Überfall. Ein Messerstich. Dann bist du da. Blut fließt. Das Geschrei ist groß. Denn natürlich mögen wir dich nicht, auch wenn wir dich brauchen, um immer wieder neu Glück und Frieden zu erfahren.

 

Erst dein Vorhandensein lässt uns in jene unauslotbaren Tiefen menschlicher Gefühle steigen, die noch blind nach der göttlichen Ekstase trachten. Ex. Aus. Das neue Sehnen nach dem Schmerz. Das kurze schiere Glück des Unbelasteten. Diese Wonne der Sorglosigkeit, die wir nur erfahren, weil du uns so schmerzt. Du unnachahmlicher Zusetzer allen Übels, der uns zum Finale des kleinen vorübergehenden Glücks drängt. Wenn wir all das nur erst begreifen!

 

Begreifen bedeutet ergreifen, erfassen, erkennen, erklimmen, ernennen, besinnen. Benennen mit Samen, die der eigene Geist in die Ereignisse streut. Und wehe dem, der Samen ist unfruchtbar!

Dann, wertes Böse, lächelst du teuflisch. Dein Lächeln ist immer erst der Anfang des neuen Guten, nach dem wir uns immerzu sehnen.

 

Dich hat der Himmel geschickt!

 

Doch vorübergehend sind wir taub und blind für dein wahres Wesen. Bekämpfen wir dich, das Böse, schenken wir dir doch nur von unserem wertvollen Feuer. Von unserer flammende Seelenkraft, die anderes will als den Kampf gegen das Übel der Welt. Nein, auf kleiner Flamme nur solltest du bei mir köcheln. Mein Feuer schenke ich dem Guten, das ich glutvoll in mein Herz leite. Dort entzieht es dir den Raum, den du beanspruchst.

 

Ich weiß um deine zweifache Mission: Hüter willst du sein und Schwellenübertreter zugleich. Du hütest deine böse Kraft und verführst zur Absicht der Wahl zwischen den Möglichkeiten. Nicht für oder gegen dich, nicht mit oder ohne dich ist dein Begehr. Nein – jedes Entweder-Oder ist dir lächerlich. Sowohl-als-auch ist deine Devise. Denn im Guten steckt das Böse als Zündschnur des Lebens. Im Bösen sind die zarten Keime des Guten verborgen, die sich nach der menschlichen Tat sehnen um zu sprießen und zu erblühen.

 

Gutes will getan sein, in dem man das Böse überwindet. Begreift man euch beide nicht in der gegenseitigen Abhängigkeit des einen vom anderen, ist man ein hilfloser Spielball im wirren Gestänge eines Seins ohne Sinn. Begreift man euch als Einheit, versöhnt man nicht nur die Gegensätze, sondern auch den notwendigen Schmerz für das unvermeidliche Glück.

 

Dich hat der Himmel geschickt!

 

Christa Schyboll

 

Zwei Wirklichkeiten – Im Würgegriff des Horrors

 

Wer sich ein wenig mit Träumen auskennt, weiß: Die Wirklichkeit des Traumes ist für den Träumer kein Lot weniger real als die Wirklichkeit des Wachenden in der Realität. Man freut sich, man leidet, man schwitzt, man hofft, man ängstigt sich… und hin und wieder wird man vom tiefen Grauen gepackt.

 

Dieses Grauen überfiel mich in dieser Nacht. Zum Glück kommt es selten vor; aber ich kenne ihn gut, diesen Würgegriff des Horrors, der mich erwählt hat.

 

Ich plante mit einer Freundin (im Traum wechselte diese Person) eine Entführung. Sie diente der Erpressung aus niederen Motiven. Reine Habgier. Es ging darum, dass diese Freundin und ich geradezu süchtig nach einem gigantischen Blumenstrauß waren. Einen für jeden. Üppig, teuer, außerordentlich, exzellent – am besten gleich maßlos. Also einen, für den man gerne mal 500 Euro hinblättert. Wir sprechen also über ein finanzielles Verbrechen so um die tausend Euro.

 

Diese Entführung gelang wie geplant. Dann ließ ich die Freundin mit dem Entführungsopfer allein. Kurze Zeit später kam sie zu mir und gestand, sie erschlagen zu haben. Nicht aus Absicht, sondern  aus Panik. Vermutlich hatte sich das Opfer gewehrt und der passende Stein für die Stirn lag wohl griffbereit, weil das Schicksal es so wollte.
 

Nun ging es darum, gemeinsam die Leiche zu beseitigen. Mir war schon mehr als nur mulmig, auch wenn ich nicht selbst die Mörderin war. Oder war es nur Totschlag statt Mord? Nein, durch die Planung der Entführung käme man wohl mit Totschlag nicht wirklich vor Gericht durch, spielte ich gedanklich im Traum wieder und wieder durch.  Wir versteckten die Leiche tief im Wald unter Geäst und Blätterwerk und hofften, dass sie zerfällt, bevor sie einer rechtzeitig findet. An Zahnstatus und co. war im Traum nicht zu denken.

 

Später gingen wir ins Haus der Toten, wo wir offenbar zuvor auch schon waren und erinnerten uns daran, dort alles Mögliche angefasst und massenhaft genetisches Material und Spuren hinterlassen zu haben. Also käme man uns bald auf die Spur – wobei: Wir waren noch in keiner Verbrecherkartei registriert. Erst müssten wir in Verdacht geraten…

 

Der Traum mutierte mehr und mehr zum Albtraum der Sonderklasse. Nicht wegen der Leiche, für die wir keine Gefühle aufbrachten, sondern wegen der nun unvorstellbar großen Angst, die in mir wuchs und wuchs und wuchs. Angst vor Entdeckung und Bestrafung. Angst vor Dauerstress im Leben. Angst, von der Angst so überwältigt zu werden, dass ich kein Mensch mehr bin, sondern nur noch ein Klumpen Panik. Ein atemloses Häufchen schieres Entsetzen, kein Mensch mehr, sondern nur das nackte Grauen in Menschengestalt. Ein Zombie, ein Gespenst.

 

Es dauerte und dauerte. Der Traum wollte nicht enden, die weiteren Einzelheiten erspare ich mir, weil nicht sie es waren, was mich so tief ergriff, sondern ein überdimensioniertes Gefühl von Horror, dass jedem anderen Gefühl den Sauerstoff entzog.

 

Nur ein Traum. Nur ein Traum? Gewiss aus dem Blickwinkel einer hellwachen Ratio. Aber nicht aus dem Blickwinkel des realen Erlebens während des Vorgangs. Denn was sich dort für ein Stelldichein  an Ängsten vielfältigster Art gab,  war eine real erlebte Wirklichkeit, die jetzt noch nachwirkt.

 

So wie es einerseits nur eine einzige Wirklichkeit gibt, so sicher ist es auch, dass innerhalb ihrer sehr verschiedene Ebenen von Wirklichkeit-en erfahrbar sind. Und jede ist für sich gültig auf der Ebene, wo und wie sie gefühlt und gedanklich erlebt wird. Ein Erleben, Erfühlen und Erkennen nur auf einer einzigen Ebene Gültigkeit zuzusprechen ist eine Verkennung dessen, was tatsächlich ist.

 

Wohlan!, so frage ich mich: Welche Wirklichkeiten warten sonst noch auf mich? Ich hoffe: Angnehme!

 

 

 

 

 

Vernichtungsfeldzug. Delete.

 

 

Droht Leben vor lauter Fülle zu bersten, passiert ein Unglück. Oder ein Ungemach. Ein Eingriff von irgendwoher. Und kommt niemand, der endlich aufräumt, muss man es halt selbst tun. Die Fülle stoppen, das Wuchern und Wuchern des allzu Üppigen. Allein damit eine neue frische Fülle Platz zum Wachsen und Sein erhält.

 

Man muss etwas vernichten, wenn es sich nicht selbst vernichtet. Das ist grausam und natürlich zugleich. Unumgänglich, weil Platz, Raum, Zeit in unserer Erdenwirklichkeit nun einmal endlich ist.

 

Unendlich dagegen ist die Fantasie. Diese herrliche Unauslotbarkeit. Diese ewige sprudelnde Quelle, die alles umfangen will und sich wie Urwaldlianen in die feinsten Ritzen des Lebens schlängelt. Sie erobern sich die dunkelsten Ecken und verzweigen sich mit filigranen Tentakeln auch im wilden Gestrüpp menschlicher Haare, kriechen unter Fingernägeln und beheimaten sich neu zwischen gekühlten Bits und Bytes. Sie klauen Raum. Überall.

 

Aber irgendwann wird es damit zu viel. Dann braucht es den Tod dieses Seins der ausufernden Fantasie. Kommt er nicht freiwillig, braucht es die Hand eines Meuchelmörders. Meine Hand, wenn's kein anderer tut.

 

Meine Waffe heißt: delete.

 

Es ist ein Knopfdruck. So einer in der Art wie sie die Mächtigen der Welt haben, falls ein Atomkrieg befehligt werden muss. Rot. Auch wenn er grau, blau oder schwarz ist. Er stellt sich rot. Ohne rot geht es nicht.

 

Ich werde zur Gedankenmörderin in eigener Sache. Ich muss meucheln, was ich liebe, damit das, was bald geliebt werden will, Raum in mir greifen kann.

 

So lange meine Innenräume des Seins und meine Dateien in den Speichern der Wirklichkeit vor schierer Masse überquellen, weil ich sie nicht mehr erfasse, überschaue, durchblicke, kann nichts Neues geboren werden. Aber das Neue sehnt sich nach Leben. Da muss Altes sterben. Anders geht es nicht.

 

Ist es sterbenswürdig? Nein. Deshalb die Hemmung. Der Schmerz. Das schlechte Gewissen. Löschen, was Leben will. Das im Werden war. Das doch nur Luft zum Atmen brauchte. Das meine Aufmerksamkeit ersehnte. Etwas, das bearbeitet werden wollte, gefeilt, geölt, gepflegt, bedacht… geliebt.

 

All das leiste ich nicht mehr, wenn ich lösche, um dem Neuen Raum zu geben. Welch eine Verschwendung. So viel war schon in die Schwangerschaft der Gedanken investiert. So viel in das bereits begonnene Leben, das nun nicht mehr zur Reife kommt.

 

Das Morden spannender Gedanken, die mich schon seit Jahren begleiten. Die ich bewegte. Die mich bewegten. Ein Tanz.

 

Es ist eine Tragödie.

 

Eine von den vielen stillen, von denen die Welt keine Notiz nimmt. Die Welt ist weiterhin mit den lauten Tragödien beschäftigt. Mit fließendem Blut, mit ertrunkenen Menschen, mit vergewaltigten… ach, was… Die Welt hört nicht das Wispern meiner sterbenden Gedanken, die vor ihrer Zeit wieder abtreten müssen. All diese Fehlgeburten auf allen Ebenen des Seins.

 

Wären es doch nur schlechte Texte gewesen! Aber nein, das waren sie nicht. Das macht es schwer. Gut. Manch einer von ihnen schon. Aber nicht die Masse, die nun die Welt menschlicher Aufmerksamkeit verlassen müssen.

 

Manche von ihnen anfänglich, aber vielversprechend. Andere unreif, jedoch tief angelegt. Vieles zu lang, zu detailverliebt und immer noch nicht am Ende… weil, ja weil die Fantasie quillt und quillt und keine Ruhe gibt. Eine Blähung, fragt man sich ängstlich.

 

Und was ist mit der Struktur? Einem Plan?

Einer gesunden Distanz? Was ist mit Disziplin, mit sinnvollem Minimalismus, mit Ästhetik, die sich aufs Wesentliche konzentriert? All das fehlt eben noch!

 

Ich habe mich unter eine Folter begeben.

Und ich bin mein eigener Folterknecht. Deshalb kann ich auch nur selbst mit von dieser Folterbank abschnallen und erlösen. Der Preis ist hoch. Delete. Löschen, was leben will. Gedankenkinder, die frei sein wollen… aber auch geliebt und beachtet.

 

Halt! Halt!

Was soll man denn nur von diesem Gerede halten?

Geht's hier denn nur noch um Zwanghaftigkeit?

Nein, nur um die natürlichen Zustände schwerwiegend lastender Kreativitätsschübe, die einfach kein Ende finden. Welche, die in der Vergangenheit so großartig in die Zukunft angelegt wurden, dass sie den Widrigkeiten der Gegenwart trotzen… und dennoch an der eigenen Fülle ersticken.

 

Das macht mich fertig.

 

Der notwendige Vernichtungszug einer Gedankenmörderin,

die doch nur Gebärerin sein will.

Leben und Überleben wechseln in mir dynamisch die Seiten.

Meist lebe ich, wenn ich lebe.

Aber manchmal überlebe ich auch nur bloß, wenn ich lebe.

Und bin ich wieder einmal in diesem schieren Überlebensmodus, dann lösche ich.

 

Lasse los, gebe frei, löse…

und erlöse meine Gedanken von mir…

und mich von mir selbst.

 

Christa Schyboll

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Tod, so fern, so nah, so immer da

 

Denken wir kurz mal in drei groben Kategorien. Da gibt es die Menschen, die lebenslang quasi fast nie an ihren eigenen Tod denken. Und da gibt es die, die ständig an ihn denken. Und natürlich welche, die nur hin und wieder anlassbezogen sich mit der eigenen Sterblichkeit beschäftigen. Sei es eine Beerdigung oder ein Massenunfall, in den jeder Menschen potenziell hineingeraten könnte.

 

Da wir alle ja wissen, dass wir irgendwann sterben werden, ist es sowohl natürlich, sich damit näher, oft oder ständig zu beschäftigen, wie aber auch ebenso, es einfach sein zu lassen, weil es eh ist wie es ist und wir es auch nicht ändern können.

Warum aber, so frage ich mich, gibt es diese drei grob unterteilten Gruppen? Wieso denken die einen seit ihrer Kindheit an ihren eigenen Tod – und wieso interessiert dies die andere Gruppe überhaupt nicht?

 

Natürlich sind da schnelle Antworten zu finden, die mich aber nicht wirklich befriedigen. Denn schon allein die Rückfrage: Warum soll ich dann daran denken, das Leben ist doch schön – oder auch: Es ist schon so schwer genug -  zielt an meiner Grundfrage völlig vorbei. Und die, die in ständiger Angst vor dem Ableben sind und quasi wie das Kaninchen auf die Schlange starren sind ebenfalls nicht gemeint. Also weder die Hypochonder, die sich am liebsten schon bei jedem Schnupfen die Sterbesakramente geben lassen, noch die begabten Verdränger, die auf keinem Fall mit einem unschönen Gedanken belästigt werden wollen, sind im Fokus meiner Fragestellung.

 

Lasst uns von den Menschen sprechen, die sich gerade trotz und wegen ihrer Hochlebendigkeit dem Tod so nahe fühlen.

Ich gehöre auch zu ihnen. Und ich bin noch immer erstaunt, dass sich der tiefe Gedanke an die eigene Sterblichkeit, der seit der frühen Kindheit bereits in meinem Herzen einen Platz erobert hat, niemals mehr in mir verabschiedete. Er wandelte sich, intensivierte sich.

 

Das Gefühl dabei: Unklar. Mir fehlt der treffende Begriff. Vielleicht gibt es ihn auch tatsächlich nicht. Es ist ambivalent. Schwankend zwischen Neugierde und Angst. Schwankend zwischen Hoffen und Bangen. Schwankend zwischen den körperlichen und geistigen Zuständen, die mir doch auf jeweils eigenartige und zugleich so unvergleichliche Weise so viel Leben schenken, das ständig Saltos in mir schlägt.

 

Der Kopf weiß längst alles. Alles? Nein, aber doch einiges, an das Herz und Bauch sogar fest glauben, wenn der Kopf hin und wieder zweifelt. Auch also da wieder diese freundlichen Ambivalenzen, die mir jede letzte Sicherheit verwehren. Der Kopf weiß, dass alles Geschehen um Leben und Tod nur natürlich ist und damit auch gut. Es ist alles in seiner Ordnung. Ob uns diese Ordnung immer passt oder nicht, steht nicht zur Debatte. Wohl aber, ob wir sie durchschauen, akzeptieren und verinnerlichen. Denn tun wir das nicht, gibt es Probleme psychischer Art, die sich hin und wieder auch einen Ausgang in körperliche Leiden suchen. 

 

Der Kopf weiß: Alles ist Wandlung. Leben und Sterben wechselt sich ständig ab. Und diese Wandelprozesse sind eingebettet in noch größeres Leben, das so groß ist, dass es vom Sterben nicht mehr erreicht werden kann. Dennoch ist Leben und Sterben eine Symbiose, die sich bedingt, braucht, sich nacheinander sehnt, um zu sein.

 

Was aber ist es, dass ich an solche Dinge ständig denken muss – und andere Menschen nie oder selten? Was ist es, das mich anzieht und abstößt, hinschauen lässt und den Blick wieder wendet?

 

Ist es diese gefühlte Nähe von Leben und Tod, die mir so stark ins Bewusstsein geschrieben ist, dass ich weiß… jede Minute kann deine letzte sein!?

 

Und dann? – In der nächsten Minute beginnt der Prozess der Auferstehung. Ein Zustand, den ich kenne, der so uralt ist, und den ich dennoch nicht erinnere.

 

Was ich erinnere ist ein Gefühl einer kreativen Unruhe, weil ich weiß: Das jetzt schon so intensive Leben lebt dich, lebst du dann wieder in gesteigerter Form.

 

Und dennoch bleiben Fragen offen…

 

 

 

 

 

 

 

Was ich alles in diesem kurzen Leben schon war oder schon bin ….und bald sein werde…

 

Was mich prägte, schleifte, forderte und wandelte…

 

Was mich ermüdete, Hoffnung schöpfen ließ,

erfreute, schockierte und schmerzte…

 

Was mich trug, formte und reifen ließ …

 ist unter anderem in diesen konkreten Erfahrungen gespeichert:

 

Abtrünnige

Ahnende

Aikidoschülerin

Anarchistin

Aphoristikerin

Arbeitnehmerin

Assistentin

Autorin

Baby

Beraterin

Chancennutzende

Dilettantin

Durchschauende

Ehefrau

Einkäuferin

Entlarverin

Erfahrene

Erkennende

Erweckte

Feigling

Findende

Frau

Freundin

Gänsehüterin

Gärtnerin

Gemobbte

Genießerin

Gewinnerin

Greisin

Glückskind

Großmutter

Hausfrau

Hoffende

Homöopathin

Humoristin

Jugendliche

Kalkulierende

Katzenhalterin

Kind

Kleinaktionärin

Köchin

Könnerin

Kräutersammlerin

Kritikerin

Laienphilosophin

Leiche

Leserin

Maklerin

Mutige

Mutter

Nachbarin

Nachsinnende

Nichte

Operierte

Paddlerin

Patentante

Planerin

Poetin

Prüferin

Putzfrau

Realistin

Rebellin

Sachbuchautorin

Sammlerin

Schlichterin

Schmerzgeplagte

Schwester

Schwimmerin

Sekretärin

Skeptikerin

Sparsame

Stenografin

Sternguckerin

Streiterin

Suchende

Tante

Traumdeuterin

Träumerin

Trösterin

Urlauberin

Verächterin

Verkäuferin

Verliererin

Verneinerin

Verratene

Versagerin

Verschwenderin

Versicherte

Versierte

Verunfallte

Verwerferin

Verzweifelte

Visionärin

Wählerin

Wissende

Zuversichtliche

Zweiflerin

 

… im turbulenten Rund eines spannenden Lebens, das nicht endet, sondern sich in Ewigkeit wandelt

 

Nachtrag: Stündlich kommen neue, vielfältige Erinnerungen an bereits Erlebtes, Erlittenes, Erstrittenes und Gemeistertes hoch... insofern ist diese Aufzählung nur eines: Vollständig unvollständig!..

 

Aber so wird es auch bleiben, weil es ja immer weiter geht...

 
 

 

 

 

 

 

Ökologie der Angst

 

 

 

Gestern hörte ich diesen Begriff zum erstenmal. Es war im Zusammenhang der zu stark abgeweideten Seegraswiesen am Barrier Reef, was durch die dort lebende Schildkrötenpopulation geschah, die ihre natürlichen Feinde, die Haie, in zu großem Ausmaß verloren haben. Dabei stehen diese Schildkröten eher nur am Rande auf dem Speiseplan der Haie - aber schon allein ihr Auftauchen sorgt dafür, dass das Abgrasen der Seegraswiesen wesentlich schonender geschieht, weil sich die Schildkröten vor einem potentiellen Gefressenwerden ängstigen. Und diese Seegraswiesen wiederum sind ein weiterer wichtiger Faktor im Zusammenhang mit der Bindung von CO2 - und damit auch für unser aller Überleben in Bezug auf Klimawandel wichtig.

 

Angst also ist es, die die Schildkröten vorsichtiger sein lässt - Eben eine "Ökologie der Angst", wo Tiere allein ihren Instinkten vertrauen, da sie Denken und Vernunft nicht beherrschen.

 

Dieser für mich neue Begriff schrie geradezu danach, die Sache für mich selbst weiterzudenken und nicht nur beim Gehörten stehenzubleiben.

 

Was, so fragte ich mich, wäre geschehen, wenn wir unsere alten, gesunden Instinkte noch ein Stück weit bewahrt hätten? Würden wir als Sonderspezies der Lebewesen dann am Ende auch klüger mit unseren endlichen Ressourcen umgehen? Was wäre, wenn wir umgekehrt die Ratio, die Vernunft, unser gesamtes großartiges Wissen nicht endlich einmal auch in Weisheit umwandeln würden? Stünden wir dann nicht wesentlich besser da mit Artensterben, Klimabilanz, Umwelterhaltung - auch Armut, Verelendung und manch anderer Not?

 

Vermutlich ist es zu bejahen - aber das nützt uns alles nichts, weil es ja immer noch nicht Realität ist. Und ob die nächste Generation, die es vielleicht, vielleicht doch einmal klüger angeht, den Dreh zur globalen und finalen  Katastrophenvermeidung noch hinbekommt, ist sehr fraglich angesichts des schnellen Fortschreitens der Unvernunft, die immer weiter auf Wachstum, Wachstum, Wachstum setzt - statt auf Nachhaltigkeit.

 

Und wenn man dann noch an die neuesten oberfaulen Kompromisse in Bezug auf "grüne" Atomstromenergie denkt, kann einem nur Übel werden. Ja, die Energie ist sauber... sofern man überaus naiv-raffiniert über das tatsächliche Problem hinwegschaut. Die Risiken und vor allem die Zukunftslasten mit dem weltweit völlig ungelösten Problem Strahlenmaterial -Endlagerung sind gigantisch, supergefährlich und vor allem aber krass verantwortungslos! Doch das interessiert keinen... Hier greift eben NICHT die ÖKOLOGIE DER ANGST. Man hat zu wenig davon. Man bekommt sie mit "grünen Pseudoargumenten" dreist ausgeredet. Es wird auf Teufel komm raus verharmlost - als hätte es Fukushima und Tschernobyl nie gegeben.

 

Angst ist ein schlechter Ratgeber!

Ich verachte dieses Sprichwort ob seiner völlig undifferenzierten Aussage!

 

Weil: Angst kann durchaus lebensrettend sein, sie kann bewahrend sein und ist zunächst ein völlig natürliches Gefühl für jedes Lebewesen, das verletzlich und sterblich ist.

 

Angst gehört zum Leben. Aber! Welche Art von Angst!?...

 

Die Ängste, die Menschen befallen, haben durchaus sehr verschiedene Qualitäten. Angst kann genauso heilsam und rettend sein, wie sie zerstörerisch sein kann. Sie kann lähmen und sie kann ebenso gut alternative Handlungsoptionen generieren. Sie kann einer zwanghaft psychopathischen ängstlichen Natur entspringen oder sie kann ein Akt klugen Nachdenkens in Ruhe sein, wo eine Lage wirklichkeitsgemäß und realistisch eingeschätzt wird. Angst kann zu krankhaften Fantasien führen und zu intelligenten Problemlösungen, wenn es sich nur um "die richtige Angst" handelt... So wie sie die Schildkröten vor ihren natürlichen Mitbewohnern, den Haien, haben und sie sich so verhalten, dass beide Populationen seit Millionen von Jahren bereits überlebten... Bei beidseitiger Anwesenheit im gleichen Terrain.

 

Es gäbe noch viel zu sagen, was die Qualifizierung von Angst angeht. Doch das braucht einen größeren Rahmen.

Halten wir einfach fest, dass es eine Ökologie der Angst gibt, die die Tiere offenbar "vernünftiger" beherrschen (ganz ohne Denkorgan) als wir Menschen, die durchaus ein solches zur Verfügung haben - es aber nicht ausreichend nutzen.

 

Angesichts dieser Bilanz steht der Mensch mit seiner Un-Vernunft ziemlich blamabel vor den Tieren, die lediglich auf ihre Instinkte reagieren und damit alles richtiger machen als die sogenannte "Krone" der Schöpfung, die sich besser mal ein Narrenkäppchen aufsetzen sollte.

 

Christa Schyboll

 

 

Wortmehl

 

 

Auf dem blank gescheuerten Boden ungenutzter Sprache

stehen säckeweise Worte herum, die niemand will.

 

Abfall der Sprachlosigkeit.

In fest verschnürten Säcken.

Sondermüll des Ungesagten.

 

Von unten beginnen die Mäuse den Lochfraß.

Sie riechen vermoderndes Wortmehl und lassen es rieseln.

Wort für Wort.

 

Die unerhörten Worte rufen sich leise noch einmal beim Namen, bevor sie vergehen: radotier mich… Dachtel, du …. Schurrmurr … raunt es verhalten aus Ecken.

 

Dann sind sie gefressen.

 

 

 

 

 

 

 

Eine schwierige Liaison

 

Es ist kompliziert. Wir mögen uns nicht. Dennoch haben wir uns als Besitztum und Besitzer gegenseitig noch immer nicht ausgetauscht. Durch Verkauf zum Beispiel. Durch Neuersatz. Denn das löst uns Problem nicht wirklich. Doch auch wenn wir uns nicht sonderlich mögen, bleiben wir uns in einer gewissen Treue verbunden. Da sind wir beide altmodisch.

 

Es versteckt sich vor mir. Ständig. Es ist fast nie da, wenn ich es spontan brauche. Mein Handy. Oder sollte ich es besser Mobil nennen, weil jede Form von zärtlicher Anbandelung zwischen uns unterblieb.

 

Andere Menschen haben ihr Handy immerzu griffbereit. Ich muss erst aufwendig auf die Suche gehen. So scheucht es mich treppauf, treppab, treppauf, um niemals da zu liegen, wo ich es vermute. Schlimmer noch. Manchmal liegt es genau da, wo ich es vermute, aber es zeigt sich nicht. Dann renne ich wieder die Treppen rauf oder runter, um es dann anschließend dort zu finden, wo es schon vorher lag… aber sich unsichtbar machte. Das ist doch kein Zufall. Das kann doch nicht nur an meinen Augen liegen. So macht es mich auch noch atemlos. Mich, die ich eh nur schwer Luft kriege, wenn ich mehrfach die Treppen hoch und runter jage, weil ich es in diesen Augenblicken nun tatsächlich einmal brauche. Und zwar dalli! Es mag mich halt nicht. Ich sagte es bereits.

 

Warum? Vermutlich impfe ich ihm ungewollt Minderwertigkeitskomplexe ein. Also Komplexe im Verhältnis zu seiner restlichen Spezies. Jener modernen Apparatur, die ihren Menschen ganz schön im Griff hat. Jeder hat seinen eigenen. Mich jedoch hat es nicht im Griff. Darüber ärgert es sich maßlos. Ich gönne ihm nicht einmal einen dauerhaften Vertrag. Es ist nur ein Prepaid-Handy und wird nur selten mit 5 oder 10 Euro aufgeladen. Ich finde das gut. Denn es ist preiswert, schön überschaubar.

 

Allein schon dieser Umstand der spärlichen Aufladung mit Knete könnte schon als Hinweis auf sein ständiges Beleidigtsein gedeutet werden. Damit untergrabe ich seine Wichtigkeit in meinem Leben. Seine wenigen Vorteile, die es für mich persönlich bietet, schätze ich dennoch hoch. Das zeige ich ihm auch, indem ich diese Vorteile ja hin und wieder nutze. Es sind genau zwei Funktionen, von… wieviel Tausenden, die es kann? Ich weiß nicht, was es alles kann. Kochen jedenfalls kann es leider noch nicht. Oder putzen. Und all das wunderbare, das es kann, brauche ich nicht. Leider. Tut mir leid. Aber genau das vergiftet unser Innenklima.

 

Ich liebe seine Kamera-Funktion und ich liebe es, dass es mit Whatsapp umgehen kann. Mehr braucht es nicht zu können. Das mit der Kamera spart mir viel Zeit beim kreativen Arbeiten. Und Zeit ist ein unbezahlbarer Faktor in meinem Leben. Dafür streichele ich es gern. Wenn ich es denn mal in die Hände nehmen, dieses Handy… dieses unhandlich große, sich ständig versteckende Händehandy.

 

Der nächste Zeitvorteil: Whatsapp. "Denk an die Orangen." Plus Smiley. Sicherheitshalber Kuss-Smiley. Immerhin will ich etwas von irgendwem. Und der oder die Beauftragte will schließlich geliebt werden. Dem Erfinder des Smileys sein mein höchster Dank hiermit ausgedrückt. Diese Smiley-Funktion, die vermutlich tausend gefühlte Icons birgt, benutze ich mit den immer gleichen drei bis vier verschiedenen Versionen.  Weinen, Küssen, Grüßen, Winken… So ungefähr. Das reicht. Das reicht auch für das weitere Beleidigtsein. Denn schon wieder nutze ich zu wenig von den reichhaltigen Möglichkeiten. Stelle mich unkreativ, stur, beratungsresistent. Warum kein Teufelchen oder ein Reh oder ein paar Schuhe? Es gibt doch alles. Doch wartet! Eines habe ich oben vergessen zu erwähnen: die gezündete Bombe. In der Tat, die benutze ich sogar oft, sofern man in meinem Gebrauchsverhalten überhaupt von "oft" sprechen darf. Doch fürchte ich, dass die Bombenbegrüßten meine Smiley-Verwendung gar nicht wirklich begreifen. Denn noch niemals bekam ich dafür ein Lachersmiley zurück, das mir signalisiert hätte: witzig. Du.

 

Menschen und Smileys und Handys. Was ist da nur für eine neue genetisch-technisch-kreative Kombination einer Spezies, die sich immer seltsamer verhält. Oder bin ich es am Ende, die Miss Merkwürden ist … und merke es nur noch nicht? Alles scheint möglich.

 

Ich verstehe mein Handy gut, wenn es sich in meinem Besitz hoffnungslos unterfordert fühlt. Sicher jibbert es nach einem Benutzer, der es ständig an sein Ohr hält, der es ständig betatscht und betastet und sich gebärdet, als hätte er seine Geliebte in den Armen. Oder es platziert es fast schon intim nah an seiner Gesäßtasche oder am Herzen. Wo halt gerade Platz ist für das Ding, dieses Dingelchen, das so viel kann… nur eines nicht, mich zu verführen es zu lieben.

 

Es fühlt sich unterfordert. Ich schrieb es schon. Ich kenne das Gefühl sehr gut. Ich war auch einmal in seiner Situation. Ich hatte mal einen Chef, der mich ständig unterforderte. Das wurde so schlimm, dass ich an meiner Nutzlosigkeit erkrankte. Das wiederum nahm er sensibel zum Anlass, mich nun erst recht und absichtlich noch mehr zu unterfordern, weil ich ja krank war. Kranke darf man niemals überfordern. Ich war so klein, mickrig, mies in dieser Unterforderung, so würdelos, entrechtet, entmenschlicht, dass ich mich trennen musste.

 

So, denke ich, fühlt sich mein Handy. Es würde sich am liebsten von mir trennen. Nur hat es keine Beine. Dafür aber eine Tarnkappe für meine Augen, wenn es unsichtbar sein will. Und dabei läuft diese komplizierte Sache zwischen uns beiden doch ganz anders ab. Nur will es das nicht begreifen. Und wenn ich es ihm erkläre, schaltet es sich aus. Aber es ist ja eh meistens aus. Oder weg. Oder versteckt. Oder sonst wo. Jedenfalls schwer erreichbar.

 

Und die anderen? Die normalen Menschen in der Welt? Die, die in der Mehrzahl sind, also doch Recht haben müssen mit ihrem so völlig anderen Verhalten, weil sie die Mehrheit stellen?

 

Merkwürdig, kann ich nur sagen, alles sehr merkwürdig. Es ist längst zu einem neuen Körperteil geworden.  Einer Verlängerung des Ich oder des Selbst oder der Vernunft oder der Unvernunft, Seele, Geist, Überlebensmotor oder was weiß denn ich! Jedenfalls ein Anhängsel mit starkem Suchtpotenzial.

 

Das Ohr der Welt klebt daran. Die Augen der Menschheit sind fest darauf gebannt. Der Mund spricht immerfort. Die Finger tippen wie wild. Nur die Nase ist derzeit noch außen vor. Aber das wird schon noch. Da bin ich mir sicher. Der verlängerte Mensch im Apparat.

Verliebt, verheiratet, getrennt, geschieden. Das kommt bei mir und meinem Handy nicht vor. Es sei denn, die Technik zwingt uns irgendwann einmal dazu, weil es für mein Handy keine Batterien mehr gibt. Ähmm… Batterien? Sorry. Es wird ja aufgeladen. Aber vielleicht braucht es irgendwann einmal einen ganz andere Art von Strom, den es dann nicht mehr gibt? Vermutlich sterbe ich aber vorher. Dann hat unsere Verbindung ein natürliches Ende.

 

Verliebt war ich ja niemals in dieses Ding. Eher skeptisch, zweifelnd, experimentierend. Das aber auch wieder nur halbherzig. Eine nüchterne Annäherung, aus reinem Kalkül, was es mir bringt. Zeit. Ja, das bringt es. Aber nur dann, wenn ich es so extrem wenig benutze, dass die eingesparte Zeit am Ende nicht wieder durch Dauergebrauch konterkariert wird. Und das wird sie bei den meisten Menschen, wie ich messerscharf beobachte.

 

Gibt es schon eine Statistik, die Auskunft darüber gibt, wie oft am Tag der menschliche Normalo darauf starrt? Und wenn ja, wieso sind die Dinger nicht längst verboten? Was kosten sie an geistigen Ressourcen, die für anderes nicht mehr zur Verfügung stehen? Wieso schreitet hier nicht längst der Drogenbeauftragte der Bundesregierung ein? Es geht um einen schwerwiegenden Fall!

 

Was mich am meisten stört? Die Störung! Also die, die ich hätte, würde ich es auf völlig normale  Art benutzen. Ich wäre im Hamsterkäfig eines schrecklichen Info-Infernos gefangen. Ständig irgendwelche lapidaren Kurznachrichten. Ohne jede Lyrik. Ohne innere Musik, ohne jenen Seelenanteil, der mir Wort oder Sprache zum Erlebnis echter Begegnung macht. Kurznachrichten. Die aber lang, dauernd, ständig, von überall her und das so banal, dass man am Staunen darüber schon erkranken könnte.

 

Ich hasse Störungen. Grundsätzlich. Mir soll auch keiner ohne Terminabsprache unter die Augen kommen. Vor allem aber verabscheue ich Störungen, die mir keinen Genuss bringen. So wie das Handy.

 

Es bringt mir nicht nur keinen, sieht man hin und wieder von einigen wenigen Hin- und Her-Schick-Bildern und selten notwendigen Whatsapps ab, sondern zwingt mich umgekehrt, auch noch ständig zu antworten, damit ich kein schlechtes Gewissen bekomme… denn Höflichkeit ist mir immer noch wichtig.

 

Also zeige ich mich uneinsichtig. Mit mir macht das Ding jedenfalls nicht den Molli. Schalte es oft tagelang nicht ein, falls ich es doch mal wiederfinde,  oder schaue nicht rauf, tippe nicht drauf herum. Und wenn ich dann mal doch irgendwem antworten will: dann ist es leer.

 

Das ist Absicht. Das nennt man Rache am Menschen. Das habe ich wohl auch nicht anders verdient.

 

Oder?

 

Unsere Liaison ist kompliziert und wird es wohl auch bleiben. Wir bleiben trotzdem zusammen. Immerhin hat es schon fünf oder sechs oder was weiß denn ich an Generationen überlebt. Es kommt mir immer noch hypermodern vor. Kein Wunder, wenn man nur zwei Funktionen nutzt und sich damit schon gestört und überfordert fühlt.

 

Text (c) Christa Schyboll

 

 

 

 

 

 

 

Fragmente des Geistes

oder

Die völlig normale Absurdität

 

Was tut der Geist, wenn wir ihn nicht mit einer bestimmten Aufgabe betrauen? – Er schweift!

 

Er torkelt, ruckelt, zuckelt. Mal hier hin, mal dort hin, hält inne, döst weg, langweilt sich an der Stille.

 

Planen wir, rechnen wir, formulieren Texte, ja selbst wenn wir spielen, gebärdet er sich halbwegs gesund.

Er funktioniert auf eben jenem Level, den wir uns – oder ihm – schon abgerungen haben.

Er arbeitet dabei so tief oder flach, gründlich oder dilettantisch, wie wir es im Zusammenwirken mit ihm schon individuell halt vermögen.

 

Doch was tut dieses Ding in uns, das keines ist, oder eines ohne jegliche Konsistenz für unsere haptischen Sinne, wenn wir es nicht beanspruchen?

 

Es erkundet die Absurdität des Seins.

 Es schaut nach dem Unnützen, dem Sinnlosen in unserer Wirklichkeit. Es achtet auf Zustände, die sind wie sie sind.

Es erschaut buntwilde kaleidoskopische Muster

hinter verschlossenen Augen,

lässt Pelziges durch die Luft kriechen,

die es für Momente zu tragen vermag.

 

 Die Schwerkraft ist lächerlich in dieser Form der Wirklichkeit.

 

Dann wieder zwickt es im Fuß.

Ein Krampf. Erleben wir den Schmerz doch mal eben durch und wehren uns nicht. Einatmen in den Fuß und dabei denken an das verklebte Tesaband. Kurzerhand in die Ecke gepfeffert. 

Und der Bleistift muss gleich dringend gespitzt werden.

 

Hunger, aber keinen Appetit. Die Haarsträhne im Gesicht stört beim Lesen. Unüberhörbar die tonlose Stille im Raum. Ein Hintergrundrauschen im Ohr ohne Klang. Vielleicht stimmt tatsächlich etwas nicht mit meinen Ohren. Aber hat Lindner nicht gestern was von Aktienrente geschwafelt. Oh, Gott, wir werden verarmen. Die Börsenzocker reiben sich die Hände. Wie lange habe ich eigentlich den Kopfhörer nicht mehr aufgesetzt und wo kommt diese kleine Wunde am Daumen nur her?

Schön weich, dieses Frotteelaken in blau, und wie unpassend zur roten Bettgarnitur… aber schön weich…

 

Machen Sie ein Experiment!

 

Beobachten Sie ihr eigenes Schweifen in die Welt der Absurdität, die zugleich unser aller Normalität ist. 

 

Wie oft gestatten Sie sich dies – ohne sich je selbst dazu bewusst autorisiert zu haben?

 

Während ihrer beschlossenen Beobachtung wird jedoch ein Zensor zugegen sein und beobachten, was sie da beobachten.

Lassen Sie sich nicht von ihm stören.

 

Schweifen Sie!

 

Unnütz dieses Schweifen?

 

Das ist noch lange nicht ausgemacht.

Vielleicht ist es in seiner scheinbaren Sinnlosigkeit am Ende überlebenswichtig.

 

Vielleicht ist es jene Art notwendiger Regeneration,

die uns in der digitalen Welt voller technischem Anspruch

jene letzte Freiheit bietet,

die wir nur deshalb noch nutzen,

weil wir sie nicht wirklich beachten!

 

Gehört das Achtlose unseres Seins

zur Notwendigkeit unseresÜberlebens?

 

 

 

 

 

Gedanken tauchen auf und ab

Wie Schwebeteile im offenen Ozean des Geistes

 

Manche Luftgefüllt, himmelwärts strebend

Andere schwer wie Blei

 

Die einen verdecken das Sonnenlicht des Erkennens

Die anderen senken sich in die Tiefe des Seins

 

Ich selbst bin dieser Ozean

Der sich selbst umtost

Wellenberge auftürmt, schäumt

Und mit seinen gedanklichen Schwebeteilchen

Himmel und Erde in sich

In immer wieder neuer Weise verbindet

 

 

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(c) Christa Schyboll, 2017