Das große Erwachen

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Das große Erwachen an dem was bereits ist, hätte schon vor vielen Jahren stattfinden können. Denn seit fast zwei Jahrzehnten sind die Warnungen der Wissenschaftler in Bezug auf das Klima bekannt – aber weder ernst genug genommen  und noch weniger tatkräftig  genug umgesetzt worden.

 

Die finanziellen Bedenken kurzfristiger Art, die merkantilen Vorteile, der schnelle Gewinn, das immer Mehr und Mehr des Wohlstandes standen über allem. Jetzt kommt die große Abrechnung. Mal hier, mal da. Derzeit vor allem aber im desaströs vernichteten Ahrtal – einer geradezu lieblichen Zone des fröhlichen Miteinanders, schmuck herausgeputzt, arbeitsfreudig und lebensbejahend.

 

Es hätte andere Regionen genauso treffen können, hätte sich das „stehende Wetter“ oder die Trägheit des Jetstreams nur in Nuancen anders verhalten. Diese Begriffe werden uns meteorologischen Laien täglich neu erklärt und wir wissen mittlerweile damit umzugehen. Die Frage ist nur: Wie ernst nehmen wir denn unser Wissen? Wie sehr transportieren wir die möglichen Folgen dieses Wissens in die Wirklichkeit des Alltags. Wann stumpfen wir wieder ab, wenn demnächst  (wann?) neue Sirenenanlagen immer wieder neu ertönen und dann am Ende  „doch nichts oder  zu wenig passiert“? Wie steht es denn um unsere nachhaltige Wachsamkeit, unseren Fokus auf die Gefahren – aber auch unserer Kraft auf Zuversicht und Hoffnung trotz der Gefahren. Für viele Menschen ist das eine schwierige Gemengelage.

 

Was es braucht, ist eine völlige politische Neuorientierung, die sich nicht wieder nur im Konjunktiv erschöpft, sich nicht bei vollmundigen Ankündigungen allein aufhält, dessen Umsetzung dann doch wieder bürokratische Jahrzehnte braucht. Wie sehr wir mit vielem hinterherhinken, zeigen massenhaft internationale Vergleiche auf fast allen Gebieten.  Sind wir ein Volk von Hinterherhinkern geworden, von teils stümperhaften Bürokraten und ihren Vorschriftenkatalogen ausgebremst, die vor lauter Regelungswut nicht einmal  mehr Großbauprojekte in abgemessener Zeit verwirklichen können? Müssen wir uns mittlerweile selbst von Schwellenländern immer wieder neu vormachen lassen, wie schnell und einfach und trotzdem gut es doch werden könnte, wenn wir uns nicht selbst immer wieder ein Bein stellen? Deutschland war schon mal sooo weit mit allem und fällt nun immer mehr und mehr zurück.

 

Es gibt viel aufzuarbeiten, viel zu beachten. Wichtig dabei ist auch die frühe schulische Aufklärung der Kinder, die gleich mit kritischem und hellwachem Bewusstsein lernen, dass wir hier nicht auf einem Planeten von Fun und konsumorientierten Schwelgereien leben, sondern auf einem empfindlichen Organismus, den wir schon bis über jede gesunde Grenze hinaus belastet  – und der sich nun nach allen Seiten wehrt, stöhnt und überleben will.

 

Wann endlich werden genug Menschen wach, um der (relativen) Tatenlosigkeit (gemessen an der Notwendigkeit) endlich Einhalt zu gebieten.  Braucht es dafür noch mehr Tote und noch drastischere Zerstörung an noch viel mehr Orten? Wachheit meint hier nicht ein theoretisches Wissen um was auch immer, sondern meint: Konkrete Taten!

 

 

 

 
Gedanken zur Flutkastastrophe
 

Ich sinne während meiner Arbeit gerade darüber nach, wie viele Menschen sich (vielleicht sogar erstmals im Leben!?) bis weit über die normale Erschöpfungsgrenze totmüde bis zum Umfallen strapazieren - und bei all diesem Leid und der Not so eine unglaublich wichtige Erfahrung an und auch mit sich selbst machen.

Jeder von ihnen weiß, dass er angesichts der Dimension, die ihnen nun tagtäglich brutal vors Auge geführt wird, nur sehr bedingt das Leid mindern kann. Er weiß aber auch, dass ohne ihn alles viel, viel schlimmer wäre. Insofern wird sich jeder Helfer (auch großzügige Spender und co. nicht zu vergessen) zurecht als werterfüllt erleben.

Gerade in unserer oft sinnentleerten Zeitepoche voller Desorientierung und ganz neuen Gefahren kommt nun die Chance einer Sinnstiftung für jeden und alle an jene Mitmenschen, die nicht nur alles verloren haben, sondern auch noch lange Zeit in der vollständig zerstörten Infrastruktur parat kommen müssen. Warmes Wasser? Ein Luxusgedanke auf Wochen und Monate...

Die Leistung der Helfer ist noch umso bemerkenswerter, als sie ja nicht nur über ihre körperlichen Grenzen hinausgehen, sondern zudem auch psychisch teils sehr stark belastet werden. Das ist nichts für schwache Nerven. Auch die Risiken von Unfällen, Gefahren und hygienischen Zuständen halten sie nicht davon ab.

Chapeau! Hut ab vor jedem einzelnen dieser tollen Menschen, die humanitär und so scheinbar selbstverständlich tun, was es dringend braucht.

 

 


Christa Schyboll

 

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(c) Christa Schyboll, 2017