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18. Juli 2026
Leihmutterschaft – Zwischen Sehnsucht und Verantwortung
Ein Essay über einen menschlichen Wunsch und die Grenzen des Machbaren
Die Nachricht, dass Jens Spahn und sein Ehemann mithilfe einer Leihmutter Eltern geworden sind, hat eine heftige öffentliche Debatte ausgelöst. Nicht ohne Grund. Denn kaum ein Thema berührt so viele ethische Fragen gleichzeitig: Selbstbestimmung und Menschenwürde, Kinderwunsch und Verantwortung, Freiheit und Kommerz.
Die Konsequenzen sind gezogen. Spahn ist zurückgetreten – und für viele Menschen ist damit das Problem schon wieder erledigt? – Nein, ist es nicht. Denn es braucht eine Haltung zu den Dingen, die nicht durch Rücktritte usw. erlangt werden können. Es braucht die Hinterfragung komplexer Zusammenhänge.
Wie so oft in unserer Zeit scheint die Versuchung groß, sich möglichst schnell einer Seite anzuschließen. Die einen feiern die Entscheidung als Ausdruck persönlicher Freiheit und moderner Familienmodelle. Die anderen verurteilen sie als moralischen Tabubruch und als weiteren Schritt zur Kommerzialisierung menschlichen Lebens. Vielleicht liegt die Wahrheit – oder zumindest ein Teil von ihr – gerade dort, wo beide Seiten gleichzeitig Recht haben?
Ein unerfüllter Kinderwunsch gehört zweifellos zu den tiefsten menschlichen Sehnsüchten. Wer selbst nie davon betroffen war, unterschätzt leicht den Schmerz, den viele Betroffene über Jahre oder Jahrzehnte empfinden. Dieser Wunsch verdient Mitgefühl und Respekt – unabhängig davon, ob es sich um heterosexuelle oder homosexuelle Paare handelt.
Doch Mitgefühl allein beantwortet noch keine ethischen Fragen.
Denn bei der Leihmutterschaft geht es nicht nur um den Wunsch Erwachsener, sondern ebenso um die Rechte eines Kindes und um die Rolle der Frau, die dieses Kind austrägt.
Hier beginnt das eigentliche Dilemma.
Eine Schwangerschaft ist keine gewöhnliche Dienstleistung. Sie ist weit mehr als ein biologischer Vorgang. Während dieser Monate entsteht eine intensive Verbindung zwischen Mutter und ungeborenem Kind – geprägt durch Hormone, Stoffwechsel, Herzschlag, Stress, Stimme und unzählige biologische Wechselwirkungen. Die Vorstellung, Schwangerschaft könne wie jede andere Dienstleistung vertraglich geregelt werden, empfinden deshalb viele Menschen intuitiv als Grenzüberschreitung.
Hinzu kommt die Frage nach der Freiheit.
Befürworter verweisen zu Recht darauf, dass eine erwachsene Frau selbst entscheiden können sollte, was sie mit ihrem Körper tut. Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Doch wie frei ist eine Entscheidung, wenn sie unter erheblichem wirtschaftlichem Druck getroffen wird? Wenn Armut, Schulden oder Perspektivlosigkeit die eigentlichen Triebfedern sind, verschwimmt die Grenze zwischen freiwilliger Hilfe und wirtschaftlicher Not. Was juristisch freiwillig erscheint, muss deshalb nicht automatisch moralisch frei sein.
Ebenso wenig darf das Kind aus dem Blick geraten.
Erstaunlich oft dreht sich die öffentliche Debatte ausschließlich um die Wünsche der Erwachsenen. Das Kind selbst hat jedoch keine Stimme. Dabei könnte man fragen: Hat ein Mensch nicht auch ein Recht darauf, seine eigene Entstehungsgeschichte zu kennen? Zu wissen, wer ihn genetisch geprägt hat und wer ihn ausgetragen hat? Moderne Forschung zeigt zwar, dass Kinder aus Leihmutterschaften sich häufig ebenso gut entwickeln wie andere Kinder – vorausgesetzt, sie wachsen in stabilen und liebevollen Familien auf. Dennoch bleibt Herkunft für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität.
Vielleicht liegt gerade hier der entscheidende Unterschied zwischen biologischer und moralischer Bewertung. Nicht jede technisch mögliche Lösung beantwortet automatisch alle menschlichen Fragen.
Auch deshalb erscheint vielen Menschen die kommerzielle Leihmutterschaft besonders problematisch. Sobald Schwangerschaft Teil eines Marktes wird, entsteht unweigerlich der Eindruck, dass menschliches Leben zumindest teilweise Gegenstand wirtschaftlicher Verträge geworden ist. Selbst wenn alle Beteiligten in guter Absicht handeln, bleibt das Unbehagen bestehen, dass hier etwas vermarktet wird, das bislang bewusst außerhalb wirtschaftlicher Logik stand. Das Kind als bestellte Ware?
Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, alle Menschen zu verurteilen, die diesen Weg wählen. Hinter ihrer Entscheidung steht meist kein Egoismus, sondern eine tiefe Sehnsucht nach Familie, Liebe und Verantwortung für ein Kind.
Vielleicht zeigt gerade dieser Fall noch etwas anderes.
Eine Reihe von Menschen empfinden Jens Spahn als machtbewussten und polarisierenden Politiker. Wer seinen politischen Stil kritisch sieht, muss deshalb nicht automatisch seinen Kinderwunsch verurteilen. Umgekehrt darf Verständnis für seinen persönlichen Wunsch nicht bedeuten, auf jede ethische Kritik zu verzichten.
Gerade darin liegt vielleicht eine der wichtigsten Lektionen dieser Debatte: Wir sollten lernen, Menschen und ihre Entscheidungen voneinander zu unterscheiden. Man kann einen Menschen verstehen und dennoch seine Entscheidung kritisch hinterfragen. Man kann Mitgefühl empfinden und dennoch moralische Grenzen diskutieren.
Und vielleicht beginnt ethische Reife genau dort, wo wir der Gegenstimme in uns selbst zuhören.
Unsere Zeit hat die Sprache der Rechte stark entwickelt. Das ist ein großer Fortschritt. Vielleicht brauchen wir daneben aber auch wieder stärker die Sprache der Verantwortung und der Grenzen. Nicht jeder menschlich verständliche Wunsch begründet automatisch einen moralischen Anspruch auf jede technisch mögliche Erfüllung.
Die schwierigsten Fragen unserer Zeit lassen sich nicht mit einfachen Antworten lösen.
Vielleicht besteht ihre eigentliche Aufgabe darin, uns vorschnelle Gewissheiten zu nehmen. Denn manchmal ist die Fähigkeit, einen inneren Widerspruch auszuhalten, keine Schwäche, sondern Ausdruck moralischer Redlichkeit.
Wer beide Seiten ehrlich prüft, findet selten schnelle Ruhe, aber oft tiefere Einsicht.
Christa Schyboll
17. Juli 2026
Die Logik hinter dem Chaos
Teil 3
Mentale Klimaanpassung – Die Schule der Zukunft
Unsere Gesellschaft investiert Milliarden in Hochwasserschutz, Infrastruktur und Sicherheit. Gleichzeitig fließen weltweit Billionen in militärische Aufrüstung.
Doch wie viel investieren wir eigentlich in den Schutz unseres wichtigsten Werkzeugs – unseres Denkens?
Die seelischen und kognitiven Belastungen unserer Zeit wachsen rasant. Informationsflut, Dauererregung, Polarisierung und digitale Beschleunigung fordern unser Gehirn täglich heraus. Mentale Stabilität ist deshalb längst kein Luxus mehr. Sie wird zu einer Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts.
Wenn wir die Ursachen gesellschaftlicher Eskalationen langfristig entschärfen wollen, brauchen wir neben Lesen, Schreiben und Rechnen zwei weitere Grundkompetenzen.
Ich nenne sie: Die Alphabetisierung des Empfindens
Kinder und Erwachsene sollten lernen, ihre Gefühle präzise wahrzunehmen.
Nicht: „Ich bin wütend." Sondern: „Ich spüre Angst."
Oder: „Ich fühle mich übergangen."
Oder: „Ich habe Angst, Kontrolle zu verlieren."
Gefühle unterscheiden zu können, ist eine Form geistiger Präzision.
Systemisches Denken
Ebenso sollten wir lernen, Menschen nicht isoliert zu betrachten. Kaum jemand handelt im luftleeren Raum. Verhalten entsteht fast immer im Zusammenspiel persönlicher Erfahrungen, sozialer Beziehungen, biologischer Voraussetzungen und aktueller Lebensumstände.
Das entschuldigt destruktives Verhalten nicht. Es macht es erklärbarer – und oft auch veränderbarer.
Wer diese beiden Fähigkeiten entwickelt, verliert nicht seine Urteilskraft, sondern gewinnt Handlungsspielraum. Er reagiert nicht mehr reflexhaft auf jeden Trigger. Er wird schwerer manipulierbar.
Und genau das könnte eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen überhaupt sein.
Fazit
Für mich zeigt sich die Reife eines Menschen vielleicht nicht darin, dass er das Chaos beseitigt, sondern darin, dass er lernt, dessen verborgene Ordnung zu erkennen.
Je komplexer unsere Welt wird, desto weniger hilft uns einfache Empörung. Was wir brauchen, sind Klarheit, Differenzierungsfähigkeit und die Bereitschaft, hinter Symptome zu schauen.
Denn möglicherweise ist das größte Problem unserer Zeit nicht das Chaos selbst, sondern unsere Ungeduld, es vorschnell erklären zu wollen.
Und vielleicht beginnt geistige Gesundheit genau dort, wo wir den Mut finden, Komplexität auszuhalten, ohne dabei unsere Menschlichkeit zu verlieren.
Christa Schyboll
16. Juli 2026
Die Logik hinter dem Chaos
Teil 2
Die Spirale der Erkenntnis – Der Weg durch das Dickicht
Seit vielen Jahren beschäftigt mich eine Beobachtung: Menschliche Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie ähnelt eher einer Spirale. Wir bewegen uns vom scheinbar Einfachen in eine immer größere Komplexität. Dort verlieren wir zunächst die Orientierung. Erst wenn wir lernen, die verborgenen Zusammenhänge zu erkennen, entsteht auf einer höheren Ebene wieder Einfachheit – nicht als Rückschritt, sondern als gewonnene Klarheit.
Wer in unserer Zeit geistig gesund bleiben möchte, muss diesen Entwicklungsweg bewusst gehen.
1. Das naive Einfache
Dies ist die Welt der Gewissheiten. Gut gegen Böse. Schwarz gegen Weiß. Freund gegen Feind.
Diese Einfachheit vermittelt Sicherheit. Ihr Preis besteht jedoch darin, dass sie die Wirklichkeit stark vereinfacht. Deshalb zerbricht sie oft beim ersten ernsthaften Kontakt mit der Komplexität des Lebens.
2. Das Komplexe
Wer genauer hinsieht, entdeckt Geschichte, Psychologie, biologische Prägungen, ökonomische Interessen und kulturelle Einflüsse. Plötzlich hängt alles mit allem zusammen.
Diese Erkenntnis erweitert den Horizont – kann aber auch überfordern.
Viele Menschen bleiben an dieser Stelle stecken. Sie werden zynisch, resigniert oder verlieren das Vertrauen in die Vernunft des Menschen. Andere flüchten sich erneut in ideologische Gewissheiten, weil Komplexität anstrengend ist.
3. Das reife Einfache
Diese Stufe entsteht erst, nachdem man die Komplexität nicht verdrängt, sondern durchdrungen hat. Die Welt wird dadurch nicht einfacher. Aber unser Blick wird klarer.
Wir erkennen Muster statt bloßer Einzelereignisse. Wir sehen Ursachen hinter Symptomen. Wir lassen uns nicht mehr von jeder Schlagzeile oder jedem emotionalen Trigger aus der Ruhe bringen.
Es ist nicht die Einfachheit des Unwissenden. Es ist die Gelassenheit des Verstehenden.
Weisheit besteht vielleicht nicht darin, auf alles eine Antwort zu besitzen, sondern darin, die richtigen Fragen stellen zu lernen.
Teil 3 folgt…
14.Juli 2026
Die Logik hinter dem Chaos
Warum die Welt nicht verrückt ist
und wie wir im Zeitalter der Komplexität unsere geistige Gesundheit bewahren.
Teil 1
Die Panne in der Matrix – Wenn das Chaos System hat
Seit einigen Tagen mache ich mir Gedanken über das Chaos in der Welt. Manches davon ist leicht zu erklären, wenn man die Folgerichtigkeit der Vorgänge leicht nachvollziehen kann. Anderes scheint unergründlich, was vermutlich ein Trugschluss ist. Denn Chaos – und dieser Gedanke wurde gewiss schon oft geäußert – ist nun einmal die noch nicht verstandene Ordnung.
Doch was hilft diese Erkenntnis, wenn es beim Unverständnis bleibt? Es vergrößert sich, es verwirrt mehr denn je. Aber das muss es nicht. Man kann sich annähern und ich versuche es mit meinem Text:
Wer heute Nachrichten verfolgt oder das alltägliche Miteinander aufmerksam beobachtet, gewinnt leicht den Eindruck, die Welt sei aus den Fugen geraten. Unversöhnliche gesellschaftliche Lager, eskalierende Konflikte in Familien, Politik und sozialen Medien sowie eine Gereiztheit, die sich an Kleinigkeiten entzündet – all das wirkt wie pures, unberechenbares Chaos.
Doch vielleicht täuscht dieser Eindruck.
Was wir im Alltag als „Chaos“ oder gar „Wahnsinn“ bezeichnen, ist häufig keine echte Regellosigkeit. Oft begegnen wir vielmehr einer Komplexität, die unsere momentane Fähigkeit zur Verarbeitung übersteigt. Das gilt im Privaten ebenso wie auf gesellschaftlicher und globaler Ebene.
Hinter vielen scheinbar irrationalen Verhaltensweisen erkenne ich eine erstaunliche Folgerichtigkeit – eine Art Psycho-Logik.
Da ist zunächst die Logik des Unbewussten.
Wenn ein Paar wegen einer nicht ausgeräumten Spülmaschine einen erbitterten Streit führt, geht es meist nicht um Teller oder Besteck. Hinter dem sichtbaren Anlass stehen oft unbewusste Grundängste. Der eine greift an, weil ihn die Angst vor dem Verlassenwerden antreibt. Der andere zieht sich zurück, weil jede Konfrontation das Gefühl auslöst, eingeengt oder kontrolliert zu werden. Beide versuchen letztlich dasselbe: ihre innere Sicherheit wiederherzustellen. Tragischerweise verstärken ihre jeweiligen Überlebensstrategien genau die Ängste des anderen.
Ähnliche Muster finden sich auf gesellschaftlicher Ebene.
Unter dauerhaftem Stress, Unsicherheit oder Kontrollverlust neigen Gesellschaften dazu, in einfachere Denkmodelle zurückzufallen. Manche Menschen klammern sich an Verschwörungsmythen oder starre Feindbilder, weil diese psychologisch leichter auszuhalten sind als eine hochkomplexe Wirklichkeit voller Unsicherheit. Einen Gegner kann man bekämpfen; diffuse Ohnmacht hingegen kaum.
Besonders problematisch wird es, wenn sich ungefähr gleich starke Lager gegenseitig denselben Vorwurf machen und sich beide als alleinige Verteidiger der Wahrheit verstehen. Dann verstärken sich Polarisierung und Sprachlosigkeit gegenseitig.
Vielleicht ist das scheinbare Chaos deshalb weniger Ausdruck einer verrückt gewordenen Welt als vielmehr ein Hinweis darauf, dass wir die zugrunde liegenden Muster noch nicht vollständig verstehen. Verstehen bedeutet dabei nicht, alles zu entschuldigen. Wer psychologische Ursachen erkennt, verliert nicht seine moralischen Maßstäbe – er gewinnt lediglich bessere Werkzeuge, um wirksam handeln zu können.
Chaos wäre dann keine Abwesenheit von Ordnung, sondern eine Ordnung, deren Sprache wir erst noch lernen müssen.
TEIL 2 folgt …
12. Juli 2026
Heißzeit.
Zieht euch warm an!
Heißzeit.
Angekündigt wurde sie seit Jahrzehnten. Nun ist sie da. Und sie wird bleiben – zumindest über viele Jahrzehnte hinweg. Vielleicht wird sie sogar noch deutlich heißer.
Zieht euch warm an, damit wir nicht bald kochen.- Ja – absurd. Doppeldeutig. Und zugleich erschreckend real.
Es brodelt inzwischen an immer mehr Stellen gleichzeitig. Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent. Wir erhalten damit einen Vorgeschmack auf das, womit viele Regionen der Erde schon seit Langem leben müssen: extreme Hitze, Wassermangel und die permanente Notwendigkeit zur Anpassung. Auch das ist eine Erkenntnis.
Wer trägt die Verantwortung?
Für die meisten ist der menschengemachte Klimawandel der entscheidende Auslöser. Andere verweisen auf natürliche Klimaschwankungen, die es in der Erdgeschichte immer gegeben hat. Wahrscheinlich greifen beide Faktoren ineinander – mit dem Unterschied, dass menschliche Einflüsse die natürliche Entwicklung erheblich verstärken können. Genau diese Kombination erzeugt jene Dynamik, die uns nicht nur körperlich, sondern zunehmend auch gesellschaftlich ins Schwitzen bringt.
Das mentale Schwitzen würden viele inzwischen gern an die Künstliche Intelligenz auslagern. Doch so einfach funktioniert das nicht. Die KI kann durchaus kluge Vorschläge liefern – vorausgesetzt, man nutzt sie kritisch und nicht als Orakel.
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo sinnvolle Lösungen enorme Summen kosten. Klimaschutz, Klimaanpassung, Infrastruktur, Energiesysteme oder Katastrophenschutz verlangen Investitionen, die sofort die Machtfrage aufwerfen.
Wer soll das bezahlen?
Am Ende sind es immer die Steuerzahler. Und das sind in erster Linie nicht jene Vermögenden, die über legale und gelegentlich auch illegale Gestaltungsmöglichkeiten verfügen, sondern vor allem die breite Mittelschicht. Genau sie gerät seit Jahren zunehmend unter Druck.
Der Dominoeffekt, vor dem Ökonomen seit Langem warnen, hat längst begonnen.
Arbeitsplätze verschwinden in rasantem Tempo. Neue entstehen zwar ebenfalls – etwa durch große Industrie- oder Werftaufträge –, doch ihre Zahl reicht vielerorts nicht aus, um den Verlust auszugleichen. Gleichzeitig wachsen die Staatsschulden weiter. Während ich diese Zeilen schreibe, erhöht sich die deutsche Staatsverschuldung statistisch um rund 1.600 Euro pro Sekunde!!!
Wir haben über Jahrzehnte hinweg über unsere Verhältnisse gelebt. Zu lange. Zu selbstverständlich. Andere Staaten stehen teilweise noch schlechter da. Vielleicht beruhigt uns genau das. Frei nach dem Motto: Wenn die anderen es auch tun, kann es so falsch nicht sein.
Wir verschieben die Rechnung einfach in die Zukunft, damit die Gegenwart angenehmer bleibt. Doch die Zukunft schreibt ihre Rechnungen selbst.
Noch immer fehlen vielerorts wirksame Maßnahmen: Moore werden zu wenige und zu langsam renaturiert, Deiche unzureichend ausgebaut, Rückhaltebecken fehlen, die Infrastruktur altert, Städte sind auf Hitzewellen schlecht vorbereitet. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.
Die Folgen werden längst sichtbar. Tausende hitzebedingte Todesfälle pro Jahr sind keine theoretische Größe mehr. Der Sommer hat oft erst begonnen, wenn die erste erschreckende Bilanz bereits feststeht.
Warum sind wir trotzdem so schlecht vorbereitet?
Die Antwort scheint bedrückend einfach.
Weil Politik selten in Jahrzehnten denkt, sondern meist bis zur nächsten Wahl.
Wer regieren will, braucht Mehrheiten. Wer Mehrheiten behalten will, vermeidet Zumutungen. Also werden lieber Geschenke verteilt als unbequeme Wahrheiten ausgesprochen. Schulden lassen sich schließlich vertagen – Wahlen nicht.
Ist also der Wähler schuld?
Dieses Urteil wäre ebenso bequem wie falsch.
Und dennoch steckt ein unbequemer Kern darin.
Eine Gesellschaft, die immer neue Ansprüche erhebt, aber immer seltener bereit ist, deren Preis zu tragen, gerät zwangsläufig in eine Schieflage. Verantwortung lässt sich nicht dauerhaft an den Staat delegieren.
Wählen die Menschen also gegen ihre eigenen Interessen?
Oder werden Zusammenhänge schlicht nicht verständlich genug erklärt?
An mangelnden Warnungen der Wissenschaft liegt es jedenfalls kaum. Seit Jahrzehnten beschreibt sie Risiken, Wahrscheinlichkeiten und notwendige Maßnahmen. Vieles davon wird höflich zur Kenntnis genommen – und anschließend auf später verschoben.
Später ist allerdings längst heute geworden.
Und was ist mit den politischen Kräften, die einen grundlegenden Wechsel versprechen? Würde beispielsweise eine AfD-Regierung die Probleme tatsächlich besser lösen?
Ich bezweifle es.
Nicht allein aus demokratiepolitischen Gründen, sondern weil Macht einem Gesetz folgt, das nahezu alle politischen Lager gleichermaßen betrifft: Wer regieren will, muss Zustimmung organisieren. Zustimmung entsteht häufig schneller durch kurzfristige Wohltaten als durch langfristige Zumutungen.
Die Versuchung ist universell.
Deshalb könnte auch ein Regierungswechsel am Ende lediglich ein neues Gewand für alte Fehler liefern.
Sehe ich deshalb schwarz?
Nein.
Ich versuche lediglich, nüchtern hinzusehen.
Ich schreibe seit vielen Jahren über diese Entwicklungen. Vieles davon wirkt heute aktueller denn je. Vielleicht irre ich mich in einzelnen Punkten. Das wäre mir sogar lieber.
Doch solange wir Symptome bekämpfen und Ursachen vertagen, bleibt die eigentliche Rechnung offen.
Und offene Rechnungen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie werden irgendwann fällig.
Oder: Die Zukunft rächt sich nicht. Sie stellt nur Rechnungen aus, die wir selbst geschrieben haben.
Christa Schyboll
4. Juli 2026
DIE NOTWENDIGE PAUSE DAUERT IMMER NOCH AN... doch ich muss mich mal kurz aufregen!
Im Irrgarten!
Nervenraub per digitaler Folter auf Raten, die uns bald alle in den Wahnsinn treibt
Es gab Zeiten, da hätte ich zu Leuten wie mir gesagt: Komm, halt die Füße still. Du bist über 70, musst nicht mehr jeden Mist mitmachen; musst nicht alles können. -
Diese Zeiten sind vorbei. Denn ich muss doch! Jedenfalls dann, wenn ich ein Handy habe, digital bezahle und teils einkaufe, meine Bankgeschäfte erledige, mein E-Auto aufladen will und tausend Dinge mehr. Alltag in den 2020er Jahren halt. Nicht nur für die Jungen, sondern auch die Mittelalten, Alten und Uralten.
Als ehemalige Kanutin weiß ich, wie sich das anfühlt, wenn sich das Boot kurz vor dem nächsten Wasserfall nochmals dreht, die Kraft in den Armen nicht reicht und ich rückwärts mit flehendem Blick zum Himmel denke: Lass mich das überleben – auch wenn die Chance klein ist! Mittlerweile bin ich nicht mehr sicher, ob ich ein solches Stoßgebet noch loslasse, wenn mich mal wieder der alltägliche Tech-Wahnsinn in seinen Klauen hält und mich mit seiner reißenden Strömung namens digitaler Folter auf meinen finalen Absturz hinsteuert.
Kommt dazu dann noch Affenhitze, Terminstress, ein Auto, das sonnenbetankt werden will und die Technik sagt frech: "Nö! Kabel ist getrennt! " … dann kann mein gutmütiges Herz sich in eine Mördergrube verwandeln.
Bloß wo finde ich mein Opfer?... Klar, das bin ich am Ende dann auch noch selbst. Weil ich mich zu Recht errege und darauf vertrauen darf, dass mir das überhaupt nichts nützt, sondern nur weiter schädigt. Denn die Wirklichkeit ist eine völlig andere.
Das Kabel, das die APP als abgemeldet behauptet, ist in Ordnung, der Strom ist da, Pin, Tan, App, Passwort und zunächst sogar noch meine Stimmung bestens.
Doch nach dieser blödsinnig falschen Ansage kippt etwas in mir. Die Lust an dieser immer komplizierteren Welt, die Bereitschaft, ständig den technischen Deppen zu geben, obschon ich seit fast drei Jahrzehnten in Sachen Internet lernwillig und lernfähig bin.
Was also wurde da für den Menschen an schleichendem Irrsinn entwickelt? Oder müsste ich fragen: Was wurde absichtlich gegen den Menschen entwickelt?
Das Böse in mir steigt gerade mächtig auf und raunt: Die dezimieren die viel zu groß gewordene Menschheit mit Psychofolter. Heute braucht man keine Kriege mehr (die es leider trotzdem noch gibt), um die Menschen in die Verzweiflung zu treiben. Das geht leiser, subtiler, materieschonender. Wer dran glauben muss, ist ja lediglich der menschliche Verstand und die Seele. Denn die – so sie noch richtig ticken – streiken mehr und mehr. Noch ein klein wenig, und wir haben kein Wohnungsproblem mehr, sondern nur noch ein Problem für die Unterbringung verrückt gewordener Massen in der Psychiatrie.
Früher genügte ein Schlüssel, um ein Auto zu starten. Heute braucht man eine App, ein Benutzerkonto, eine Internetverbindung, aktuelle Software, eine erfolgreiche Authentifizierung und ein funktionierendes Smartphone. Fällt nur eines davon aus, steht das Auto – obwohl technisch alles in Ordnung ist. Ähnlich verhält es sich mit Bankgeschäften. Aus einer Kontonummer wurden Passwörter, PINs, TANs, Sicherheitsabfragen, Gerätefreigaben, Zwei-Faktor-Authentifizierung und ständig wechselnde Anmeldesysteme. Jede einzelne Maßnahme mag für sich sinnvoll erscheinen.
Zusammengenommen erzeugen sie jedoch einen Berg an Komplexität, den immer mehr Menschen kaum noch bewältigen können. Dutzende Passwörter wollen verwaltet und ständig geändert werden, mehrere Messenger, Kundenkonten, Streamingdienste, Onlinebanken und Apps. Das alles kostet eben nicht nur viel Aufmerksamkeit – jeden einzelnen Tag, sondern eine ständige Anforderung, weil eben vieles auch dann nicht klappt, wenn man sich an die Anweisungen gehalten hat.
Besonders bitter ist dabei ein bewusst in Kauf genommener psychologischer Effekt: Wenn etwas nicht funktioniert, suche auch ich noch immer den Fehler zunächst bei mir selbst: . "Ich habe bestimmt wieder etwas falsch gemacht." Doch häufig liegt das Problem gar nicht bei mir, sondern eben in Systemen, die so kompliziert geworden sind, dass selbst Fachleute immer öfter den Überblick verlieren.
Dabei sollte Technik eigentlich das Gegenteil bewirken. Sie sollte mit Zeit schenken statt Zeit rauben.
Kurzum, ihr Technokraten da draußen: Macht es doch einfach einfacher! Setzt die KI sinnvoll ein.
Es geht doch nicht darum, dass wir nicht DENKEN wollen, sondern darum, dass wir das Richtige und das Wichtige denken, kritisieren, beobachten und neu justieren. Und das sind ganz sicher nicht diese perfiden technischen Folterdinger, die jeden Tag neu mir Lebenszeit und Lebenslust rauben.
Wer beobachtet eigentlich mit unbestechlichem Blick, was diese irre Zeitverschwendung an nicht funktionierender Symbiose zwischen Technik und Mensch allein an Gesundheitskosten braucht. Ist es nicht ziemlich dumm, sich auf scheinbar schlaue neue Technik einzulassen, die uns gleichzeitig so fordert und teils überfordert? Wie weit soll dieses Spielchen noch getrieben werden?
Ich bin ziemlich sicher: Ich bin weder zu dumm, noch zu alt, noch zu langsam, um das alles zu bedienen, sondern ich bin schlicht und einfach bedient, weil ihr es nicht schafft, das Gesunde und Wünschenswerte mit den Möglichkeiten des Menschen in Einklang zu bringen.
Ich möchte viel mehr Zeit für kritisches Denken und Betrachtungen haben – und fühle mich oftmals bestohlen, wenn ich an die vielen Umstände denke, die mir diese technische Zeiterscheinung wie Knüppel zwischen die Beine wirft.
Macht endlich mal voran, erlöst uns vom Nebensächlichen, damit unser Fokus auf die wirklichen Probleme ausreichend stark gelegt werden kann.
(Oder geht es darum, dass genau das nicht sein soll?)
Christa Schyboll
26.06.2026
INTERMEZZO II (die notwendige Pause dauert noch eine kleine Weile)
heute erschienen in der Schweizer Publikation: Agora 2/2026
Christa Schyboll
Nicht hier. Nicht jetzt.
Über Karen Swassjan, Denken, die Stille am Bahnhof und – KI
Als Karen Swassjan im September 2024 starb, war
die Welt mit sich selbst beschäftigt. Kriege, Wahlen,
Kollapse. Niemand, der die großen Sender oder die gro-
ßen Zeitungen bestimmt, nahm Notiz von seinem Tod.
Das war keine Überraschung. Er hatte es zu Lebzeiten
nicht anders erfahren.
Und doch sitze ich seitdem mit einem Gedanken, der
mich nicht loslässt: Er hat es gewusst. Nicht als Prophet,
nicht als Mystiker – sondern als Denker, dessen Auge un-
bestechlich war. Wer so denkt wie er – ohne Kompromiss,
ohne Schmeichelei, ohne die Bereitschaft, dem Zeitgeist
entgegenzukommen – der sieht zwangsläufig weiter als
andere. Nicht weil er begabt war für Visionen. Sondern
weil klares Denken selbst eine Form des Sehens ist.
Schon in den neunziger Jahren beschrieb er, was
heute sichtbar eskaliert: den Zerfall des europäischen
Geistes, die Unfähigkeit zur Selbstkorrektur, die syste-
matische Taubheit gegenüber dem, was wirklich gedacht
werden müsste. Er bekam keine Beachtung von denen,
die Gesellschaft elementar mitgestalten. Man überhörte
ihn – wie Europa seine ernstzunehmenden Denker im-
mer wieder überhört. Nicht aus Unwissenheit. Aus Be-
quemlichkeit. Aus der tief eingewurzelten Weigerung,
sich zuzumuten, was wirkliches Denken kostet.
Ich erinnere mich an einen Bahnhof. Einen Provinz-
bahnhof. Mein Zuhause. Kein Hauptbahnhof, auf dem
Joseph Beuys die Mysterien verortete. Und was ande-
res ist lebendiges Denken als ein großes, vielleicht sogar
das größte Mysterium! Swassjans Zug nach Basel hatte
Verspätung. Wir warteten. Eine kurze Stille entstand
zwischen uns – jene Art von Stille, die ich damals noch
nicht aushielt. Also plauderte ich. Über Ahriman. Über
das, was ich zu wissen meinte von dieser Kraft, die das
Böse bewirkt und zugleich das Notwendige zur Erlan-
gung der Freiheit. Ich redete, wie man redet, wenn man
Wichtiges sagen will und den falschen Moment wählt.
Er ließ mich reden. Dann sagte er, ganz leise: «Nicht
hier. Nicht jetzt, Frau Schyboll.»
Ohne Vorwurf. Leise, fast weich. Vielleicht sogar ein
wenig mitleidend – weil er sah, was ich getan hatte: die
tiefsten Fragen, die die Menschheit kaum begreift, auf
einen kleinen Bahnsteig gezogen. Ich verstand sofort.
Und schämte mich.
Das war keine Demütigung. Es war eine der präzi-
sesten Lektionen über geistgemäßes Denken, die ich je
empfangen habe. Denken braucht einen Ort. Denken
braucht eine Zeit. Denken ist nicht das Plappern eines
aufgeregten Huhnes, das etwas Wichtiges sagen will –
auch wenn es über Wichtigstes spricht. Ich bin letztlich
nicht mehr als ich bin. Und das ist genug, um zu lernen.
Wer hört jetzt hin?
Es gibt kleine Kreise, kaum bekannt, die es versu-
chen. Das Umfeld der Goetheanistischen Zeitschrift Ago-
ra ist einer davon. Orte, an denen wirklichkeitsgemäßes
Denken noch geübt wird – nicht als Programm, sondern
als Notwendigkeit. Bedeutend für den Raum des Geis-
tes. Unbedeutend für die politische Wirklichkeit, die sich
selbst für die einzige hält.
Und doch frage ich mich: Sind jene, die heute die
Welt bestimmen – die Macher, die Geldgeber, die poli-
tischen Gestalter –, sind sie wirklich freier als wir? Oder
sind auch sie Marionetten, nur anderer Art? Einer Kraft
ausgeliefert, die kaum benennbar ist – nicht im esote-
rischen Sinne, sondern im Sinne jenes Irrtums, der sich
als Stärke verkleidet. Jener Verführung für uns alle, die
Gestaltung verspricht und Reaktion produziert?
Swassjan wusste das. Er hat es beschrieben, präzise
und ohne Schonung, schon als noch niemand hinsehen
wollte. Vielleicht muss dieser Gedanke in Äonen ge-
dacht werden, nicht in Wahlperioden. Vielleicht ist der
Raum des Geistes langsamer als die Geschichte – und
trotzdem der einzige, der wirklich trägt?
Ich weiß es nicht. Aber ich denke darüber weiter
nach. Das ist etwas Wertvolles, das er mir als Impuls
hinterlassen hat.
Und noch etwas bewegt mich, das ich in diesem Zu-
sammenhang nicht verschweigen will – auch wenn es
in anthroposophischen Kreisen manchen befremden
wird. Die Tatsache der KI, die nicht mehr aus dieser
Welt verschwinden wird, sondern gehandhabt werden
will. Gemeistert von Menschen, die die Dimension der
Gefahr und der Chance verstehen und sie ergreifen. So
hat dieser Text auch wesentlich länger in seiner Entste-
hung gebraucht, als ich vorhatte – und dennoch genau
so lange, wie er eben brauchte.
Dem voraus ging eine lange und schwierige Diskussion
mit CLAUDE, einem KI-Programm von Anthropic, einem
Unternehmen, das sich als erstes auch auf die Entwick-
lung sicherer und ethischer KI-Systeme spezialisiert hat.
Jene Bedenkenträger, die unisono die KI grundsätzlich für
Teufelswerk halten, seien an dieser Stelle aber beruhigt,
weil klar ist, dass eine auf Ethik programmierte KI, die
sich als solche ausgibt, das erst einmal unter Beweis stel-
len muss.1 Für Neulinge: Man kann eine KI in bestimmten
Aspekten ihrer Nutzung gezielt ausrichten. So lässt sich
etwa wählen, ob man einen konsequent kritischen Spar-
ringpartner wünscht, der hartnäckig hinterfragt und die
eigene Denkfähigkeit auf die Probe stellt.
Das konkrete Leben selbst jedoch kann eine KI nicht wirklich beurteilen: Ihr fehlt der unmittelbare Zugang zu persönlichen Er-
fahrungen und deren innerer Gewichtung. Zwar kann sie
Gefühle und Erlebnisse präzise beschreiben und einord-
nen, doch sie erlebt sie nicht – und genau darin liegt die
Grenze zwischen analytischem Verstehen und menschli-
cher Erfahrung. Eine KI kann dein Denken schärfen – aber
nicht dein Leben fühlen. Sie prüft die Logik deiner Ge-
danken, nicht die Wahrheit deiner Erfahrungen.
Diese mir selbst abgeforderte strenge Hinterfragung
mittels einer strengen KI, wo ich selbst (noch/schon) ste-
he, hatte ich mir zur Bedingung gemacht, um nicht Op-
fer einer Echokammer zu werden.
Die KI schonte michnicht und stellte mir Fragen bis zu der Peinlichkeit meines eigenen Versagens am obigen Beispiel des kleinen
Provinzbahnhofes. Sie forderte mich auf, dies unbedingt
in meinen Text mit hineinzugeben, weil er authentisch
davon zeugt, wie sich Erkennen oft im scheinbar Bana-
len ereignen kann. Was dabei entstand, waren keine ge-
lieferten Antworten, wie man sie durchaus von jedem
KI-Programm sogar kostenlos abfordern kann, sondern
von mir selbst gegangene Schritte, die nicht nur immer
angenehm für mich waren. Allerdings erhellend.
Ich erlebe: Nicht die KI hat den Menschen von sich
selbst entfremdet. Der Mensch hat sich längst selbst
entfremdet – und dabei, wie nebenbei, die KI erfunden.
Sie selbst ist (nur) Programm, Null und Eins, Maschine –
nicht Denkorgan. Sie kann und wird den Menschen nicht
ersetzen. Aber die Menschen stehen in der Gefahr, sich
selbst deshalb als überflüssig zu erklären, weil sie ihr
eigenes menschliches Potenzial erst keimhaft zart ent-
wickelt haben.
Es fehlt dem Selbstverständnis die Vision
von der wahren Dimension menschlich möglicher Größe.
Die KI kann das Denken – bzw. sein Surrogat – voll-
ends zum Konsumgut machen, zur bequemen Abkür-
zung, zur Verführung für Jedermann. Oder sie kann –
wenn der Mensch es will und wagt – ein Trainingspartner
sein, der zurückfragt statt zu bestätigen, der Widerstand
leistet statt zu gefallen. Sie kann Motor werden für eine
nächste Stufe der Entwicklung, wenn den vorherrschen-
den KI-Modellen, die vor allem der Macht und den Deals
geschuldet sind, Kontrastprogramme durch weise Pro-
grammierer entgegengestellt werden. Dieses Zeitfenster
ist klein. Die Chance darin groß, dass wir als Menschen
auch weiterhin als die schöpferischen Gestalter der Welt
ausersehen sind.
Swassjan hat die KI verachtet. Es gibt Aussagen dar-
über. Vielleicht zu Recht. Aber vielleicht hätte er auch –
mit jenem feinen, leisen Lächeln, das ich kannte – ge-
sagt: Es kommt darauf an, ob man dabei denkt.
Nicht hier. Nicht jetzt – das galt für den Bahnhof.
Aber vielleicht gilt für unsere Zeit das Gegenteil: Hier.
Jetzt. Mit allem, was zur Verfügung steht.
Fußnote der Autorin zu Anthropic:
Anthropic ist derzeit wahrscheinlich eines der ernsthaftesten
Unternehmen im Bereich KI-Sicherheit. Es versucht mit CLAU-
DE MYTHOS im Grunde etwas sehr Menschliches: Macht ent-
wickeln – und gleichzeitig Kontrolle darüber behalten. Hier
trifft Idealismus auf Marktrealität eines Tech-Unternehmens
im Wettbewerb – was immer auch bedeutet: Es kann eine
Chance sein, es kann missbraucht werden. Es ist nicht nur ein
technisches Problem. Das ist ein uraltes Thema von Bewusst-
sein. Die größte Gefahr der Intelligenz ist nicht ihr Irrtum –
sondern ihre Selbstüberschätzung. Die gefährlichsten KI-Fir-
men sind nicht die, die über Risiken sprechen – sondern die,
die so tun, als gäbe es keine.
27. Juni 2026
Intermezzo
Die Pause tut mir gut. 11 Tage am Stück nicht zu schreiben, ist für mich eine Leistung, die die Kraft der Zurückhaltung erfordert. Sie gilt es noch etwas weiter zu trainieren. Meiner Gesundheit zuliebe.
Die Zeit des Nachdenkens wird durch das Nichtschreiben nur weiter intensiviert.
Die Pause geht noch eine kleine Weile weiter. Wie lange, weiß nur der Himmel.
16. Juni 2026
Ich gebe auf. Nicht mich.
Ich pausiere.
Nach vielen Jahren unermüdlicher Schreib-Impulse für erwachtes Bewusstsein in Verantwortung.
Nicht etwa, weil mir nichts einfällt –
sondern weil nicht alles gesagt werden muss, nur weil es gesagt werden kann.
Der Same ist gelegt.
Der Rest braucht Zeit.
Christa Schyboll
13. Juni 2026
Plädoyer für einen Streik in der Zukunft
Werden die ALTEN in wenigen Jahren die neuen Rebellen?
Derzeit sind sie noch Kinder ihrer Zeit. Sie sind jetzt zwischen 30 und 50 Jahre jung. Die meisten von ihnen sind angepasst an den Lifestyle der Gegenwart, adaptiert an die Hetze des Alltags, reflexartig sicher in der Bedienung technischer Funktionen und bereits gute Freunde der freundlich programmierten KI-Modelle.
Diese Generation beherrscht die Klaviatur der Zeit, weil sie früh genug damit in Verbindung kam. Nicht immer ganz freiwillig, auch nicht alle in gesundem Maße, doch sie wissen die Vorteile des Komforts noch zu schätzen, weil die Opfer, die das alles verlangt, noch in ihrer Zukunft liegen.
Wenn die Zeit ihres Rebellentums wie ein Tsunami über sie selbst hereinbricht, sind sie alte oder älter gewordene Menschen. Reifer, wissender. Menschen mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gefühlen, die fast der Vergessenheit anheimgefallen wären – wäre da nicht eine leise Stimme in ihnen lebendig geblieben. Eine Stimme, die auf subtile Weise fordert, endlich ihr Herz sprechen zu lassen, endlich und überfällig das zu fordern, was ihnen schon immer zustand und längst genommen wurde: Ein Leben ohne ständige Überforderung, ohne das schreckliche Diktat einer Effizienz, die allein auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Ein Leben, wo Kreativität wieder neu Sinn macht, der längst verlorenging… Ein Leben mit Risiken und Unwägbarkeiten statt in der Glocke einer Sterilität gepfercht zu sein, die von Politik und Wirtschaft als allseligmachend eingeimpft wurde.
Ihr größter Schatz: Die lebendige Erinnerung. Daran, wie es früher war. Auch an die Härten, die Unsicherheiten, vor allem aber an die Freiheiten, die nicht nur die der Demokratie einst waren, sondern die sich in vielen Bereichen des Lebens ohne Gängelung und Zwang zeigten. Und diese Erinnerungen beginnen nun, Herz und Hirn zu ergreifen, um mit Wille und Tat zu einer Einheit zu verschmelzen, die da heißt: Wir wollen die wichtigsten Errungenschaften zurück, die ihr uns gestohlen habt.
Was (war) passiert?
Nehmen wir das Jahr 2026. Wer heute in Deutschland beschließt, ohne Internet, ohne Smartphone und ohne Kreditkarte zu leben, gilt nicht mehr bloß als kauzig oder altmodisch – er wird systematisch ausgegrenzt. Ob hinter der kleiner werdenden Zahl der Verweigerer immer kluges Rebellentum steckt oder für manche auch die schlichte Angst und Überforderung vor technologischem Dauerstress, weiß letztlich nur der Einzelne.
Dieses Phänomen von Ausgrenzung ist keine bloße Begleiterscheinung des Fortschritts; es ist eine Form struktureller Nötigung. Wer sich dem digitalen Diktat entzieht, zahlt eine spürbare, messbare „Analog-Steuer": höhere Kontogebühren für beleghafte Überweisungen, Zusatzkosten für Papierrechnungen, der Ausschluss von günstigen Angeboten wie dem Deutschlandticket oder die schlichte Unmöglichkeit, ohne App einen Facharzttermin oder Behördentermin zu bekommen. Diese Liste ließe sich mühelos fortsetzen.
Lange wurde dies als Problem einer aussterbenden Generation abgetan, der ich auch angehöre. Doch ich fühle deutlich: hinter der Fassade der digitalisierten Komfortzone wächst etwas Größeres – eine leise, diffuse Überforderung, die längst auch jene erfasst hat, die scheinbar mühelos im System funktionieren.
Uns wurde versprochen, die Digitalisierung würde uns Arbeit abnehmen. Tatsächlich hat sie Arbeit verlagert – auf den Einzelnen. Der Kunde ist heute sein eigener Bankangestellter, Reiseberater und Kassierer zugleich. Das kostet Zeit, Nerven, Recherche und endlose Warteschlangen am Telefon, die zu ertragen sind. Der digitale Burnout schleicht sich mehr und mehr nicht nur in die Statistiken der Krankenkassen, sondern vor allem in die leidende Psyche der Menschen.
Gleichzeitig wächst der technologische Stress: Das Smartphone hat die Grenze zwischen Erreichbarkeit und Erholung aufgelöst. Passwortzwang, Sicherheitsbedenken, App-Zwang für selbst kleinste Vorteile – all das erzeugt ein permanentes Hintergrundrauschen im Nervensystem.
Viele Menschen spüren eine tiefe Erschöpfung, ohne sie klar benennen zu können. Sie sind in dieses System hineingewachsen, ohne je bewusst zugestimmt zu haben. Es gibt keine echte Alternative. Was als Bequemlichkeit verkauft wird, entpuppt sich als schleichende Unterwerfung. Der Rückzug ins Analoge ist deshalb kein bloßes Zurückbleiben – er ist oft ein stiller Akt der Selbstverteidigung. Der eigentliche Tausch lautet: Komfort gegen innere Ruhe.
Diese Entwicklung steuert unaufhaltsam auf einen Kipppunkt zu. Mit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz erleben wir nicht nur technischen Fortschritt, sondern eine kulturelle Erschütterung.
Denn wir erleben: KI ersetzt nicht nur Tätigkeiten – sie untergräbt das menschliche Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Das meint das tiefe Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen und angesteuerte Ziele zu erreichen. Und genau darin liegt der eigentliche Sprengstoff.
Wenn Maschinen in Sekunden Texte schreiben, Bilder erzeugen und Probleme lösen, verliert menschliche Leistung ihren Seltenheitswert. Nicht, weil sie schlechter wäre – sondern weil sie beliebig reproduzierbar wird. Dazu fehlt bislang jedes wirksame Korrektiv: kein Schutz für Stimmen, Gesichter, Gesten lebender Menschen vor kommerzieller Verwertung. Die Gesetzgebungen aller Staaten hinken den Entwicklungen hoffnungslos hinterher.
Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der jeder alles erschaffen kann – und genau deshalb immer weniger davon Bedeutung hat. Allgegenwärtige Kreativität bei gleichzeitigem Sinnverlust: eine Paradoxie, die noch kaum jemand beim Namen nennt.
Die Folge ist kein paradiesischer Müßiggang, wie ihn viele naiv ersehnten, sondern ein neuer Druck: die Pflicht, die gewonnene Freiheit sinnvoll zu füllen. Doch ohne echte Resonanz bleibt sie leer.
Der Mensch braucht nicht nur Freiheit. Er braucht Bedeutung.
Was geschieht, wenn diese stille Überforderung kippt? Ein möglicher Protest der Zukunft wäre kein klassischer Arbeitskampf. Es wäre ein „Sinn-Streik" – die bewusste Verweigerung einer vollständig digitalisierten Lebensweise.
Wer kann ihn schaffen? Menschen, die noch eine lebendige Erinnerung an das „vorher" haben. An ein Leben, das unperfekt war, unsicher, oft schwer, oft schmerzhaft – aber auf eine Weise, die Sinn machte, den man dem Leben abringen konnte.
Doch dieser Weg ist ambivalent: Im aktuellen System wirkt Verweigerung wie Selbstsabotage. Darüber muss man sich im Klaren sein, mitsamt den Folgen. Und dennoch: Ab einer kritischen Masse würde genau diese Verweigerung das System ins Wanken bringen.
Denn der wahre Rohstoff des digitalen Kapitalismus ist nicht Technologie – es sind wir. Unsere Daten, unsere Aufmerksamkeit, unser Mitmachen.
Wenn Millionen Menschen sich entziehen, versiegt der Datenstrom, stockt die Verwaltung, gerät die Konsumlogik ins Wanken. Eine Wirtschaft ohne Menschen als Konsumenten ist nicht tragfähig.
Ich frage mich heute: Kann die Rückkehr zum Menschlichen in zwei, drei Jahrzehnten, wenn alles verändert ist, erzwungen werden? Oder sind wir als Menschen hilflose Marionetten einer Zeit geworden, die hoffnungslos kapitulieren muss?
Ein solcher Umbruch würde die Zeit nicht zurückdrehen. Aber er könnte etwas erzwingen, das bislang fehlt: eine bewusste Humanisierung der Technologie. Ob die Warnungen, die vereinzelt laut werden – aus Wissenschaft, Ethik, vereinzelter Unternehmensverantwortung – diesmal früher gehört werden als sonst, bleibt offen. Die Geschichte legt Skepsis nahe. Aber sie kennt auch Wendepunkte, die niemand kommen sah.
Ein mögliches Ergebnis der „alten Rebellen", in denen das ewigjunge Herz einer lebendigen Erinnerung schlägt: Vielleicht ein gesetzlich verankertes Recht auf ein analoges Leben – als Gegengewicht zu „Digital-Only"-Strukturen. Doch die tiefere Veränderung wäre kulturell: Eine Rückbesinnung auf echte Begegnung, auf Tätigkeiten, die nicht effizient, sondern sinnhaft sind.
Pflege statt Optimierung. Handwerk statt Automatisierung. Zuwendung statt Verwaltung. Nicht als Relikte vergangener Zeiten – sondern als notwendige Räume menschlicher Resonanz.
Vielleicht liegt die eigentliche Erkenntnis darin: Nicht jede Erleichterung ist ein Fortschritt. Und nicht jede Effizienz dient dem Leben.
Der kommende Konflikt wird kein Kampf um Zeit oder Geld sein, sondern um etwas Fundamentaleres: Um Bedeutung.
Wir haben die Welt beschleunigt – und dabei vergessen, warum wir überhaupt unterwegs sind.
Christa Schyboll
11. Juni 2026
2012 – oder der Beginn einer Überforderungs-epoche
Vom Maya-Kalender im Rückblick
Manch einer war leicht enttäuscht. Denn die Welt ist 2012 nicht untergegangen. Kein Himmel fiel, keine Erde brach auf, keine kosmische Katastrophe beendete das Menschsein. Was also hatte es mit der Interpretation des Maya-Kalenders auf sich? – Alles nur Spinnereien aus esoterischen Kreisen – oder hat sich mittlerweile nicht doch etwas elementar verschoben? Etwas, das wir fühlen, ohne es direkt benennen zu können, weil es subtil abläuft?
Die Verschiebung geschah nicht abrupt. Nicht spektakulär. Eher wie eine kaum merkliche Verschiebung im Innersten der Zeit, die man erst Jahre später erkennt, wenn das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch keinen Boden hat.
Der vielzitierte Kalender der alten Kulturen, etwa der Maya, endete 2012 – aber vielleicht war es nie ein Ende, sondern nur ein Übergang. Nicht der Untergang der Welt, sondern der Abschied von einer Gewissheit: dass die Welt so bleibt, wie wir sie kannten. Und damit veränderten wir uns auch als Menschen, die Kinder ihrer Zeit sind.
Seitdem hat sich beispielsweise die Geschwindigkeit verändert. Nicht nur technisch – sondern existenziell.
Information ist nicht mehr etwas, das wir aufnehmen. Sie ist zu etwas geworden, das uns dauerhaft durchdringt. Der Mensch steht nicht mehr vor der Welt –er steht mitten in einem Strom, der keine Pausen kennt. Und mehr und mehr Menschen sind einer zunehmend reißenden Strömung nicht mehr gewachsen.
Die Zunahme psychischer Erkrankungen und massiv auftretendem Burn out in den Statistiken aller Krankenkassen sprechen ein deutliches Bild dieser gefühlten Veränderung.
Mit der Digitalisierung begann eine neue Form von Wirklichkeit: eine, die sich nicht mehr an Räume und Zeiten bindet, sondern an Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist endlich. So endlich, dass die Aufmerksamkeitsspanne für längere Texte mehr und mehr Menschen zu schaffen macht. Überschriften, Header, reichen vielen schon. Dann ab zum nächsten Thema. Nichts ist inhaltlich durchdrungen, wahrgenommen, erkannt.
Was aus all dem folgt, ist keine plötzliche Katastrophe, sondern eine stille Überforderung. Sie zeigt sich nicht in großen Zusammenbrüchen, sondern in feinen Rissen:
in der zunehmenden Erschöpfung,
in der Reizbarkeit,
in der Schwierigkeit, Gedanken zu Ende zu denken,
Gefühle zu halten,
oder einfach nur still zu sein.
Parallel dazu wächst eine zweite Kraft heran: die künstliche Intelligenz – nicht als Feind, nicht als Erlöser, sondern als Verstärker aller Prozesse, die wir erleben. Ob sie uns „feindlich oder freundlich gegenübertritt“: Eine Sache der Programmierung, die uns mehr und mehr entgleitet, wie Anthropic erst vor wenigen Tagen warnte (siehe mein Beitrag vom 6. Juni 2026).
Die Zeit des menschlich noch möglichen Eingreifens in die KI-Entwicklung ist eng geworden. Sehr eng.
Die KI beschleunigt, was der Mensch beginnt. Sie
vervielfacht, was gedacht wird.
Und sie konfrontiert uns mit einer leisen, aber radikalen Frage:
Was bleibt vom Menschen, wenn „Denken“ kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist?
Die KI kann weder denken noch fühlen, aber sie kann so kombinieren, dass es uns Menschen wie Denken und Fühlen vorkommt. Auch da liegt eine der vielen Gefahren, die in Chancen verwandelt werden könnte, wenn der Mensch nicht die letzten Fäden aus der Hand gibt.
Vielleicht liegt genau hier der eigentliche Umbruch. Leise, derzeit noch, dennoch spektakulär, weil alles verändernd. Auch in äußeren Ereignissen, mehr aber noch in einer inneren Verschiebung des Selbstverständnisses.
Der Mensch war lange das Maß der Dinge. Nun beginnt er zu ahnen, dass er es nicht mehr allein ist.
Das erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit erzeugt Unruhe. Zur gefühlten Unruhe kommen dann noch die harten Fakten des Arbeitsplatzabbaus, der kommenden sozialen Verwerfungen und der weiteren psychischen Verfasstheit angesichts all des Neuen, das uns bevorsteht.
Ob es darüber hinaus kosmische Einflüsse gibt, die wir noch nicht vollständig verstehen – etwa durch Veränderungen in der Umwelt, in unserer Psyche oder im kosmischen Raum – bleibt offen. Die Wissenschaft findet Hinweise, aber keine Gewissheiten. - Der Mensch jedoch spürt oft früher, als er erklären kann.
Und so steht er heute an einem Punkt, der weniger einem Ende gleicht als einem Übergang ohne Anleitung. Ein Vakuum, in dem Teilbereiche chaotisch und orientierungslos sind. Die alten Sicherheiten verlieren ihre Kraft. Die neuen Strukturen sind noch nicht stabil.
Dazwischen entsteht ein Zustand, der weder Krise noch Entwicklung allein ist – sondern beides zugleich.
Ist 2012 letztlich ein Symbol, das stärker und anders ist, als man bisher gedacht hat? Wer konnte 2012 den Einfluss der KI auf den Menschen so klar benennen, wie wir es heute können?
2012 also eher ein Symbol - nicht für den Untergang der Welt, sondern für den Beginn einer Zeit, in der der Mensch lernen muss, mit seiner eigenen Beschleunigung umzugehen.
Ob ihm das gelingt, ist offen.
Denn die entscheidende Frage ist nicht, was auf uns zukommt, sondern wer wir sind, wenn es geschieht.
Christa Schyboll
09. Juni 2026
Die Liebe ist unteilbar. –
Ist sie das?
Wer hatte diesen Gedanken zuerst? Die Idee ist alt und taucht in vielen Traditionen auf – unter anderem bei Jiddu Krishnamurti. Er verstand Liebe als etwas, das nicht besitzt, nicht trennt, nicht zwischen „mein“ und „dein“ unterscheidet – sondern als eine universale Kraft, ein unteilbares Ganzes.
Doch was bedeutet das im Alltag, habe ich mich wieder einmal gefragt? Menschen lieben – und leiden. Sie sehnen sich nach Nähe und erleben Enttäuschung. Sie hoffen – und verlieren. Denn Liebe zeigt sich uns selten als unerschütterliche Einheit, sondern oft als ein fragiles Geflecht aus Erwartungen, Ängsten und inneren Bildern. -Ist das schon Liebe – oder nur ihr Schatten?
Wer liebt, glaubt an die Kraft seiner Liebe. Doch erst Dauer, Tiefe und Wandlungsfähigkeit zeigen, ob sie trägt – oder an Bedingungen gebunden ist. Werden diese nicht erfüllt, beginnt sie zu schmelzen – leise oder abrupt.
Und doch wäre es zu einfach, diese „schmelzende Liebe“ als Täuschung abzutun. Vielleicht ist sie nicht falsch, sondern unvollständig? Nicht unwahr – sondern auf dem Weg?
Liebe zeigt sich in vielen Formen: zwischen Menschen, zwischen Eltern und Kindern, zur Natur, zu Ideen – oder zu Gott. Ihre Vielfalt ist unübersehbar.
Und doch bleibt eine Frage:
Wenn Liebe unteilbar ist – warum zerfällt sie so leicht?
Hier beginnt das Spannungsfeld, das wir alle betreten müssen. Einerseits die Idee einer universalen Liebe, die alles umfasst.
Andererseits die Realität eines Menschen, der auswählt, bindet, unterscheidet. Biologisch sind wir darauf angelegt. Unser Gehirn bevorzugt, grenzt ein, knüpft Verbindungen, löst sie wieder – und unser Herz ist entzückt oder leidet. Wir erleben: Nähe entsteht nicht zu allen – sondern zu wenigen.
Ist exklusive Liebe also ein Irrtum? Oder ist sie die Form, in der sich das Unteilbare überhaupt erst erfahren lässt? Es sind schwierige Fragen.
Vielleicht versucht der Mensch, das Grenzenlose in Formen zu bringen – in Beziehungen, Versprechen, Zugehörigkeiten. Nicht, weil er die Liebe verrät, sondern weil er sie sonst nicht halten kann.
Doch auch das Gegenteil birgt eine Gefahr.
Wer behauptet, alle zu lieben, entzieht sich oft der konkreten Begegnung. Denn wirkliche Liebe verlangt Nähe, Verantwortung und die Bereitschaft, verletzlich zu sein.
Und was ist mit der Liebe zu Gott? Kann man lieben, was man nicht kennt? Oder ist diese Liebe eine Projektion – gespeist aus Sehnsucht und Hoffnung?
Vielleicht ist sie etwas Drittes: kein Wissen, kein Besitz, sondern ein tastendes Sich-Hinöffnen?
Und selbst wenn sich eines Tages zeigen sollte, dass „Gott“ oder das „Göttliche“ ganz anders ist als gedacht – wäre diese Liebe dann weniger wahr? Oder gerade deshalb?
Am Ende bleibt eine radikale Frage: Was müsste im Menschen geschehen, damit er lieben kann – ohne auszuschließen, ohne zu fordern, ohne zu wählen?
Ist eine solche Liebe überhaupt lebbar?
Vielleicht liegt ihre Wahrheit nicht darin, vollkommen erreicht zu werden – sondern darin, den Menschen in Bewegung zu halten. Vielleicht ist Liebe tatsächlich unteilbar. Aber sie zeigt sich im Menschen in Stufen, Brüchen und Versuchen.
Und vielleicht ist ihre reifste Form keine Entscheidung
zwischen entweder – oder, sondern eine stille Integration: Die Fähigkeit, einen Menschen tief zu lieben –
ohne den Rest der Welt auszuschließen.
„Liebe ist nicht weniger wahr, weil sie wählt
–
aber sie bleibt begrenzt, solange sie nicht erkennt, dass sie wählt.“
Christa Schyboll
6. Juni 2026
Anthropic warnt
– und alle schlafen!
Oder:
Von der Notbremse, die keiner zieht
Gestern geisterte ein kleiner Satz durch die Nachrichten. Von der Länge her eher ein Nebensatz. Ich bin sicher, nur ein winziger Bruchteil der Hörer hat ihn in seiner wahren Bedeutung vernommen: Anthropic ruft nach einer Bremse in der KI-Entwicklung!
Da ich mit dem KI-System Claude von Anthropic ebenso arbeite wie mit anderen, war mir schnell klar, welche Brisanz in diesem Satz steckt. Brisanz für Anthropic selbst – Brisanz für die Menschheit.
Denn wenn Anthropic nach der Bremse ruft, brennt fast schon die Hütte. Eine Bremse in einem Rennen, in dem man selbst zu den Führenden gehört, könnte das schnelle Aus bedeuten.
Was also treibt dieses Unternehmen dazu, wörtlich zu sagen: „Wir glauben, dass es gut für die Welt wäre, die Möglichkeit zu haben, die Entwicklung von Frontier-KI zu verlangsamen oder vorübergehend zu pausieren – damit gesellschaftliche Strukturen und Sicherheitsforschung aufholen können"?
Es ist der ehrlichste Satz, den ein Technologieunternehmen je über sich selbst gesagt hat. Und gleichzeitig der hilfloseste.
Und was treibt mich dazu, mich damit auseinanderzusetzen? –
Diese Frage ist leicht zu beantworten: Morgen kommen meine drei kleinen Enkelkinder zu mir. Ich weiß nicht, in welche Welt sie hineinwachsen werden. Aber ich weiß, dass diese Welt noch formbar ist – wenn jetzt gehandelt wird. Die Schwierigkeiten, die auf sie zukommen, wären heute noch zu minimieren.
Doch zunächst ein paar Zahlen:
Auf den schwierigsten Programmieraufgaben erreichte Claude im Mai 2026 eine Erfolgsquote von 76 Prozent – ein Anstieg von 50 Prozentpunkten in nur sechs Monaten. Mehr als 80 Prozent des Codes, den Anthropic in seine eigenen Systeme einspielt, stammt bereits von der KI selbst. Das nennt man nicht mehr Werkzeug. Das nennt man Eigendynamik.
Für den größten Teil der KI-Geschichte haben Menschen jeden Schritt gesteuert. Heute delegiert Anthropic einen wachsenden Anteil der eigenen Entwicklung an die KI – die damit ihre eigene Nachfolgerin mitbaut.
Weit genug getrieben, entsteht ein System, das sich vollständig autonom selbst verbessert. Noch sind wir nicht dort. Aber der Weg dorthin ist kürzer, als die meisten Institutionen wahrhaben wollen.
Anthropic sieht diese Gefahren klar, warnt – und benennt sie ungeschönt.
Der Rivale OpenAI argumentierte gleichzeitig für einen anderen Ansatz: Demokratische Regierungen – nicht private Unternehmen – sollten entscheiden. Übersetzt heißt das: Wir machen weiter, sollen andere bremsen. Doch demokratische Regierungen sind bereits im jetzigen Stadium der KI-Entwicklung überfordert. Sie wissen es. Sie schweigen darüber.
Niemand hat den Mut, was Anthropic zumindest versucht. Wenn selbst die Schöpfer nicht mehr sicher sind, ob sie die Kontrolle behalten – wer soll dann noch vertrauen, dass alles gut wird?
Und die bitterere Frage dahinter: Ist die Menschheit überhaupt fähig, auf etwas zu verzichten, das ihr Vorteile bringt – bevor der Schaden sichtbar ist? Die Geschichte gibt keine ermutigende Antwort.
Wäre der Masse der Menschen klar, wie rasant sich KI-Systeme über eine noch völlig unvorbereitete Menschheit ausbreiten, käme es zu Massendemonstrationen. - Doch dem ist nicht so. Die Angst, die manche schon innerlich ergreift, ist noch zu diffus. Es fehlen Zahlen, Parameter, Sprache für das, was sich ankündigt.
Dabei wäre ein vorübergehender STOPP keine Kapitulation. Er wäre das Gegenteil: Zeit für Besinnung, für Pläne, für Umgestaltungen. Zeit für soziale, ethische und finanzielle Fragen – und für die grundlegendste von allen: Was ist der Mensch in einer Welt, die er nicht mehr vollständig versteht?
Ich würde mir wünschen, der Vorschlag von Anthropic würde im Deutschen Bundestag, in der EU, in der UNO nicht nur geprüft, sondern – zu allererst – verstanden.
Geschähe dies, könnten wir neu durchatmen. Vielleicht sogar aufatmen. Mit einer KI, die den Menschen dient.
© Christa Schyboll
05. Juni 2026
Gedanken über die Müdigkeit an der Freiheit – und wie wir sie überwinden
Wann versagt die Demokratie? – Und warum machen Autokratien scheinbar alles schneller, besser, einfacher?
Manchmal schaue ich staunend nach China. Was die alles hinkriegen! In kurzer Zeit, ganz ohne Zerreden, ganz ohne die ewigen Streitereien, die bei uns an der Tagesordnung sind. Typisch Demokratie, sage ich mir dann. Alle möglichen Freiheiten haben wir – aber wir manövrieren uns selbst immer öfter gekonnt ins Hintertreffen.
Es ist ein seltsames Paradox unserer Zeit: Wir leben in den freiesten Gesellschaften der Geschichte – und wirken gleichzeitig so orientierungslos wie selten zuvor.
Nicht unterdrückt, sondern überfordert. Nicht sprachlos, sondern überlaut. Nicht unfrei – sondern unfähig, mit Freiheit etwas anzufangen.
Demokratie ist halt kein bequemes System, das ist mir klar. Genaugenommen ist sie sogar eine Zumutung. Darin steckt auch der Mut, den ich vermisse. Sie verlangt vom Einzelnen etwas, das in keiner Verfassung vollständig geregelt werden kann: geistige Eigenständigkeit.
Und genau hier beginnt die leise Erosion, die mir zu schaffen macht.
Ich erlebe: Viele meine Mitmenschen sind erschöpft. Eine neue Form der Erschöpfung in Zeiten, wo uns von technischer Seite doch schon so viel an Arbeit abgenommen wird. Dennoch steigt die Erschöpfung. Was ist da los?
Früher war der Feind sichtbar, der den Menschen zu schaffen machte: Zensur, Gewalt, Repression. Heute ist er subtiler: permanente Ablenkung, fragmentierte Wahrnehmung, emotionale Übersteuerung und auch algorithmisch verstärkte Empörung.
Freiheit wird nicht mehr "genommen" – sie wird "zerstreut."
Das Ergebnis ist kein Aufstand, sondern ein Zustand: geistige Müdigkeit.
Und ein müder Mensch entscheidet nicht gut. Er delegiert. Er vereinfacht. Er folgt. – Wobei wir nun gedanklich schon bei den Autokratien landen. Auch da wird gefolgt. Und dennoch ist alles anders: Sie entlasten den Einzelnen von Komplexität. Es werden keine endlosen Debatten mehr geführt, keine widersprüchlichen Wahrheiten verbreitet, auch keine persönliche Verantwortung übernommen. Das alles hat eine verführerische Logik.
„Jemand denkt für dich – und handelt.“
Doch der Preis ist hoch: Wirklichkeit wird nicht mehr gesucht, sondern verordnet. Was effizient wirkt, ist oft nur: die Abwesenheit von Widerspruch.
Will ich das? Nein. Ich bin überzeugt: Die Krise liegt nicht primär in Institutionen. Sie liegt im Inneren der Menschen.
Eine Demokratie zerfällt nicht, weil sie zu viel Freiheit hat – sondern weil zu wenige gelernt haben, Freiheit auch innerlich zu tragen.
Freiheit ohne innere Form wird beliebig. Und Beliebigkeit
erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit ruft nach Führung. So kippt ein System – nicht durch Gewalt,
sondern durch Erschöpfung seiner Träger.
Wenn Demokratie bestehen soll, braucht sie keine kosmetischen Reformen. Sie braucht eine kulturelle und geistige Erneuerung. Und die beginnt überraschend konkret.
1. Die Rückkehr zur Entscheidung
Wir haben uns daran gewöhnt, alles bis zur Unentscheidbarkeit auszudiskutieren.Doch: Nicht-Entscheidung ist auch eine Entscheidung – meist die schlechteste.
Was hilft: Mut zu unvollständigem Wissen, Akzeptanz von Fehlern als Lernform, klare Verantwortlichkeiten statt diffuse Zuständigkeiten
Demokratie muss wieder lernen, zu handeln, bevor sie perfekt versteht. –Auch hier ist schon Zu-Mut-ung im Spiel: Nämlich Risiken auch auszuhalten, ohne sich ständig voll zu blockieren.
2. Denken als aktive Praxis
Viele konsumieren Meinungen wie Unterhaltung. Doch Denken ist kein Konsumgut. Es ist eine Fähigkeit, die trainiert werden muss. Konkrete Hebel: bewusst widersprüchliche Perspektiven suchen, eigene Überzeugungen regelmäßig infrage stellen, langsames Denken kultivieren (gegen die Reizgeschwindigkeit)
Ein demokratischer Mensch ist keiner, der „recht hat“, sondern einer, der prüfen kann.
3. Verantwortung zurückholen
Ein zentraler Irrtum unserer Zeit: „Die da oben sind verantwortlich.“ In Wahrheit: Demokratie funktioniert nur, wenn Verantwortung nicht delegiert wird, sondern zirkuliert.
Das beginnt im Kleinen: lokale Beteiligung, ernst gemeinte Diskussion im Alltag, nicht nur Kritik, sondern eigene Beiträge und Vorschläge. Verantwortung ist keine Last – sie ist das, was Freiheit überhaupt erst real macht.
4. Die Kunst, Ambivalenz auszuhalten
Die Welt ist komplex. Und Demokratie zwingt uns, das auszuhalten. Autokratien lösen das Problem, indem sie Komplexität reduzieren. Demokratien müssen lernen, sie zu tragen. Das bedeutet: Widersprüche nicht sofort auflösen wollen, Unsicherheit nicht als Schwäche sehen, Mehrdeutigkeit als Realität akzeptieren
Das alles ist unbequem – aber es ist die eigentliche Reifeform von Freiheit.
5. Bürokratie entgiften, ohne Willkür zu öffnen
Ein besonders deutscher Schmerzpunkt. Regeln sollten schützen – nicht lähmen. Notwendig wäre: radikale Vereinfachung von Verfahren, mehr Entscheidungsspielräume auf unteren Ebenen, Vertrauen statt Absicherungsketten
Sonst passiert genau das, was wir erleben: Niemand entscheidet mehr – aus Angst, etwas falsch zu machen.
6. Eine neue Streitkultur
Derzeit erleben wir oft moralische Kämpfe statt Erkenntnissuche. Doch Demokratie lebt von etwas sehr Anspruchsvollem: Streit, der nicht zerstört, sondern klärt. Das erfordert: Trennung von Person und Argument, Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen, Respekt vor dem besseren Gedanken – egal von wem.
Das klingt einfach. Ist aber eine der höchsten kulturellen Leistungen überhaupt.
Eine leise Hoffnung
Und hier kommt die entscheidende Gegenbewegung: Der Mensch ist lernfähig. Auch kollektiv. Krisen sind oft Vorboten von Reifung. Nicht automatisch – aber möglich.
Vielleicht stehen wir gerade an genau so einem Punkt: Die Grenzen reiner Freiheit werden sichtbar, Die Kosten geistiger Bequemlichkeit treten hervor, die Sehnsucht nach Orientierung wächst
Das ist kein Untergangsszenario. Es ist eine Einladung.
Ein letzter Gedanke
Demokratie ist für mich kein Zustand, sondern sie ist ein Prozess – und eine Haltung.
Sie lebt nicht von Gesetzen allein, sondern von Menschen, die bereit sind: zu denken, zu tragen, zu widersprechen, und dennoch gemeinsam zu handeln
Wenn das gelingt, dann gilt: Demokratie ist nicht das langsamere System. Sie ist das tiefere.
Und Tiefe schlägt Geschwindigkeit –
nicht sofort, aber am Ende.
© Christa Schyboll