Beta-Wellen

 

Ich bin, weil eine Idee ihre menschliche Trägerin sucht.

Ich lebe, weil eine Geschichte am frühen Morgen durch mich geboren werden will.

Ich schreibe, um zu leben und zu sein.

Ich lasse mich finden von der Idee.

Ich locke sie an mit einem kleinen Gebet zur Nacht.

 

Alpha-Wellen

 

Die  Idee sucht mich meist in der Nacht.

Wie ein Dieb schleicht sie sich in mein schlafendes Ich.

Meine Seele verlässt meinen Körper für zeitlose Zeit.

Auf dem Flug in nächtliche Abenteuer ist sie beschützt.

 

Non-Rem-Phase

 

Nun beginnt die Idee ihr erstaunliches Werk.

Sie füllt mich an mit Geschichten und neuen Märchen.

Sie lodert mit Flammenzungen an meinem ruhenden Geist.

Sie sprengt aufblitzende Funken in meine Zellmembran.

Dort beginnt die neue Schwingung.

Ein unhörbarer Ton, auf der meine Phantasie zu schweben beginnt. 

Und doch sehe ich noch kein Bild.

 

Tiefschlaf

 

Hier bin ich nicht, während ich bin.

Was ist, schlendert durch einen inneren Garten.

Ich selbst betrete ihn nicht.

Wachsende Fülle, die meinen Sinnen verborgen bleibt.

Mein Körper ist gelähmt.

Mein Ich ist nicht.

Ich bin ent-icht.

 

 

Rem-Phase

 

Dann gleite ich in die erste Phase des Traums.

Wild spielen die Wesen der Nacht.

In meinen Gedankenwelten  zaubern sie neue Universen.

Bin ich der Traum eines höheren Wesens?

Oder träume ich gerade die Spiegelwelt einer Dunkelheit?

Eine, die sich nach dem Licht meines Erkennens sehnt?

 

Mein Traummeister steht mir zur Seite.

Er tupft mir Verwirrung aus meiner perlenden Stirn.

Sternäugige Blicke werfe ich in  raumlose Räume.

In der Welt der Ideen platzt es und zischt es. Es brodelt und wallt.

Es zerkracht und zerknallt.  Explodiert vor Freude und Fülle.

Es sät seinen Samen mit Herzblut und Lust in meinen träumenden Geist.

 

Unerreichbar weit bin ich mit selbst in dieser Zeit.

Und unerklärlich nah fühl ich die Lust, die mir Ideengötter schenken.

 

 

Alpha-Wellen

 

Das Tagwerk beginnt.

Noch liege ich im Halbschlaf. Ich bin warm und weich gebettet.

Ich koste von der Beute der Nacht.

Imaginäre Finger führen bereits den Stift.

Reiche Ernte bringe ich mit  aus der Welt der flügellosen Flügel.

Mein Körper ist bewegungslos.

Mein Geist ist hochaktiv.

 

 

Beta-Wellen

 

Ich recke mich, strecke mich.

Ich  schalte den Computer ein.

Schnell, schnell… sonst sind sie weg. Die Ideen.

Die zischenden, wallenden, brodelnden Geschosse,

die zwischen den Synapsen wilde Tänze vollführen.

 

Zähneputzen, später.

Kaffee, später.

Sie kommen nur um diese Zeit.

Bin ich nicht pünktlich, zeigen sie mir die rote Karte.

Für mindestens 24 Stunden.

Sie haben ihre eigene Zeitqualität.

 

Ich bin verabredet.

Morgen für Morgen.

Abend für Abend.

Nacht für Nacht.

Mit meinen Ideen aus dem tiefen Schlaf.

Ich erwarte sie.

Ich begrüße sie.

Ich liebe sie.

Ich danke ihnen aus tiefstem Herzen.

 

 

Ich bin, weil eine Idee ihre menschliche Trägerin sucht.

Ich lebe, weil eine Geschichte am frühen Morgen durch mich geboren werden will.

Ich schreibe, um zu leben und zu sein.

Ich lasse mich finden von der Idee.

Ich locke sie an mit einem kleinen Gebet zur Nacht.

 

 

by Christa Schyboll

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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(c) Christa Schyboll, 2017